Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 39 (29.9.1922)
- Date
- 1922-09-29
- Page
- Seite 489 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 Das Jüdische Echo 489 schaftliich erst am Anfang seiner Entwicklung steht. Politisch befand sich Palästina bisher dadurch, daß die Mandatsfrage noch nicht endgültig geregelt war — jetzt ist sie bekanntlich durch die Ratifizierung des Palästinamandates endgültig gelöst in einem provisorischen Zustande. Das hatte einige Unzuträglichkeiten zur Folge. Z. B. verhinderte es die Regierung an der Aufnahme einer Anleihe, die für die Durchführung mancher öffentlichen Arbeit von Wichtigkeit wäre. Wirtschaftlich leidet das Land augenblicklich unter einer Krise, die ein Teil der allgemeinen wirtschaftlichen Weltkrise ist. Seit der Eroberung durch die Engländer ist das ägyptische Pfund als Zahlungsmittel eingeführt. Der hohe Stand dieser Valuta, die nur wenige Prozent unter Goldparität notiert, beeinträchtigt das wirtschaftliche Leben, ähnlich wie auch andere valutastarke Länder, die Schweiz, Holland usw. an den Wirkungen ihrer hoben Valuta laborieren. Nur trifft diese Kalamität Palästina schwerer, weil seine Hilfsmittel weniger entwickelt sind, und weil das Land bisher1 keine Möglichkeit hatte, wirtschaftliche Reserven anzusammeln. Man darf in diesem Zusammenhänge nicht vergessen, daß Palästina Kriegsschauplatz war. Von den Folgen des Krieges haben sich große Teile der Bevölkerung bis auf den heutigen Tag noch nicht erholen können. Trotzdem regt sich allenthalben im Lande der Unternehmungsgeist, die stärkste Entwicklung zeigt Tel-Awiw, die junge Nachbarstadt von Jaffa. In Tel-Awiw herrscht eine Bautätigkeit, die in ihrem stürmischen Tempo an amerikanische Verhältnisse erinnert. Z. Zt. meines Besuches, d. h. noch vor Beginn der eigentlichen Saison, waren bereits 60 Häuser im Bau begriffen. Diese rein jüdische Stadt, die eine weitblickende, umsichtige Verwaltung besitzt, ist ein erfreuliches Beispiel dessen, wa.s jüdische Energie im Aufbau des Landes zu leisten vermag. Auch Haifa ist in lebhafter Entwicklung begriffen. Während Tel-Awiw mehr den Charakter einer Wohnstadt hat, schickt Haifa sich an, ein kommerzielles und industrielles Zentrum zu werden. Eine große Getreidemühle und eine Ölfabrik sind im Bau begriffen. Andere große industrielle Anlagen sind geplant. Eine umfangreiche Eisenbahnwerkstätte, die Hunderte von Arbeitern beschäftigt, ist von El-Kantara nach Haifa verlegt worden und hat ihren Betrieb aufgenommen. Nicht so lebhaft wie in anderen Städten ist die Entwicklung von Jerusalem. Diese Stadt der Gotteshäuser und der religiösen Institutionen, der Regierungsbehörden und des Militärs wird wohl niemals eine gewerbliche Bedeutung erlangen, die der der beiden Hafenstädte ähnlich ist. Dafür ist sie, ihrer großen historischen Bedeutung entsprechend, eine Stadt des internationalen Fremdenverkehrs und spielt dadurch eine gewichtige Rolle in der Zahlungsbilanz des Landes. Erwähnenswert ist noch die kleine Stadt Tiberias. Hier regt sich ebenfalls die Bautätigkeit. Am Ufer des bergumschlossenen Sees in einer Landschaft von hervorragender Schönheit gelegen, mit einer starken, heißen Quelle von großer Heilwirkung ausgestattet, ist die Stadt der zukünfige Badeplatz und Winterkurort Palästinas. Eine wichtige Rolle in Palästina spielt die A r a b e r f r a g e. Ich halte mich nicht für berechtigt, auf Grund meines kurzen Besuches in dieser komplizierten Angelegenheit ein Urteil abzugeben. Indessen habe ich die hier in Frage kommenden Verhältnisse, besonders soweit sie wirtschaftlicher Natur sind, beobachtet. Auch habe ich mit zahlreichen urteilsfähigen Personen im Lande diese Angelegenheit erörtert. Ich bin zur Auffassung gekommen, daß eine friedliche V erständigung mit den maßgebenden arabischen Kreisen durchaus möglich ist. Die Araber sind zu klug, um nicht einzusehen, daß sie von einer Mitarbeit der Juden an der wirtschaftlichen Erschließung des Landes auch ihrerseits große Vorteile haben. Umgekehrt können die Juden, die fremd und mit den Verhältnissen unbekannt in das Land kommen, von den Arabern manche Förderung erfahren. Ich glaube deshalb, daß der Verständiigungswille auf beiden Seiten zuletzt doch den Sieg davon tragen wird. Zum-Schluß möchte ich noch der Chaluzim, der jüdischen Pioniere gedenken. Wenn man durch das sonnenhelle Land fährt, sieht man ihre weißen Zeltlager allenthalben auf Bergen und in Tälern glänzen. Die jüdischen Arbeiiterkolonien machen Land urbar, bauen Straßen, errichten Häuser und entwässern Sümpfe, sie arbeiten mit starker Hingabe auf dem Boden der Väter. Obgleich die Chaluzimfrage noch mancherlei ungelöste Probleme enthält, glaube ich doch, daß man berechtigt ist, auf diese jungen, tatkräftigen Einwanderer große Hoffnungen zu setzen. Sehr wichtig ist die Unterstützung Palästinas mit Kapital, denn die Zufuhr von Kapital ist die Voraussetzung für die Ansiedlung jüdischer Arbeiter. Erez Israel ist eine Angelegenheit jedes einzelnen Juden ohne Rücksicht auf seine sonstige Einstellung zu den religiösen oder politischen Fragen der jüdischen Gegenwart. Wenn es uns gelingt, dort eine jüdische Heimstätte voll Gesundheit und Lebenskraft zu schaffen, wird Erez Israel auch für die im Golus lebenden Juden eine Quelle der Freude und des Segens werden. (Aus der Leipziger Jüdischen Zeitung.) ~erren-Jteden u./a'ßfIej//asyJcAneidef£l, <j7ierufciftrctffe