Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 34 (25.8.1922)
- Date
- 1922-08-25
- Page
- Seite 428 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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428 Das Jüdische Echo Nr. 34 Auf die Frage, was ihn überhaupt veranlaßt habe, Palästina zu besuchen, antwortete er: Ich habe dem Palästinagedanken stets warmes Interesse entgegengeb rächt. Dem Zionismus jedoch stand und stehe ich heute noch ferm da ich mich meinem deutschen Vaterland verwurzelt fühle und die im Zionismus sich geltend machenden nationalistischen Tendenzen ablehne. Erst als neuerdings der Keren Hajessod auf neutraler Grunlage errichtet wurde, habe ich es freudig begrüßt, daß endlich auch dein Nichtzionisten wieder die Gelegenheit geboten ist, mit materiellen Mitteln für Palästina einzutreten. Noch aber war ich bei dem Widerstreit der Meinungen skeptisch über die Möglichkeit des Aufbauwerkes in dieser Zeit und so entschloß ich mich, im Frühjahr dieses Jahres zu einer Palästinareise, um das Land und seine Entwick'lungsmögliehkeiten aus persönlicher Erfahrung kennen zu lernen. Ich bin also mit durchaus kritischen Augen hingegangen. Zurückgekommen aber bin ich mit der Anschauung, daß der Aufbau Palästinas durch Juden möglich ist und der Judenheit der ganzen Welt zur Ehre gereichen wird. Mein Wille, an dieser Arbeit teilzunehmen, ist durch meine Erfahrungen gestärkt worden und heute bin ich entschlossen, mich mit aller Kraft in den Dienst des Keren Hajessod zu stellen. Was zunächst das Land selbst betrifft, so ist es von einer eigenartigen und manchmal überwältigenden Schönheit. Der starke Eindruck wird für Juden noch erhöht dadurch, daß es kaum eiben Fleck in diesem Lande gibt, der nicht mit großen historischen Erinnerungen verbunden ist. Ich war volle sechs Wochen im Lande und habe alle Zentren des jüdischen Lebens besucht. Ich habe Wert darauf gelegt, mit der Bevölkerung in engen Kontakt zu kommen und habe nicht flüchtig im Auto das Land bereist. Das Land, das, wie historisch feststeht, im Altertum überaus fruchtbar war, ist heute durch Kriege, Verwüstungen und eine jahrhundertelange Mißwirtschaft zum größten Teile völlig verwahrlost und verwüstet. Überall aber, wo das Land in sachgemäßer Weise bearbeitet wurde, sah ich die Arbeit dem Landwirt reiche Früchte bringen. Das ist umso wichtiger, als das Land einmal an Bodenschätzen airm ist und andererseits die Erneuerung des jüdischen Menschen in Palästina nur vom Boden ausgehen kann. Die Grundlage für den Aufbau des Landes bildet also die landwirtschaftliche Kolonisation. Ich habe fast sämtliche älteren Kolonien, deren Gründung bis in die 80er und 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts zurückreicht, durchwandert. Manche Me u hcru sers fr. 15, gegenüber der alten Akademie Mißstände habe ich dabei beobachtet — denn es ist klar, daß in wenigen Jahrzehnten ein Bauerngeschlecht nicht heranwachsen kann —, aber das Erfreuliche üb erwog. Manche dieser Kolonien nahmen sich wie freundliche deutsche Dörfer aus, und die blühenden Plantagen Judäas, wo Orangen, Zitronen, Mandeln und Trauben in köstlicher Qualität gedeihen, ebenso wie die Saatfelder von Galiläa und Samaria haben Herz und Auge erfreut Die gesunden und kräftigen Gestalten der Söhne der Kolonisten beweisen, daß hier ein neues Geschlecht heranwächst Man muß mit ihnen auf dem Feld und in den Pflanzungen zusammen gewesen sein, man muß sie bei ihrer Arbeit gesehen haben, man muß mit ihnen geritten und gefahren sein, um zu erkennen, welche Umwandlung in diesem Geschlecht vor sich gegangen ist Natürlich trifft dies nicht auf alle Kolonisten zu; aber diese Entwicklung bei einem großen Teil muß uns mit Freude und Genugtuung erfüllen. Hier begreift man die große Bedeutung des Mannes, von dessen Verdiensten für das Judentum sich nur derjenige eine Vorstellung machen kann, welcher im Lande gewesen ist des Barons Edmund von Rothschild. Während andere jüdische Philanthropen vielfach ihre Mittel in kleinen Unternehmungen verzetteln, hat Rothschild durch Bereitstellung enormer Mittel, durch zielbewußte Förderungen, liebevolle Anteilnahme und durch eine bewunderungswürdige Ausdauer, die sich durch keinen Mißerfolg irre machen ließ, ein großes Werk geschaffen. Auch heute noch ist Rothschild ein außerordentlich bedeutsamer Faktor in der Aufbauarbeit und während meiner Anwesenheit waren seine Vertreter im Land, um neue Ländereien zu erwerben und industrielle Unternehmungen zu unterstützen und in die Wege zu leiten. Ganz besonders glücklich ist der Einfluß der landwirtschaftlichen Kolonisation auf die Kinder. Sie wachsen frisch und frei heran, ohne den Druck des Antisemitismus zu spüren, und versprechen durch ihre Verwurzelung mit dem Boden von Jugend an ein freies Bauerngeschlecht zu werden. Ein weiteres Gebiet der landwirtschaftlichen Besiedelung ist durch den Nationalfond geschaffen worden. Der Nationalfond hat bekanntlich, insbesondere in den Jahren nach dem Krieg, ebenfalls Ländereien erworben und dadurch für palästinabegeisterte Jugend, welche in dias Land strömt, Arbeitsmöglichkeit geschaffen. Diese jungen. begeisterten Pioniere, die Chaluzim, habe ich bei den Straßenarbeiten, bei öffentlichen und privaten Bauten, sowie bei den neuen Arbeitersiedlungen bei ihrer Arbeit gesehen und kennen gelernt. Ich habe gesehen, mit welchem Opfermut diese Menschen, die zum Teil noch vor kurzem in Europa intellektuellen Berufen nachgegangen sind, diie schwersten körperlichen Arbeiten verrichten. Dies gilt nicht nur von den Männern, sondern auch von den Mädchen. Ich war in den Zelten und Unterkunftshäusern dieser Chaluzim, die, weil leider häufig die Mittel fehlen, vielfach noch dürftig sind. Trotz der geringen aufgewandten Mittel aber herrscht überall Ordnung und Reinlichkeit, und wenn die Arbeit ruht, beschäftigt man sich mit geistigen Dingen. Die Entbehrungen und Schwierigkeiten für diese Pioniere sind groß, aber keine Macht der Welt wäre imstande, sie in ihrer Idee irre zu machen. Ich habe vielfach Bedenken äußern hören, daß diese jungen Menschen von falschen sozialen Theorien ausgingen. Doch es erscheint mir müßig, sich jetzt darüber den Kopf zu zerbrechen. Sie sind von glühender Liebe für das Land beseelt und leisten heute fruchtbare,