Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 33 (18.8.1922)
- Date
- 1922-08-18
- Page
- Seite 416 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9072829-9103027-9145569--05153-9077821- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
416 Das Jüdische Echo Nr. 33 sicherlich ganz allgemein menschliche Gründe, daß das amerikanische Judentum seinen Maasser niemals voll aufbringen wird, wenn die Juden des valutaschwachen Europa sich ihrer Maasserpflicht auch nur teilweise entziehen. In diesem Sinne ist gerade unser Maasser von ausschlaggebender Bedeutung.“ Diese Beweisführung ist — den güten Willen der Juden zu geben, vorausgesetzt — unanfechtbar. Wie könnten wir auch auf die Leistung der Juden aus valutaschwachen Ländern verzichten, da doch der wertvollste Teil der Judemheit in Staaten mit devalvierter Währung lebt? Wie könnten wir auf die Bekundung des jüdischen Willens zu Palästina verzichten, der sich in der Keren Hajessod-Zahlung ausdrückt, da doch das Mandat und die Stellung der Juden in Erez Jiisroel auf diesem Willen beruhen? Das Palästinamandat ist ratifiziert. Das jüdische Volk sollte sich daran machen, die Forderung, die es enthält, zu erfüllen. Versagt es, so könnte es mehr als um einen guten Namen verlieren. Geht es kraftvoll den Weg weiter, den es beschritt, so werden die fadenscheinigen Gründe, die erklügelt werden, um eine große Tat zu erschweren, nur Zwirnsfäden sein, die man zerreißt, aber über die man nicht stolpert. G—. David Frischmann Freitag, den 11. ds. Mts., um 12 Uhr Mittag starb in Berlin in der Klinik Prof. Borchardts nach längerem Leiden David Frischmann im 57. Lebensjahre. Nach Berdyczewskii der zweite schwere Verlust, dier die hebräische Literatur innerhalb kurzer Zeit in Berlin trifft. David Frischmann’s Leben Friischmann ist im Jahre 1864 in Zgierz bei Lodz (Polen) geboren und genoß eine gründliche Ausbildung. Außer dem talmudischen Schrifttum lernte er dfite modernen Literaturen kennen, darunter auch die deutsche. Er studierte auf der Breslauer Universität Philosophie. Geschichte und höhere Kunstgeschichte (1890—1895). Schon im 13. Lebensjahre verfaßte Frischmann die ersten Gedichte und ließ sie im Druck erscheinen. Er wurde Mitarbeiter der bekannten hebräischen Zeitschriften „Haboker-Or“ und „Haschahar“. Auf Anregung von Ahron Bernstein übertrug er dann dessen „Naturwissenschaftliche fi/euhcrusersfr. 15, gegenüber der alten Mademk Volksbücher“ ins Hebräische und wurde dadurch bei der jüdischen Jugend populär und beliebt. Aufsehen machte das 1883 erschienene Pamphlet „Tohuwabohu“, worin Frischmann der üblichen Art de>s hebräischen publizistischen Stils mit seiner Routine in archaistischen Ausdrucksformen („Melizah“) den schärfsten Kampf ansagte. Frischmann war Europäer durch und durch: davon waren auch seine ästhetischen Ansichten bestimmt. Er versuchte in den Spalten der Tageszeitung „Hajom“ seiner Auffassung Geltung zu verschaffen („Otioth porohoth“). Sein Motto war: „Durch das Gute — zum Gefühl und Geschmack für das Gute“. Von leicht-verträumter Romantik sind seine lyrischen Erzählungen „Schloscha-scheochlu“, „Jiskor“ u. a. m. Neben den musikalisch-grandiosen Legenden „Büschwil hamoschiaoh“, „Agadoth“ ist sein Poem „Daniel be gob haarajoth“ zu nennen, ferner die Gedichte „Mosche“ und „Aloto“ unter dem Eindruck der Kiischenever Judenmetzeleien. Frischmanns Spezialität war das Feuilleton: an besten französischen und Wiener Vorbildern geschult, vermochte er die hebräische Sprache zu modernster Modulatiions- und Ausdrucksfähigkeit zu bilden. In den letzten Jahren erschienen seine Feuilletons besonders in der hebräischen Tageszeitung Hazefirah und im jiddischen Hajnt, beide in Warschau. In Warschau übernahm er auch im Kriege die Redaktion der im Verlag Stybel erscheinenden Vierteljahresschrift. „Hat’ kuphah“. Frischmann hat eine überaus reiche Übersetzuingstätügkeit entfaltet. Er übersetzte Werke aller großen Literaturen, aus dem' Deutschen, Englischen, Russischen, Französischen usw. Wie das J. C. B. erfährt, hat sich Frischmann in den letzten zwei Jahren seines Lebens, die er in Berlin verbracht hat hauptsächlich der weiteren Übertragung Shakespearischer Werke gewidmet. Unter anderem hat er in der letzten' Zeit die Übersetzung des „Coriolan“ vollendet Eine Übersetzung von Goethes „Faust“ ilst Fragment geblieben. Erst in den letzten vier Monaten hat seine Schaffenskraft infolge eines_ sich komplizierenden Leidens, welches die Ärzte als ein Gallensteinleiden behandelten, nachgelassen. Dennoch aber hat er trotz der sehr schmerzhaften Krankheit biis in die letzten Tage seines Lebens seine Arbeit nicht ruhen lassen, und erst der Tod hat ihm die Feder aus der Hand genommen. Der Familie des Verstorbenen wendet sich die allgemeine Teilnahme der nationalen jüdischen Kreise zu. Zahlreiche Kondolenzen sind bereits ein gelaufen. Nahum Sokolow sandte an die Familie Frischmann nachstehendes Telegramm (Übersetzung aus dem Französischen): „Tief erschüttert durch die entsetzliche Nachricht von dem Hin scheiden unseres alten, lieben Freundes und. Genossen schließe ich mich der großen Trauer an, die durch diesen unersetzlichen Verlust unserer nationalen Literatur zugefügt wird. Das jüdische Volk wird das Andenken des Verblichenen in höchsten Ehren halten; sein Genie und seine Werke sind unsterblich. Ich bitte Sie, die Versicherung meines Beilleids und meiner Gefühle des Schmerzes und der brüderlichen Liebe entgegenzunehmen. Nahum Sokolow.“ Das Leichenbegängnis fand Mittwoch, den 9. August, 10 Uhr vormittags, in Weißensee (Alte Halle) statt.