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Das jüdische Echo · 1922-10-13 · 41 (13.10.1922) · p. Seite 516

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
41 (13.10.1922)
Date
1922-10-13
Page
Seite 516 (sequence 8)
Language
German
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516 Das Jüdische Echo Nr. 41 JLiliüi Uli llllil || Feuilleton ||| iliri'B iin ■i III Eine Laubhüte in New York Ein Lebensbild von Schalom Asch Mitten zwischen den aneinander- und aufeinander drängenden Zinshäusern in einer Gasse auf der Eastseite gab es ein kleines, viereckiges Stückchen freien Platzes; keiner weiß, wie das zuging, daß ein Stückchen Platzes leer und unbenützt in New York stehen kann... Es hieß, der Platz gehöre minderjährigen Waisen und könne nicht verkauft werden; andere sagten, er sei ein Erbstück eines von den Groß-Millionären der 5.. Avenue, welcher ihn unberührt lasse. Doch wie immer es sei — wer vorüberging und das Stückchen Platz auf einer der belebtesten Judengassen leer gähnen sah, dessen Herz zog sich vor Kränkung zusammen und er schmiedete Pläne, wie er zu dem Stückchen Platz kommen könnte. Aber das „zu kommen“ war nicht möglich. Wie immer es sei, niemand wußte warum, aber der Platz wurde nicht verbaut. Er stand eben leer. „Leerstellen“ ist leicht gesagt, aber so mir nichts dir nichts „leer gestanden“ ist der Platz nicht. Der Alteisenhändler von gegenüber hat vorläufig einen Teil seines „Warenlagers“ dort aufgestapelt. Bis man kommt und ihn es abzuführen heißt, wird er es schon abführen. Der irische Bäcker, welcher auch in der Nachbarschaft des Platzes wohnt, hat dort einen Taubenschlag auf gestellt, in dem er seine Tauben hält. Die Kinder des ganzen Viertels spielen auf dem Platz Ball. Und da der Ball nicht viel Bewegungsfreiheit hat, schlägt er jedesmal gegen das Fenster eines anderen Juden in der Nachbarschaft, schlägt eine Scheibe aus, wirft Eßtöpfe herab, welche auf den Fensterbrettern stehen, und die Nachbarn ringsum verwünschen das leere Stückchen Platz und wünschen ihm einen raschen Tod dadurch, daß einer kommt und es verbaut, damit es schon nicht mehr die Tauben des irischen Goj und die gefährlichen Bälle der jüdischen Straßenbengel beherberge. Vor ein paar Jahren hat ein kleines Männlein aus Odessa von irgendwem eine Pachtlizenz auf den Platz herausgekriegt und dort einen „Gefrorenes-Salon“ errichtet. Eine kleine Bude, grün gestrichen, mit ein paar Blumentöpfen geziert, wie es für einen Gefrorenes-Salon paßt. Ein Schild wurde angebracht mit der Aufschrift: „Sommerparadies“. Blumentöpfe vor einem Gefrorenes-Salon waren eine Neuigkeit in der Judengasse, und die Holzbude mit der Aufschrift „Sommerparadies“ wurde berühmt in der ganzen Umgebung. Aus dem ganzen Viertel kamen „Boys“ und „Girls“ ins „Sommerparadies“ frische Luft schöpfen und Eis essen, so daß das „Sommerparadies“ bald in diesem Viertel dem „Coney- Island“ (ein Park in New York) erfolgreiche Konkurrenz bot. Oft sagte ein Jude seiner Frau: Wozu sollen wir uns erst mit dem Omnibus nach Coney-Island schleppen, wir gehen ins „Sommerparadies“. Und obwohl von den Blumentöpfen längst nicht mehr die Erinnerung geblieben war —■ die Blätter hat der Schmutz und der Staub aufgefressen und aus den Näpfen starrten bloß noch schmutzige Stengel, von denen niemand weiß, wozu sie dienen — so hat doch das „Sommerparadies“ einen so festen Ruf im ganzen Viertel, daß von weit und breit Besucher zur „Erholung“ kommen. Weil es eben im Freien steht, wurde es so berühmt. Viele Juden versuchten dem „Sommerparadies“ Konkurrenz zu machen, doch sie konnten es nicht; denn keiner konnte ein Stückchen freien Platzes in dem ganzen Viertel finden, wo er ein zweites „Sommerparadies“ hätte aufstellen können. Im Sommer ist das „Sommerparadies“ eine Eis¬ und Sodawasserhalle. Wenn aber Sukkoth-Zeit kommt, so verwandelt sich das Sommerparadies in eine Laubhütte. Zum ersten Male geschah dies folgendermaßen; Als die Vereinigung „Ansche-Emeß“ in Professor Landhaus Tanzsaal ihr Bethaus eröffnet, wo ihre Mitglieder an jedem Freitagabend und Sabbatmorgen ihre Andacht verrichteten, da suchte sie eine Laubhütte für ihre Mitglieder, wo sie am Morgen an den Sukkoth-Tagen Kiddusch machen könnten. Der Tanzsaal besaß keinen Balkon, und iin der ganzen Gegend ringsum gab es keinen leeren Platz, um dort eine Laubhütte aufzustellen. Da kam der Schammes auf eine Idee: er ging zu dem Juden aus Odessa, dem Besitzer des „Sommerparadies“, und mietete das Sommerparadies für die Sukkoth-Tage. Zwei kleine Dachfenster hatte das Paradies von früher her, also hatte der Schammes nichts weiter zu tun, als ein wenig Reisig aufzulegen, und die Laubhütte war fertig. Die Laubhütte im „Sommerparadies“ war ein Riesenerfolg. Hinein kamen nicht bloß die Mitglieder der Vereinigung „Ansche-Emeß“, sondern alle Juden aus der Umgegend, welche eine Laubhütte für den Kiddusch am Feiertagmorgen suchten. Im nächsten Jahre überlegte der Jude aus Odessa: „Wozu brauche ich die Vereinigung „Ansche-Emeß“? Ich werde selbst aus dem Paradies eine Laubhütte machen und den Gewinn aus dem Feiertagsgeschäft selber einstecken.“ Einige Tage vor Sukkoth heftete der Odessaer Jude ein großes Plakat an sein „Sommerparadies“: Laubhütte zu vermieten! 25 Cents für einen Kiddusch. Schönste Laubhütte von Groß-New York Billiger als überall! Und als die Juden aus der ganzen Umgebung das Plakat lasen, erinnerten sie sich, daß Sukkoth- Zeit sei. Sie dachten an ihre Laubhütten in der alten Heimat, in denen sie behaglich gesessen hatten, schmackhafte Fische und Fleisch gegessen und sich zusammen gefreut hatten; und jeder hatte Sehnsucht nach einer Laubhütte, nach frohen, hellen Festtagen. Viele erinnerten sich ihrer Kinderjahre, als sie dem Vater geholfen hatten, eine Laubhütte zu bauen. Seit sie in Amerika waren, hatten sie keine mehr vor Augen gesehen. An den Tagen vor dem Feste kamen die Leute und lösten sich die Karten. Und am ersten Sukkoth-Morgen kam ein Zug von Juden aus dem ganzen Viertel mit Weinflaschen und Gläsern in die Laubhütte, um Kiddusch zu machen. Das Innere war nicht sehr geräumig, es konnte nicht viel Leute auf einmal fassen; und da waren viele Juden, von allen Vereinigungen des Viertels und J. A. HiNCKELS ZWILLINGSWERK MÜNCHEN / TH EATIN ERST RASSE 8

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