Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 33 (18.8.1922)
- Date
- 1922-08-18
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das J üdische Echo Kammer 55_18. Hugust 1922 9. Jahrgang Keren Hajessod und MarioEntwertung „Und da keiner wollte leiden, daß der andere für ihn zahle, zahlte keiner von den beiden,“ singt Heine von seinen zwei edlen Polen. Ach, die Abneigung gegen das Zahlen beschränkt sich nicht nur auf die „Polackei“. Der Gründe für Nichtzahlen gibt es ja viele, sie lassen sich in edelste Worte kleiden, jeder Gerechte muß sie billigen: warum sollte man darauf verzichten, sich auf bequeme und ehrenwerte Art vor unangenehmen Konsequenzen zu drücken? Wile schön, wie wahrhaft human ist z. B. der Hinweis auf die hilfsbedürftigen jüdischen Institutionen in Deutschland? „Ja, wenn die nicht wären, würden wir unserer Sympathie für den Palästinaufbau gewiß auch finanziellen Ausdruck geben,“ sagen Viele und tasten schmunzelnd nach der Brieftasche, die sich weder dem Keren Hajessod, noch dem Kinderheim oder dem verkrachenden Krankenhaus öffnen wird. „Das arme Deutschland! Wäre es nicht in solcher Not, wir würden sicherlich alles für Palästina tun,“ meinen andere; sieht man sie nicht schon die Hälfte ihres Vermögens dem Wiederaufbau des Vaterlandes opfern? Es sind wahrhaft edle Gründe, „kein Fühlender kann sie verdammen,“ würde Morgenstern sagen. Neuerdings beruft man sich mehr auf weniger edle, aber nicht weniger plausible, etwa auf die zunehmende Geldentwertung. „Es ist ja zwecklos zu geben. Wären Sie gekommen, als die Mark 100, 150, meinetwegen 250 stand...“ (daß wir kamen und. nichts bekamen, wurde inzwischen vergessen). „Übrigens sollen doch die Amerikaner, die Schweizer, die Engländer... Dile habend ja dazu.“ (Die Amerikaner, die Schweizer, die Engländer haben auch ihre Ausreden und nicht weniger stichhaltige: „Sie haben gut reden,“ sagte mir einer. „In Deutschland wird doch verdient. Dagegen die Geschäftsstille bei uns! Wir alle sind pleite... Ihr Geld ist zwar nichts wert, aber Sie haben’s doch, zahlen damit ihren Keren Hajessod und haben Ihre Pflicht getan. Wir armen Leute aber...“) Man möchte meinen, das Heine sehe Lied hätte heißen sollen: „und da keiner wollte leiden, daß er vor dem anderen zahle ....“ Die Sache wäre trostlos und käme immer wieder auf das „zahlte keiner von den beiden“ heraus, wenn es nicht eben doch noch Menschen gäbe, die nicht nach Gründen suchen, um sich Verpflichtungen zu entziehen. Die eimsehen, daß zwar niemand über seine Kraft kann, daß aber jeder bessere Mensch seine Kraft einsetzen muß, um ein als recht und gut erkanntes Werk zu fördern und zu verwirklichen. Daß übrigens die Geldentwertung bei gutem. Willen und jüdischer Hingabe wenigstens teilweise ausgeglichen werden kann, daß sie uns jedenfalls nicht zu hindern braucht, für den Keren Hajessod zu geben, stellt die Wiener Morgenzeitunr — die österreichische Verhältnisse vor Augen hat — in folgen dien beachtlichen Ausführungen fest: „Zunächst muß bei der Frage der Beteiligung der Judenschaft valutaschwacher Länder . am Keren Hajessod haarscharf unterschieden werden zwischen Ländern, die infolge kriegerischer oder revolutionärer Wirren so gelitten haben, daß die wirtschaftliche Existenz ihrer Bewohner und vor allem ihrer jüdischen Bewohner vernichtet wurde, und zwischen jenen Ländern, bei denen sich die Folgen der Kriegs- und Nachkriegszeit ausschließlich im Verfall ihrer Währungen geltend machen. Es ist klar, daß die durch Pogrome zugrundegerichteten. von Haus und Hof vertriebenen Juden, die vor einer blindwütenden Pöbelmasse bloß ihr nacktes Leben retten konnten, bei der Aufbringung der für Palästina erforderlichen Mittel des Keren Hajessod nicht in Betracht gezogen werden können. Die selbst geopfert wurden, können kein Opfer bringen. Anders jedoch verhält sich die Sache bei den Juden jener Länder, bei denen die Geldentwertung den einzigen Grund für ihre geschwächte finanzielle Leistungsfähigkeit bildet. Man hat sich die Sache oft sehr einfach zurechtgelegt und gesagt: Wenn ich früher nur wenige Kronen gab, habe ich, mehr gegeben, als wenn ich heute viele Tausende „opfere“. Ist mein „Opfer“ daher nicht nutzend zwecklos? Wird nicht der finanzielle Erfolg dieses Opfers dadurch fast völlig paralysiert, daß ich es in entwertetem Geld darbringe? Diese Auffassung verkennt das Wesen der Sache. Denn der Keren Hajessod verlangt von jedem Juden ein zwar in Geld ausgedirücktes Opfer, das aber schließlich darin besteht, daß sich der Einzelne eine Entbehrung auferlegen oder einem Luxus oder einer Luxusmögliehkeit entsagen muß. Diese Entbehrung und dieser Luxus muß ebenfalls in devalviertem Gelde gewertet werden und daher auch in absolut höheren Ziffern zum Ausdruck kommen. Es kommt eben auf den konstanten inneren Sachwert des Opfers an, dessen Geldwert proportional mit dem Verfall der Währung steigt. Der Effekt unserer Keren Hajessod-Leistungen wird daher lediglich durch die Spannung beeinträchtigt, die zwischen der Kaufkraft der Krone in Österreich und der Kaufkraft des ägyptischen Pfund in Palästina besteht. Diese Spannung ist angesichts der Tatsache, daß die Kaufkraft des Geldes auch in Ländern mit hochwertigen Währungen gesunken1 ist und in valutaschwachen Ländern der Warenpreis dem Devisenpreis auf dem Fuße folgt, verhältnismäßig gering. In Wirklichkeit behält daher der Maasser, der wirkliche Maasser als ein in Geld ausgedrücktes Saehopfer seinen Wert, auch wenn er in devalviertem Gelde entrichtet wird. Gewiß ist es richtig, daß in den allermeisten Fällen unser Einkommen nicht in demselben Maße gestiegen, wie die Kaufkraft des Geldes gesunkem ist und daher der Sachwert unseres Opfers geringer sein muß, als der eines in hochwertigem Gelde entrichteten Maassers. Aber auch diese Wert Verminderung ist nicht so groß, als daß sie durch konsequente und lückenlose Durchführung des Maassers bei einer möglichst großen Zahl von Juden nicht wettgemacht werden könnte. Zuletzt darf nicht vergessen werden, welchen maßgebendem Einfluß die Keren Hajessod-Leistungen gerade aus valutaschwachen Ländern auf den Erfolg dler Keren Hajessod-Arbeit in Staaten mit hochwertigen Währungen ausüben. Es hat