Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 42 (20.10.1922)
- Date
- 1922-10-20
- Page
- Seite 534 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Darum ist uns der Verklärte das ideale Vorbild des wahren Bne Briss Bruders. Allerdings, Gemeinplätze wie die Worte Toleranz und Neutralität liebte er nicht. Besonders war seiner schönen Seele das Ueberhebhche der Worte Toleranz, Duldung zuwider. Wie es der Orden verlangt; er war ehrlich bestrebt und bemüht, den Mitmenschen kennen zu lernen und zu verstehen, und wer die ehrliche Absicht hat, den Nächsten zu verstehen, der wird ihn verstehen, und wer versteht, der duldet gegensätzliche Ansicht mcht, sondern er achtet und würdigt jede, auch die gegensätzliche, ehrliche Ueberzeugung. Und »Neutral« war auch nicht ganz nach seinem Geschmack. Manchmal hat er mir in seinem warmen, niemals verletzenden Humor davon gesprochen, daß neutral sehr oft, fast immer identisch sei mit Langeweile. Neuter, »keines von beiden« ist auch nicht dns Wesen unseres Ordens. Wenn wir im Orden Erörterungen über gegensätzliche Meinungen in Religion und Politik ausschalten, so schützt uns vor Langeweile die umso stärkere Betätigung auf allen sozialen und ethischen Gebieten, wo wir uns eins wissen. Die Pflege der Eintracht, auch darin ist uns Bruder Nobel ein leuchtendes Vorbild/ Und so war es kein äußerlicher Zufall, daß der Veiklärte nicht erst seit seinem Frankfurter Wirken in unserer Loge, sondern bereis in jungen Jahren sich dem Bne Briss Orden anschloß und in allen Stätten seines Wirkens ein treuer, ein begeisterter, ein hervorragender Ben Briss geblieben ist. Was uns Bruder Nobel bedeutet? — In seinem bereits erwähnten letzten Vortrag, am letzten Sabbathausgang seines Lebens, hat er ein Wort gebraucht, das mich sofort in tiefster Seele berührte, das Wort von der Sabbaihlichkeit der Frau — ein Wort, so recht aus seiner schönheitserfüllten Seele. Wir wissen ja alle, wie hoch er die Frau und ihre Bedeutung schätzte. Dies hat uns auch heute abend veranlaßt, unsere Frauen an dieser Gedenkfeier teilnehmen zu lassen. Aber in wie hohem Grade gilt doch das Wort von der Sabbathlichkeit von ihm, unserem dahingegangenen Bruder selbst! Wenn er bei uns sprach, da war der Sabba.h eingekehrt in unsertm Kreise. Aus seinem Auge leuchtete es uns en gegen, wie der Glanz der Sabbathkerzen. Sein Wort stimmte unsere Seele festiägig, es brachte uns die Ruhe und die Weihe; allem Banalen, allen Kläglichkeiten des Lebens und des Werktags waren wm entrückt — Licht, Sabbath war in allen unseren Wohnungen. — Und nun ist sein beredter Mund stille, nun glänzt uns sein sonnenhaftes Auge nicht mehr. Aber der Geist, den Du in uns gepflanzet, das Licht, das Du uns entzündet, wird nicht verlöschen, einer reinen Flamme gleich, ein neirtomid, wird Dein Andenken unvergänglich sein, solange es eine Frankfurt-Loge gibt. Und nun lasset uns Abschied nehmen von ihm mit den Worten seines Meisters Goethe, mit seinem Lieblingsvers, den er so gern, so oft, und so feinsinnig in unserm Kreise variierte: »Auf der Welle blinken tausend schwebende Sterne« — Auf den Wellen der Unendlichkeit und der Ünvergänglichkeit wirst Du über uns schweben, ein unerreichbarer, aber ein blinkender, strahlender Stern, der uns führen soll in dem dunklen Tale unseres Erdenlebens. Wir weinen um Dich, Bruder Nobel, aber wir sind stolz darauf, Dich besessen zu haben: Heil dem Volke, heil der Gemeinde, heil dem Orden, heil uns, der Frankfurt-Loge: denn er war unser. Und unser soll sein Andenken bleiben immerdar! Seicher zaddik liwrochoh. Das Andenken des Gerechten, des vielgeliebten Bruders, es möge uns zum Segen werden! Amen. Br. Dr. Max Michael: Würdiger Präsident, liebe Brüder und Schwestern, verehrte Frau Rabbiner! Im Mussaphgebet der Rausch-haschauno-Tage und des Versöhnungstages, an den Jomim nauro m, den ehrfurchterregenden Tagen, vor einem der Höhepunkte der ganzen Gebetshandlung, spricht der Vorbeter in feierlich rezitativer Weise ein für ihn allein bestimmtes Gebet, das von Jugend auf den stäiksten Eindruck auf mich machte. Der Vorbeter spricht: »Gott und Gott unserer Väter, sei gnädig dem Gebet der Gesandten Deines Volkes. Lehre sie, was sie künden sollen, . . . . . daß sie kein Wort künden, was nicht Deinem göttlichen Willen entspricht, ki chanunecho Haschern hemo chanunim umruchomecho hemo meruchomim denn die von Dir Begnadeten sind wahrhaft begnadet und die Du hebst, sind von wahrhafter Liebe erfüllt.« An diese Gebetsstelle mußte ich denken, so oft das Bild der großen, geistigen und menschlichen Persönlichkeit unseres Bruders Rabbiner Nobel mir vor die Seele trat. Als ein von Gott begnadeter und als ein von göttlicher Liebe erfüllter und göttliche Liebe ausstrahlender großer Beter und Vorbeter unseres Volkes steht das Bild dieses Mannes vor mir, dem unser heutiges Gedenken gilt. Und wenn wir es nicht fassen können und wollen, daß er, der noch vor nicht zwei Wochen auf der Kanzel seiner Synagoge und in dem Lehrhause so ergreifende Worte zu uns sprach, heute nicht mehr unter uns weilt, so wüßte ich nicht das würdiger auszudrücken, was uns bewegt, als durch die Worte des Dichters, in dem Rabbiner Nobel die dichterische Verklärung eigener religiöser Vorstellungen sah. Was würde besser unseren Schmerz charakterisieren, als die Worte aus Goethes Epilog auf Schiller: »Ist’s möglich, soll es unseren Freund bedeuten. An dem sich jeder Wunsch geklammert hält? Den Lebens würdigen soll der Tod erbeuten? Ach, wie verwirrt ein solch Verlust die Welt! 2