Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 41 (13.10.1922)
- Date
- 1922-10-13
- Page
- Seite 517 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41 Das Jüdische Echo 517 auch' solche, die einfach die Sehnsucht hertrieb, am Sukkoth-Fest in einer Laubhütte zu sitzen. So stellten sie sich denn mit den Flaschen und den Bechern in den Händen in einer langen Reihe vor der Laubhütte an. Der Jude aus Odessa stand bei der Tür und achtete darauf, daß jeder Eintretende ihm die Karte vorzeigte. Und so tritt man ein, macht Kiddusch und geht wieder hinaus. Länger als eine Minute läßt der Odessaer Jude keinen in der Laubhütte weilen; denn die anderen warten. Und manchmal, wenn ein Frommer ein wenig länger in der Laubhütte verweilt, da er das Gebet mit Inbrunst spricht, bevor er Kiddüsch macht, ruft der Jude aus Odessa hinein: „He, Vetter, vorwärts! Die Leute warten!“ „Gleich, gleich“, bittet der fromme Jude, „nur noch eine Minute!“ demeinden-ii.Vereiiis-Echo Nürnberg. Am Dienstag, den 3. Oktober, sprach im Katharinenbau Herr Dr. Schmarja Levin vor etwa 600 Zuhörern über: Das Palästinamandat, die Krönung fünfundzwanzigjähriger Arbeit. In tiefen, durch ihre echte Innerlichkeit den Hörer unwillkürlich in ihren Bann zwingenden Ausführungen, betonte Herr Dr. Levin vor allen Dingen, daß nur dann ein richtiges Verständnis des Zionismus möglich sei, wenn man ihn vom Standpunkte einer gefestigten und haltbaren Geschichtsauffassung aus betrachte. Der Drang nach dem Orient sei der in Wirklichkeit bestimmende Faktor in der Bewegung sämtlicher Völker des Westens während des letzten Jahrhunderts gewesen. Er erinnerte an den Feldzug Napoleons nach Ägypten, an die Bestrebungen des Deutschen Reiches vor dem Kriege durch die Bagdadbahn im Osten Fuß zu fassen, an die Bemühungen der Engländer vor allen Dingen um Ägypten und gliederte den Drang des jüdischen Volkes nach Erez Israel ein in den allgemeinen Zug nach dem Osten. Der Grund dieser Bewegungen, die man mit realpolitischen Mitteln kaum erklären könne, bilde der Umstand, daß die Länder des Westens, als deren Musterbeispiel und Vorbild Dr. Levin mit Recht Amerika hinstellte, zwar auf dem Gebiet der Zivilisation und der Wissenschaft, ja auch der Kunst Hervorragendes geleistet hätten, daß aber keines von all diesen Ländern das Höchste, die Krönung des Ganzen hervorzubringen im Stande gewesen sei —■ eine Religion. Alle Religionen stammten aus dem Osten und ohne sie sei alles Menschenwerk eben doch nur, wie ein Geschöpf ohne Seele, ohne eigentliches Leben. Es sei eine merkwürdige Tatsache, führte Herr Dr. Levin weiter aus, daß die Juden im allgemeinen und die deutschen Juden im besonderen sich offenbar nicht im entferntesten der Tragweite des Palästinamandates bewußt seien. Seit 2000 Jahren sei dem jüdischen Volke nichts auch nur annähernd so Wichtiges begegnet wie der Beschluß des Völkerbundes, Palästina den Juden als nationale Heimstätte anzuweisen. Zwar erfülle der Völkerbund vorläufig noch nicht die Erwartungen, die man an ihn knüpfe, aber wenn er auch in seiner heutigen Fassung vielleicht keinen dauernden Bestand haben sollte, seine Ideen werden nicht wieder aus der Welt verschwinden. Die erste Verkörperung der Völkerbundsidee sei vergleichbar mit den ersten Gesetzestafeln, die nach der biblischen Darstellung am Felsen zerschmetterten; aber die Gebote und Lehren, die sie verkündeten, bleiben für alle Zeiten bestehen. Spätere Geschlechter werden die Bedeutung des Palästinamandates besser würdigen können, sie werden größere Distanz zu den Geschehnissen haben und werden dieses Ereignis den wichtigsten Tatsachen aus unserer ganzen Vergangenheit an die Seite stellen. Mit der Erwerbung von eigenem Grund und Boden sei dem ewigen Umherirren der Juden Einhalt geboten. Nicht etwa, daß nun alle Juden nach Palästina kommen sollten, aber ein großer Teil werde auf eigener Scholle zu einem gesunden freien Volke heranwachsen. Diejenigen aber, die in der Diaspora bleiben würden, empfänden bald, daß sie freier leben und atmen können, da nun eine Nation, ihre Nation, für sie eintritt. In der eigenen Heimat werde das Judentum wie vor Jahrtausenden befähigt sein, Kulturwerte zu schaffen; von der jüdischen Universität aus werde das Wissen und die Erkenntnis großer Männer in alle Welt hinausgehen. Jeder Jude müsse helfen, das Werk zu fördern, jeder müsse für sein Teil zu dem Gelingen beitragen. Mit Geld allein sei nichts zu erreichen, nur durch tätige Mitarbeit könne das Werk gelingen. Mit der Anerkennung unseres Anspruches auf eine nationale Heimstätte sei nur der Grundstein gelegt zu dem Hause, das wir uns selbst erbauen müssen. 37 Plätze seien im Völkerbund besetzt, der 38. sei noch frei, an uns sei es,, ihn bald zu besetzen. Der Wechsel, den die Großmächte auf uns ausgestellt haben, dürfe nicht verfallen, sonst würde der alte Vorwurf von mangelndem Idealismus und Unproduktivität Berechtigung bekommen. Genau wie Dubnow es vor 40 Jahren vorausgesagt habe, sei die große Masse der Juden von Osteuropa nach Amerika gewandert, der kleinere Teil, vor allem Intellektuelle, sei nach Palästina gezogen, und dort haben sich blühende Gemeinwesen entwickelt, in denen die deutsche Jugend eine besondere Zierde bildet. Es sei töricht zu behaupten, daß alle unsere Feinde böse Menschen seien, der gegen uns bestehende Haß habe seine Ursache vor allem darin, daß man Vogelfreie in uns erblickt. Es habe sich herausgestellt, daß die Emanzipation, die dem Juden als Individuum gewährt wurde, nicht der Gesamtheit die wahre Freiheit brachte. Wenn einzelne Juden behaupten, daß wir keine Nation KREIL-UCKO DAS HAU THEATINERSTR* 16 TELEFON 27831 — 32 BIETET BESONDERE PREISVORTEILE IN: KLEIDERSTOFFEN - SAMT UND SEIDE DAMEN- UND JUNG MÄDCHEN-KONFEKTION TEPPICHEN-GARDINEN-DECKEN