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Das jüdische Echo · 1922-09-22 · 38 (22.9.1922) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
38 (22.9.1922)
Date
1922-09-22
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nummer 38 22. September 1922 9. Jahrgang Verlag und Redaktion des Jüdischen Echo wünschen ihren Lesern und Freunden nmto nD'nm raro Leschanah towah! „Die Zeit arbeitet gegen uns.“ Im Kriege bat einmal ein Ententeminister gesagt: „Die Zeit arbeitet gegen Deutschland“. Damit wollte er sagen: Es braucht gar kein neues, besonderes Ereignis zu Ungunsten Deutschlands mehr einzutreten; der gegenwärtige Zustand der Blockade, des Abgeschnittenseins Deutschlands von Nahrungsmitteln und Rohstoffen von außen, des mangelnden Ersatzes an diesen Dingen und an Menschen im Innern, sowie die bestehende Übermacht der Entente über die Zentralmächte braucht nur fortzubestehen und sich auszuwirken, so ist die Niederlage Deutschlands unvermeidlich. Leider hatte er recht, und daß man den wahren Zustand der Dinge bei den leitenden Stellen in Deutschland nicht früh genug oder überhaupt nicht erkannte, hat bewirkt, daß es zu einem so fürchterlichen Zusammenbruch kam,. Auch gegen das Judentum in der Zerstreuung arbeitet die Zeit. Das Judentum hat sich gegenüber die übermächtige unjüdische Welt, die auf alle Weise, nur nicht auf jüdische Weise auf es einwirkt Dabei ist noch diejenige Einwirkung, die gemeinhin die meist gefürchtete und verabscheute unter den Juden ist, in diesem Zusammenhang keineswegs die gefährlichste. Der Antisemitismus hat uns tiefe Wunden geschlagen, aber dem inneren Judentum, dem jüdischen Gefühl hat er doch nur bei verhältnismäßig wenigen und dazu noch minderwertigen Elementen Abbruch getan. Nein, der Feind, der den Juden in uns zermürbt und unterhöhlt, präsentiert sich in viel harmloserer und angenehmerer, dabei kaum, vermeidbarer Form. Auf dlem Weg über die Interessen des Juden in Wirtschaft und Politik, in Literatur und Kunst, über die Sitte und das Reicht, über seine Unterhaltungen und Vergnügungen dringt das Nichtjüdische, das Unjüdische in sein Inneres ein. Und es ist noch das Geringste, was es dort tun kann, daß es das Interesse des Juden so intensiv beansprucht, daß es seine Zeit so stark ausfüllt, um ihm für das eigentlich Jüdische, für die jüdische Religion, für die Beschäftigung mit der jüdischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nichts oder nur wenig übrig zu lassen. Fast nie aber kann er anstatt oder auch nur neben all diesen Gegenständen: Wirtschaft und Politik, Literatur und Kunst, Sitte und Recht und allem anderen Jüdisches derselben Art in sich aufnehmen. Jedoch der unjüdische Inhalt, der in uns ein dringt, tut bei sehr vielen von uns noch mehr: er veranlaßt si!e, dem Nichtjüdischen, das ihnen als allein erstrebenswert und der Aufmerksamkeit würdig erscheint, noch mehr Kraft und Zeit zuzuwenden, als es schon ohnehin zwangsläufig für sich beansprucht. Das Jüdische muß in einem Winkel stehen und bescheiden warten, bis es gerufen und ihm gnädig für ein halbes Stündchen und vielleicht sogar ein bischen länger ein wohlwollendes Interesse gewidmet wird. Denn alles andere ist ungeraten da und drängt sich gewaltsam auf; nur das Jüdische nicht, das man ja nicht nötig zu haben glaubt, wenn es silch nicht etwa um die „Versicherungsprämie gegen den Antisemitismus“ handelt, wie der Beitrag zum Zentralverein in den Blättern dieses Vereins selbst so geschmackvoll bezeichnet wird. Ein Beispiel: die Kindererziehung. Wenn unsere Kinder schulpflichtig werden, schicken wir sie, wie das vorgeschrieben ist, in die Schule; in die allgemeine natürlich, eine jüdische iist meist nicht vorhanden, und, wenn doch: „Mein Gott, die Kinder müssen auch etwas anderes sehen und hören als Jüdisches!“ (Offenbar ist dafür sonst nicht hinreichend gesorgt!) Nun fängt dite Schule an auf Geist und Gemüt der Kinder einzuwirken — neun bis zwölf Jahre lang. Da brauchen wir nicht dafür zu sorgen, daß sie deutsche Märchen kennen lernen, daß siie etwas von den Irrfahrten des Odysseus und den Abenteuern Thors und Wotans, von Friedrich Barbarossa und Martin Luther, vom Kölner Dom und Goethes Iphigenie hören. Das kommt ganz von selbst, ohne unser Zutun. Aber das Jüdische? Können die zwei Wochenstunden Religionsunterricht, die leider vielfach auch den bescheidenen Ansprüchen, die man an sie stellen könnte, nicht genügen (daß sie es nicht tun, beruht wieder! auf dem mangelnden Interesse, das die Eltern an ihnen nehmen), können sie auch nur annähernd eine ähnliche Durchbildung in jüdischen Dingen gewährleisten, wie sie in den 30 und mehr übrigen Stunden in den nichtjüdischen Gegenständen erfolgt? Was bleibt übrig für das Hebräische, für jüdische Geschichte, für jüdische Literatur und Wissenschaft? Fast nichts, es wäre denn, daß durch eine besondere Willensanstrengung der Eltern und des Kindes, durch besondere Unterweisung, die aus der knappen Freizeit mühsam heraus geschlagen wird, den Umständen zum Trotz eine gewisse jüdische Bildung entsteht. Ein anderes allgemein bekanntes Beispiel: Der Sabbath. Der Sontag sorgt schon selbst dafür, daß er uns als der Fest- und Ruhetag erscheint. Die allgemeine Gewerberuhe, die festlich gekleideten Menschen, das Glockengeläute, die Scharen hin ausziehender Wanderer, die eigene Möglichkeit an diesem Tage ungestört seinen Neigungen leben zu können, und dazu die Woche für Woche erfolgende Wiederholung dieser Eindrücke bewirken, daß uns unwillkürlich dieser Tag als der wöchentliche Ruhetag erscheint. Wollen wir den Sabbath als Ruhetag feiern, so bedarf es wieder einer besonderen Willensanstrengung; wer es tut, muß mancherlei Unbequemlichkeiten und wirtschaftliche Nachteile auf sich nehmen^ und; auch dann wird der Umstand, daß unser Sabbath von der Allgemeinheit als Alltag betrachtet wird, sich immer wieder störend dazwischendrängen. Und so steht es in Allem und Jedem: Das Nichtjüdische, das uns umgibt, bildet von selbst in irgend einer Weise den Inhalt unseres Lebens. Es kommt zu uns unvermerkt durch tausend Kanäle und wir können und wollen uns ihm nicht entziehen. Um aber das Jüdische nicht verdrängen zu lassen, um es im Gegenteil zu entwickeln und

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