Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 35 (1.9.1922)
- Date
- 1922-09-01
- Page
- Seite 440 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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440 Das Jüdische Echo Nr. 35 Konsequenz alles dessen unablässig die Gleichberechtigung in- und ausländischer Juden — unter Zubilligung einer verständigen Wartezeit — fordern. In jüdischen Dingen sind wir eben alle Juden, die gegenseitig einander zu geben und zu fordern haben —^Erziehungsaufgaben im eminentesten Sinne, denen wir uns nicht entziehen dürfen. Die Schwierigkeiten, die etwa in der Besetzung der Steuerausschüsse vom Gesetzgeber geschaffen sind, können leicht überwunden und vermieden werden. Wir Juden verbinden mit unseren jüdischen Angelegenheiten keinerlei politische Zwecke, die irgendwie in Widerspruch geraten könnten mit unserer innerpolitischen Stellung oder die außenpolitische wirken sollen. Sie sind rein jüdisch, reim religiös und sozial, während in anderen Kreisen die kirchlichen Fragen auch politisch orientiert sind'. An und1 für sich mischen sich die Zionisten in die religiösen Differenzen nicht ein, so sagt die 4. These, wir haben nur darüber zu wachen, daß kehre Maßnahme die Schwächung, sondern die Stärkung der Jüdischkeit bewirke. Mit allem Nachdruck setzen wir uns ein für die hebräische Sprache in Synagoge und Schule, für die Erhaltung unserer altjüdischen Gebete. Es soll daher besonders Augenmerk gerichtet werden auf die Tätigkeit der Schulausschüsse. Die Gemeinden sollen gewonnen werden für die jüdische Schule und für die Pflege hebräischer Sprache und Kultur bei jung und alt, für tüchtige jüdische Lehrkräfte, die sorgenlos sich dem Dienste der Gemeinde im altjüdischen Sinne widmen können. Die Gemeinde soll eine Zentralstelle zur Pflege der gesamten jüdischen Wohlfahrt in kultureller und sozialer Hinsicht werden. Der Gemeinde soll die öffentliche Rechtsvertretung der jüdischen Interessen den staatlichem Behörden gegenüber obliegen — 5. These. Wie ganz anders wird es wirken, wenn die jüdischen Gemeinden selber ihr Recht fordern, sich gegen Unrecht und Verleumdung zur Wehre setzen und ihre Würden selber wahren. Dafür in der Gemeindestube zu wirken, gehört auch zu den Pflichten und Aufgaben eines zionistischen Vertreters. Fundament aller Jüdischkeit, jeder jüdischen Gemeinde und jeder jüdischen Einzelseele ist der jüdische Geist, wie er uns in Schrift und Tradition aller Art begegnet. Dafür schaffe die Gemeinde Gelegenheit, ihn zu pflegen mit der Errichtung jüdischer Schulen, jüdischer Bib1iogegenüber der alten Jlkademie theken und Lesezimmer, jüdischer Volkshochschulkursen und Bildungsstätten für jüdisches Schrifttum im weitesten Sinne des Wortes, der hebräischen Sprache und Literatur! So Amhaar ez ohiossid! Der schlimmste Feind des Judentums war noch immer die U n w i ssen h eit! Diese Thesen bergen also eine Fülle von Aufgaben. Sie sind des Schweißes der Edelsten wert — mögen sich die rechten Männer finden, die willens und fähig sind, ihnen zum Siege zu verhelfen und damit dem Siege des Judentums über seine Bekenner! Zum Schlüsse noch eines! Wir Zionisten streben von jeher mit allem Nachdrucke darnach, die Einheit des Judentums zu erhalten. Gerade in der Gemeinde bietet sich dazu reichlich Gelegenheit, daran zu arbeiten. Die Gegensätze sind groß und scheinbar ist oft nicht abzusehen, wie die Gemeindeeinheit zu wahren sei. Gerade in den letzten Monaten sind in den Großgemeinden München und Nürnberg Gemeindeverträge zustande gekommen unter erheblicher Mitwirkung von Zionisten, die dieses Ziel ermöglichen ließen: ohne Gewissenszwang kann jeder Jude seiner Gemeinde treu bleiben, und findet für seine jüdische Betätigung freie Bahn; die religiösen Gruppen sind unabhängig, aber sie leben in Frieden miteinander! Nicht Friedhofsruhe, sondern jener Friede herrscht, der nach einem talmudischen Worte das Instrument des tiefsten Segens bildet. Dasselbe bildet auch der Gemeindeverband ■— mögen in edlem Wettbewerb alle daran arbeiten, geistige Kräfte im Dienste des Gesamtjudentums zu entfalten! Jüdische Turner Von Ernst Simon II, Würzburg Die Betrachtung der Lebensweise der Völker zeigt uns, daß in der Erziehung die Leibesübungen einen umiso höheren Platz einnahmen, je weiter die Erziehung überhaupt vorgeschritten ist. Der wirkliche Pädagoge — im Altertum und in der Neuzeit — hatte es erkannt: Die Untrennbarkeit von Körper und Geist bedingt, daß in der Erziehung beiden ein gleich geordneter Platz eimzuräumen und die Kunst des Erziehens besteht gerade darin, beiden gerecht zu werden. Den primitiven Völkern gilt dies als Selbstverständlichkeit, ein Streit hierüber ist dort kaum möglich. Anders jedoch bei Völkern, die eine weitere Entwicklung hinter sich haben. Das historische Beispiel zeigt, daß mit der stärkeren Schulung des Geistes alles Körperliche als minderwertig betrachtet und damit zurückgestellt wird. Es bedarf erst einer Wiedererkenntnis, um das, was im früheren Stadium für selbstverständlich gehalten wurde, wiederzufinden. Die Erkenntnis kommt zumeist, wenn sich ein Volk durch irgendwelche äußeren oder inneren Gründe auf si'ch selbst besinnt. Diese Entwicklung zeigt sich immer dann als gut, wenn ihre Ziele positiv gerichtet waren, wenn man vor Augen hatte, das Volk zu stärken, damit es auf allen Gebieten recht viel leiste, geistig wie körperlich. Schlecht erwies sie sich, wenn negative Ziele vorschwebten. Bereitschaft zum Kriege u. ä. Und so finden wir, daß mit dieser Erkenntnis auch immer ein bedeutender kultureller Fortschritt verknüpft war. Ich nenne nur Plato für die alte, Rousseau Basedow für die neue Zeit. Unter den Juden setzte mit dem Beginn der zionistischen Bewegung eine ähnliche Richtung