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Das jüdische Echo · 1922-09-29 · 39 (29.9.1922) · p. Seite 490

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
39 (29.9.1922)
Date
1922-09-29
Page
Seite 490 (sequence 6)
Language
German
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490 Das Jüdische Echo Nr. 39 Hi IS! I in lllill iililül I | Feuilleton ||| II! ■iil :::: mr Ein Schmaus*) Von D. Frisch mann Eine Geschichte will ich euch erzählen von drei Leuten, die am Versöhnungstage einen Schmaus veranstaltet haben. Nicht etwa in einem geheimen Winkel versteckt, nein, öffentlich, in der großen Synagoge, vor den Augen der ganzen Gemeinde. Nicht einfache Leute waren es, die niemand kennt, vielmehr die vornehmsten, frömmsten Männer der Stadt, der Rabbiner und seine beiden Dajonim, und auch nach dieser Tat blieben sie, was sie gewesen, und die ganze Gemeinde schaute zu ihnen empor wie zu Heiligen... Ich war damals -ein kleines Kind und verstand den Vorgang nicht recht. Aber ich ahnte, daß etwas Großes sich ereigne. Es waren dazumal grausige, finstere Tage. Ein Unglück kam vom Himmel. Zum erstenmal. Man nannte es Cholera... Aus fernen Ländern, aus Asien, kam das Gespenst zu uns und schlich sich in unser kleines Städtchen. Es wütete unbarmherzig in den Straßen und würgte in den Häusern ohne Einhalt. Es raste wild durch die Nächte und ungesehen an den hellen, lichten Tagen. Wer kann die Toten zählen, die ihm zum Opfer gefallen, wer die Namen nennen? Wer kennt die Zahl der frischen Grabeshügel? Am grausamsten wütete die Pest in der jüdischen Gasse. Jung und alt, klein und groß wurden dahin gerafft. Kein Haus, in dem es nicht mehrere Tote gab. Oben im Dachstübchen, über der Wohnung meiner Eltern, fielen an einem Tage neun Söhne, unter uns, in der Kellerwohnung, starb eine Mutter mit vier Kindern. Im Hause gegenüber hörten wir die ganze Nacht schweres Stöhnen, und morgens wußten wir, daß kein Mensch am Leben geblieben war. Die Leichen wärt er und Totengräber stellten ihre Tätigkeit ein, sie konnten nicht mehr bestatten. Die Toten lagen auf der Erde, eine Leiche dicht neben der anderen, und niemand kümmerte sich um sie. So verging der Sommer und dann kamen die heiligen Tage und dann der heiligste aller Tage, der Versöhnungstag. *) Aus dem „Buche von den polnischen Juden“. (Jüdischer Verlag, Berlin 1916.) Das Kol-Nidre-Gebet. Vor dem Betpulte bei der heiligen Lade steht diesmal nicht der Vorbeter mit zwei angesehenen Bürgern, wie es von altersher Brauch ist, sondern der Rabbiner mit seinen beiden Dajonim. Ringsumher brennen die Kerzen und ihre Flammen knistern leise und unheimlich. Die Betenden drängen sich an die Wände heran, gehüllt in ihre Betmäntel und in den weißen Kitteln und weißen Mänteln. An den Wänden schwimmen die Schatten hin und her und bewegen sich unablässig. Sind es die Schatten der Toten, die heute, die gestern, die vorgestern gestorben? Sind sie es, die an den Wänden spuken? Können sie keine Ruhe finden in ihrem Grabe und sind hergekommen? Die Stimme des Rabbiners ertönt und dann die der Dajonim. Ein Seufzer durchfährt den ganzen Saal. Dem Seufzer folgen Worte. Man spricht die Einleitung zum Gebet: „Im Namen Gottes und im Namen der Gemeinde, im Namen des himmlischen und des irdischen Gerichtes gestatten wir, daß man mit den Sündern zusammen das Gebet verrichte.“ Ich lausche. Wozu sagt es der Rabbiner? Wo gibt es denn heute Sünder, wamm erwähnt er dieses Wort? Scheut er sich nicht, den Satan daran zu erinnern, in einer so grausigen Zeit...? Eine herzbeklemmende Angst überfällt mich, und ich spüre, daß die gleiche Angst alle, die da in der Synagoge versammelt sind, alt und jung, umfängt. Da sehe ich, wie der Rabbiner den Almemor besteigt. Wird er heute eine Predigt hersagen? Will er eine Strafrede halten oder will er trösten und Mut einflößen? Allein was ich höre, ist etwas ganz Neues. Ein neuer Brauch, den ich bisher nicht gekannt. Er spricht eine Seelenandacht für die Toten, die in der letzten Zeit gestorben, und nennt sie alle bei ihren Namen. Ach, wie lang ist die Reihe, wie groß die Zahl der Namen, die er nennt. Minute um Minute schwindet und noch ist der Rabbiner nicht zu Ende. Er hätte wahrlich besser getan, die Lebenden aufzuzählen. In jener Nacht hat niemand die Synagoge verlassen. Nach dem Beten sprach man den Schir hajichud, hierauf ging man zu den Psalmen über, dann griff man zu Mischnajoth und hierauf zu anderen heiligen Büchern. Morgens aber fehlten wieder einige Beter. Sie waren plötzlich niedergestürzt und standen nicht "ßiuThallmaier München Thßjaünevfar.tö. rjomo. ^LasQr

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