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Das jüdische Echo · 1922-10-20 · 42 (20.10.1922) · p. Seite 536

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
42 (20.10.1922)
Date
1922-10-20
Page
Seite 536 (sequence 16)
Language
German
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ich darum, Rabbiner Nobels Religion mit dem Goethe-Wort umschreiben zu dürfen: In unseres Busens Reine wogt ein Streben, Sich einem höheren reinen Unbekannten Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben, Enträtselnd sich dem ewig Unbekannten. Wir nennen’s »fromm« sein. Diese Religion des Frommseins als Grundlage der ganzen Lebensgestaltung, als Ausgangspunkt des Religionsgesetzes, dessen Ausübung ihn als ein Akt religiöser Handlungen stets mit heiliger Freude erfüllte, dieses Frommsein als Quelle des Gebets, dessen Sinn er uns so besonders nahe zu bringen wußte, diese tiefe Religion des Frommseins erfüllte seine Persönlichkeit durch und durch, so daß er, zum Rabbinerberuf wahrhaft begnadet, selber das Bedürfnis fühlte, seine ganze Gemeinde und insbesondere seine Schüler dieser Religion teilhaftig werden zu lassen. Die Kanzel bot ihm diese Möglichkeit, und oft bestieg er sie spontan, nicht weil er das Wort ergreifen wollte, sondern weil das Wort ihn ergriffen hatte. Auf der Kanzel stehend, vereinigte er in sich den Religionsphilosophen und den großen Kenner der jüdischen Literatur, des Talmud wie des Midrasch, den Denker mit dem Dichter, den Künstler mit dem Erzieher. Wenn ihn auf der Kanzel der Sturm religiöser Leidenschaft ergriff, wenn er den Sabbath in stets neuen Farben malte, in der Begeisterung derjomim nauroim, da ballte sich ihm das Wort zum Rhythmus, die Rhythmen flössen zu Melodien, und die ganze Predigt, vielleicht am gewaltigsten am Morgen des letztjährigen Versöhnungstages, floß zu einer gewaltigen Symphonie zusammen; da loderte in ihm das Pathos eines Jesaia, da klagte aus ihm der elegische Schmerz eines Jeremias, es erfüllte ihn die visionäre Kraft eines Ezechiel, es sang aus ihm die den Tod spottende Zuversicht des Psalmisten; es klagte aus ihm des Psalmisten nach Gott dürstende Seele; Gabirols Gottespreisung sang aus ihm und aüe Quellen der Kabbalah hörte man in seinen Reden rauschen. Wahrlich, alles, was in ihm lebte, sprach aus ihm auf der Kanzel, war ein einziger Hymnus auf die Gottheit. Und in wem auch nur ein Fünkchen religiösen Gefühles schlummerte, er mußte sich davon erschüttert fühlen, und in vielen, vielen hat er den Funken zur hellodernden religiösen Flamme entfacht, unter Menschen, die glaubten, ihre Stellungnahme zum Religiösen längst abgeschlossen zu haben, wie ganz besonders aber unter der Jugend, deren Seele ja dem Religiösen so weit geöffnet ist. — Wie der Krieg beendet war, in den letzten Jahren, kam die Jugend von weither, um sich ihm zu Füßen zu setzen, und immer weiter drang der Ruf, daß hier in Frankfurt die Thora eine neue Stätte gefunden hätte. Aus solch freudigem Schaffen heraus, aus einer zweiten Jugend, wie Rabbiner Nobel, sich an Goethe anlehnend, sagte, so wurde er uns plötzlich entrissen und fassungslos stehen wir hier in unserem Schmerze und wollens nicht glauben, daß unser Lehrer und Meister, unser großer Bruder und Vorbild, unser gütiger Erzieher und Berater für immer von uns geschieden ist. Und tief ergriffen sprechen wir mit dem Abendgebet: Umawir jaum umewi leilo. Gott hat uns den Tag vorüberziehen lassen und zur Nacht verwandelt. Der Große ist plötzlich von uns gegangen, aber wir sprechen weiter, uns Gottes unerforschlichem Ratschluß beugend, daß Gott der Lebendige ist, der uns und die Welt > erhält. Und mit dem Dichter sprechen wir: Denn er war Unser! Mag dieses stolze Wort den lauten Schmerz gewaltig übertönen! Nicht dem äußeren Sinne der Zugehörigkeit nach nur war er unser, sondern er war, wie unser verehrter Präsident hier ausgeführt hat, die reinste Verkörperung unserer Logenprinzipien, der »Wohltätigkeit, Bruderliebe und Eintracht«. Er hatte es, seinem eigenen Standpunkt mit Würde vertrauend, dennoch für alle Glieder seiner Gemeinde in gleicher Weise religiöser Berater und Freund zu sein verstanden. So war er uns ein Bruder im besonderen. Bruder Nobel hatte ja die Fähigkeit, sich ganz auszugeben und hinzugeben, und indem er sich zu dem Unsrigen machte, wußte er sich uns zu eigen zu machen. So oft er in unserem Kreise das Wort ergriff, lauschten wir mit tiefer Ehrfurcht, weil er mit dem, was er sagte, uns und unserem Logenleben die höchste und letzte Weihe gab, die Weihe der Religion. Und gerade in den letzten Jahren ergriff er häufiger das Wort, um zu uns zu sprechen, als ob ihn die Ahnung des Todes beflügelt hätte, dem er als einer göttlichen Fügung mit großer seelischer Ruhe in wahrer Frömmigkeit gegenüberstand. Und wenn Rabbiner Nobel in einem seiner letzten Vorträge kürzlich die Aufgabe der Religion, die Aufgabe seiner Religion dahin umschrieb, die Schechinah zu Gott zurückzuführen, so glaube ich, daß wir dieses Gleichnis der Kabbalah füglich als die tiefste Charakterisierung dessen bezeichnen dürfen, was wir als Logenbrüder wollen und sollen. Die Schechinah, die in unserer Seele ihr Zelt, ihr Mischkan aufschlagen soll, die Schechinah, die ihren Namen von der Nachbarschaft zu unserer Seele haben sollte, sie zu Gott zurückzuführen, das, liebe Brüder, ist die große Hinterlassenschaft unseres Br. Rabbiner Nobel: Ihm nachzustreben als Logenbrüder, ihm nachzustreben in unserer ganzen Lebensgestaltung, das heißt: wahrhaft das Andenken unseres Br. Rabbiner Nobel ehren. Und wenn wir es tun, uns bemühen, die Schechinah zu Gott zurückzuführen, dann werden wir wahrhaftige Bne Briss werden und berufen sein mitzuwirken an derGottheit lebendigem Kleid. Verantwortlich für den Inhalt: Dr. E. Finkei, Berlin, Kleiststr. 12. — Druck: Buchdruckerei Wilhelma, Berlin SW,68, Hollmannstr. 10.

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