Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 39 (29.9.1922)
- Date
- 1922-09-29
- Page
- Seite 488 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103027-9145577--05231-9077899- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
488 Das Jüdische Echo Nr. 39 Institutes auswirken muß. Es sind eben die Aufgaben eines Parlaments, einer Körperschaft, die für das Wohl und Wehe des Volkes verantwortlich ist, durch dessen Vertrauen sie zu ihrem Amte berufen wurde, die dem Kongresse zufallen werden. Und dies alles wird auf die eigenartigen spezifischen Verhältnisse des jüdischen Volkes anzuwenden sein. Neben Arbeiten, wie sie jedem Gemeinwesen eigentümlich sind, wie Aufstellung eines Etats, Festsetzung von Einnahmequellen zur Bilanzierung des Etats, Formulierung von für alle Volksgenossen bindenden Beschlüssen (Gesetze), Abschluß diplomatischer Verträge usw. wird der Kongreß für eine geregelte Einwanderung, für Verbreitung des jüdischen Volksgedankens unter Juden und Nichtjuden, Hebung der Erkenntnis von der Notwendigkeit des Aufbaues und noch vieles andere mehr zu sorgen haben. Und nun sehen wir ganz deutlich. Auch dieser Weltkongreß, für und gegen dessen Zustandekommen die jüdische Presse aller Länder augenblicklich sich einsetzt, kann wiederum letzten Endes nur eine Zusammenkunft von Männern und Frauen, dlie sich zum jüdischen Volke bekennen, wird also nicht „Welt“- sondern Volkskongreß sein. Man könnte nun der Meinung sein, es handle sich also im wesentlichen wieder um einen Zionistenkongreß, wenn auch mit etwas veränderter Aufmachung. Nichts wäre unrichtiger. Von einer positiven Einstellung zum jüdischen Volke bis zum Zionismus ist noch ein weiter Weg. Gibt es schon viele bei uns Juden, die zwar die Tatsache des jüdischen Volkes zugeben und ihre Zugehörigkeit zu ihm anerkennen, aber im Gegensatz zu uns hierin etwas Beklagenswertes, ja ein Unglück sehen, so haben wir eine ganz außerordentlich starke und ständig wachsende Zahl von Menschen vor allen Dingen bei unserer Jugend, die silch als bewußte Glieder des jüdischen Volkes fühlen und doch aus einer Reihe von Gründen vielleicht weniger prinzipieller als persönlicher Art nicht glauben, sich Zionisten nennen zu können. Wir meinen die Kategorie jüdischer Menschen, die man schlagwortartig als Nationaljuden bezeichnet. Die Mehrzahl der in den Verbänden der Orthodoxie Organisierten hat eine durchaus positive Einstellung zum jüdischen Volke. Wieder andere Umstände, Bedenken religiöser Natur sind es, die sie davon abhalten, sich zum Zionismus zu bekennen. /Ve uh ci us ers/r. 15, gegenüber der alten JlRademie [eine ~Jferrenfchneiderei ■ (Srsf/d'Stoffe! Für die Ostjuden als Gesamtheit existiert die Frage, ob die Juden Religions- oder Volksgemeinschaft sind, überhaupt nicht. Diese Dinge werden für sie erst dann zu Problemen, wenn sie lange genug mit ihren in den Ländern des Westens wohnenden Brüdern zusammengelebt haben. Und doch ist ein großer Teil von ihnen weit entfernt davon, das Basler Programm, die Forderung der öffentlich-rechtlichen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina anzuerkennen. Für alle diese Menschen wird der neue Kongreß die Möglichkeiten zu finden haben, sich an einer Gesamtvertretung des jüdischen Volkes zu beteiligen. Sie alle werden die Lasten auf sich nehmen müssen, die dadurch erwachsen, und die Rechte erhalten können, die hieraus entstehen. Wir sehen, daß die Zionisten auf dem neuen Kongresse eine Minorität bilden werden. Aber, wird man einwerfen, ist es nicht eine zionistische Behauptung, daß alle Juden, ob sie nun wollen oder nicht, Glieder des jüdischen Volkes sind? Wir glauben allerdings, daß es unmöglich ist, aus dem Judentum auszutreten und in das Judentum einzutreten, wie es bei einem religiösen Vereine möglich wäre. Wir sind der Ansicht, daß der Taufzettel nicht gleichzeitig eine Austrittsbestätigung aus dem Judentum; bedeuten kann und die Erfahrungen des täglichen Lebens, die Reaktion der Umwelt auf die Taufe von Juden beweisen uns die Richtigkeit unserer Anschauungen ja immer wieder aufs neue. Doch haben wir wahrlich keine Veranlassung und vielleicht nicht einmal das Recht, Menschen gegen ihren Willen Mitbestimmungsrechte über das Schicksal einer Gemeinschaft zuzusprechen, von der sie nichts wissen wollen, die sie täglich und stündlich verleugnen. Es ist unsere Überzeugung, daß Schritt für Schritt, Mann für Mann die Mehrzahl dieser „Neinsager“ zu uns kommen wird und es ist sicher, daß sie dann ihren Platz bei uns finden müssen. Heute jedenfalls sind wir noch nicht so weit. An Opposition wird — und das ist gut — auf dem Kongresse kein Mangel sein. Aber die Opposition wird getragen werden von Leuten, die berechtigt sind zur Kritik, da sie Kritik üben werden, weil sie es besser machen wollen, weil sie das Gelingen des Werkes als eigenes, dringendes Bedürfnis empfinden werden. Der Ruf zum Kongresse des jüdischen Volkes wird bald hinausgehen in alle Länder der Welt. Prüfe sich jeder, ob er gestaltend Teil haben darf an der größten Aufgabe, die je einem Volke gestellt wurde. Li-r. Die Lage in Palästina Von Dr. Ing. W. Majerczik Herr Dr. Majerczik, welcher dem Diirektionskreise der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft (A.E.G.) in Berlin angehört, bereiste kürzlich Palästina in Verbindung mit der Durchführung des Ruthenbergprojektes. Seine Eindrücke, die er uns auf Wunsch übermittelt, dürfen besondere Beachtung beanspruchen. Von Mitte März bis Ende April 1922 war ich in Erez-Israel. Meine Reise dorthin erfolgte im Zusammenhang mit den bekannten Rutenbergschen Projekten. Ich habe das Land1 in allen seinen Teilen bereist, meistens per Auto, und will nun im Folgenden kurz meine Eindrücke schildern. Wenn. man sich über Palästina eine richtige Vorstellung machen will, muß man von der Tatsache ausgehen, daß das Land politisch und wirt-