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Das jüdische Echo · 1922-09-22 · 38 (22.9.1922) · p. Seite 476

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
38 (22.9.1922)
Date
1922-09-22
Page
Seite 476 (sequence 4)
Language
German
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476 Das Jüdische Echo Nr. 38 zu fördern, bedarf es jedes einzelne Mal einer besonderen Willensanstrengung, und diese Anstrengung wird nicht gemacht und kann nicht gemacht werden, wenn nicht im Innern des jüdischen Menschen eine jüdische Kraftquelle vorhanden ist, die ständig die Energie für diese immer wieder zu erneuernde Anstrengung liefert. Dieser Stand der Dinge ist nicht unbekannt, auch nicht im deutschen Judentum. Wie oft ist z. B. von der Kanzel herab Klage geführt worden, — wenn auch mit geziemender Mäßigung — über die Leere der Gotteshäuser, über die Unwissenheit von Jung und Alt in jüdischen Dingen, über die Interesselosigkeit jüdischen Fragen gegenüber. Nach solchen Gottesdiensten kann man von den Zuhörern Äußerungen hören wie: „Heut hat er (gemeint ist der predigende Rabbiner) wieder sehr schön gesprochen, wie man jüdischer sein sollte und daß man zu wenig in die Synagoge kommt. Na ja, man hat halt so wenig Zeit. Er spricht übrigens ausgezeichnet. Wie steht eigentlich heute der Dollar?“ Allen, die so oder ähnlich reden, überhaupt den meisten Juden, die den Zusammenhang mit dem Judentum noch nicht völlig verloren, schwant es, daß irgend etwas mit ihrem Judentum nicht in Ordnung ist, daß irgend etwas gegen den Rückgang alles Jüdischen getan werden sollte. Sie werden niemals zugeben, daß sie den Untergang des Judentums wünschen; — nur ganz wenige wollen ihn tatsächlich bewußt und konsequent. Die Meisten sind für die Politik des „Fortwursteins“: „es ist so lange gegangen; es wird schon weiter gehen. Es mag manches nicht in Ordnung sein; aber schließlich hat das Judentum stets irgendwie zusammengehalten; es wrird auch daran nicht zugrunde gehen.“ Allenfalls werden Hausmittelchen probiert: man gründet einen Verein oder gibt ein belehrendes Buch heraus. Diejenigen, die auf diesem Standpunkt stehen — undi das tun mehr oder weniger die meisten deutschen Juden — vergessen die eine fundamentale Tatsache, daß die Zeit gegen uns arbeitet. Es ist kein Zufall, daß das Jüdische zurückgedrängt wird, und es wird von selbst keinen Fußbreit Terrain zurückgewinnen, wenn der Zustand, in dem wir uns befinden, weiter andauert. Wir befinden uns in einer geistigen und seelischen Blockade und im Ringen mit einem übermächtigen Gegner; nach den alten Rezepten sind wir ohne Aussicht auf Verstärkung von innen oder von außen. Daher muß, wenn sich dieser Zustand auch nur unverändert weiter fortsetzt, gegenüber der alten Jkedemie in früherer oder späterer Zeit ein Zusammenbruch kommen. Diese Prognose konnte man schon seit Jahrzehnten schon vor dem Krieg steilem als es noch eine gewisse gleichmäßige Entwicklung des jüdischen Schicksals gab. Heute muß man dieser Entwicklung eine starke Beschleunigung Voraussagen, denn durch die Ereignisse der Kriegs- und Nachkriegszeit haben die Mächte der nicht jüdischen Umwelt, die sich unser bemächtigen und das Jüdische zurückdrängen, eine ungeheure Verstärkung erfahren. Die Wirtschaft und Politik, um zwei der wichtigsten zu nennen, tyrannisieren bei der Unsicherheit und dem täglichen Wechsel der Weltlage den Menschen noch in ganz anderem Maße als vor dem Krieg, die Gleichgültigkeit gegenüber allgemeinen Ideen und der Egoismus, der sich in ihrem Gefolge breit macht, sind erst recht verderblich für die Reste jüdischen Gefühls und Willens, die immerhin bei vielen noch vorhanden waren. Kurz, man muß sich sagen, daß wir einem beschleunigten Ende entgegensehen-wenn es uns nicht gelingt, jene jüdische Kraftquelle im Innern des jüdischen Menschen zu erschließen, die ilhim dazu verhiilft, immer aufs neue den Kampf für das Jüdische gegen das Unjüdische in sich aufzunehmen. Was kann die in uns schlummernde jüdische Persönlichkeit dazu bringen, zu erwachen, sich auf sich selbst zu besinnen und zum Widerstand, ja zum aktiven Zurückdrängen des überwuchernden nichtjüdischen Elements im jüdischen Menschen überzugehen? Nur die leidenschaftliche Hingabe für ein großes jüdisches Z i e 1, für das einzige wahrhaft große jüdische Ziel, das es heute gibt, diie Zusammenfassung des gesamten jüdischen Volkes zur Schaffung des jüdischen Zentrums in Palästina. Der Zionismus, die Idee der Menschen, die diesem Ziel zustreben, war ja schon in den vergangenen 25 Jahren die einzige Macht, die durch ihre direkte und indirekte Wirkung, durch die Leidenschaft ihrer Anhänger für das Judentum manche dipr scheinbar von der Assimilation eroberten Positionen zurückgewann. Ohne die zionistische Bewegung, ohne die Inbrunst ihrer Anhänger stände heute schon ein ungeheurer Teil der jüdischen Jugend in völliger Abkehr vom Judentum, der jetzt nach Palästina strebt oder doch von den Ausstrahlungen des Zionismus soweit beeinflußt ist, daß er ein Bekenntnis zum Judentum als selbstverständlich betrachtet. Aber ein bloßes Bekenntnis zu einem Judentum, das zu nichts _ verpflichtet, genügt nicht. Es genügt nur der leidenschaftliche Wille, das jüdische Land mitaufbauen zu helfen, dieses Land, das je mehr es sich entwickelt, umsomehr auch die Herzen des Diasporajudentums zu sich heranzieht, das, wenn es erst 'eiin starkes, vollentwiekeltes jüdisches Zentrum in sich birgt, eine jüdische Wirkung auf die Juden der Zerstreuung ausüben wird, der sie sich nicht werden entziehen können. Ein jüdischer Kraftquell wird dort entstehen, der dem innerlich bedrängten Diasporajuden eine unermeßliche, sich immer wieder erneuernde Hilfe bieten wird in seinem jetzt scheinbar aussichtslosen Ringen mit dem Unjüdischen. Bis dahin aber wird schon die Hingabe für das große Ziel den Juden innerlich stärken, wird ihn immerfort veranlassen, den Juden in sich zu prüfen, ihn wetteifern zu lassen mit dem erträumten Juden, der einst in dem vollerblüihten jüdischen Palästina wohnen wird. Nie war der wahre Zionismus, der Zionismus der Hingabe und der Tat, nicht bloß der Gesinnung und Meinung dem jüdischen Volke nötiger als heute. Niemals wird aber auch sein Wurzelfassen bei

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