Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1922-08-04 · 31 (4.8.1922) · p. Seite 395

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
31 (4.8.1922)
Date
1922-08-04
Page
Seite 395 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9072829-9103027-9145565--05130-9077798
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 31 Da3 Jüdische Echo 395 dern sich — was bleibend hinter diesen Formen steht, ist die lebendige schaffende Volkskraft. Diese zur wahren Herrin der Situation zu machen, ist die Aufgabe des Augenblicks. Die zusammengefaßte, tatbereite jüdische Energie, die Konzentration aller aktiven Volkskräfte soll und muß die einzige Antwort auf die Frage der Fragen geben, vor welche die Ratifizierung des Mandats uns gestellt hat Wir müssen uns und der Welt beweisen, was wir schaffen können, wir müssen der Aufbauarbeit in Palästina Schwung und Tempo .geben und alle Anstrengungen vervielfachen. Dieses Werk muß unverzüglich anheben; freudige Kundgebungen und Begrüßungstelegramme, das Strohfeuer momentaner Versammlungsbegeisterung reichen nicht aus —■ das große Werk verlangt die entsprechende Tat. Unsere Reihen sind zu einer Organisation auszubauen, welche den künftigen Aufgaben gewachsen sein kann und die finanziellen Mittel für das Aufbauwerk werden unverzüglich bereitgestellt werden müssen. Jeder Zionist, jeder gutgesinnte Jude ist zu seiner Pflicht aufgerufen. Die Parole ist einfach und ihre Befolgung duldet kein Zögern: Gedenket des Aufbaues der jüdischen Heimstätte in Erez Jsrael! Werbet allenthalben Anhänger für den jüdischen Aufbaugedanken! Leistet eure Opfer für den Keren Hajessod! Täscfaafa beaw Ich kannte eine jüdische Kindergärtnerin, die eifrig ihren Kalender studierte, um so an für ihre erzieherischen Zwecke geeignete Stoffe erinnert zu werden. Der 21. März gab ihr Veranlassung, über die Jahreszeiten zu sprechen, die jüdischen Feste ließen sie unsere Vergangenheit heraufbeschwörem. Und) dann kannte ich eine andere jüdische Erzieherin. Sie war sehr temperamentvoll, lebendig und frisch. Sie benötigte nie einen Kalender, für sie gab es kein Stoffproblem, für sie war alles Leben. Sie entzündete sich am Leben, das Leben sich an ihr, an den Kindern, die sie zu erziehen hatte. So war auch ihre Stellung zu den jüdischen Festen selbstverständliches Leben. Diese beiden Typen — ich möchte sie nennen: der kalendarische und der lebendige — scheinen mir charakteristisch für zwei Gruppierungen im jüdischen Volk zu sein. Die eine feiert ihre Feste, begeht ihre Nationaltage, weil allles so und so bestimmt, chronologisch verläuft. Die andere feiert ihre Feste, begeht ihre Nationaltage, weil alles sich ergibt weil jedes Fest an dem und dem Tag gefeiert, begangen werden muß — nicht weil der Kalender es so befiehlt, sondern weil alle Stimmung und alles Leben diesem einen Tag sich so mitteilen und sich hier stärksten Ausdruck und intensivste Konzentration verschaffen. Das ist übrigens — nebenbei bemerkt — das Symbolische der jüdischen Feste in Palästina und vielleicht äußert sich hierin am deutlichsten der Gegensatz Galuth—Zion, der Wille nach Zion und die Gleichgültigkeit, Zi on i smu s—Antizion ismus. In dieser Einstellung fühle ich das Bedürfnis, etwas über Tischah beaw zu sagen. Tischah beaw und die Ratifizierung des Mandats liegen zeitlich sehr nahe beieinander. Diese Stellung des größten Trauertages unseres Volkes unmittelbar hinter dem Tag, an dem es sein Heim erhielt, so also wieder Volk wurde, gibt uns zu denken. Tischah beaw ist der Tag unseres nationalen Unglücks, unserer Trauer. Am 9. Aw wurde der erste Tempel von den Babyloniern geschändet und zerstört, am 9. Aw wurde der zweite Tempel von den Römern in Brand gesteckt. Zur selben Zeit fiel Bethar, die Juden hörten endgültig auf, ein an die Heimatsscholle gebundenes Volk zu sein. Am 9. Aw erfolgte die Vertreibung der Juden aus Spanien, am 9. Aw begann der unselige Weltkrieg. Es ist wirklich ein Trauertag, den Tag, wo das Volk über sich weint — nicht etwa so wie am Jomkippur, wo jeder einzeln zerknirscht um Vergebung seiner Sünden fleht. Wie ist die Stadt, die so stark bevölkerte, Jerusalem, so einsam! So klagt jeder Jude, weint der Chossid in seiner Klaus, klagt der Westjude in seiner, Synagoge und schluchzt erschütternd der Palästinenser an der Klagemauer in Jerusalem. Und in die Nähe jenes nationalen Trauertages fällt der nationale — Glückstag! Seltsam — und doch vielleicht Symbol unseres Schicksals.... Es ist mir immer aufgefallem daß der Deutsche in seinen fröhlichsten, glücklichsten Stunden plötzlich durch irgendeinen Zufall sentimental und traurig gestimmt wird. Dann beginnt er instinktiv die Lorelei, das Lied des Juden Heine, zu singen, das ihm und seiner Stimmung so ganz entgegenkommt — (was vielleicht das schönste an diesem Liede ist). Und wenn wir Juden uns in festlicher Stimmung des Mandats und des uns wiedergewonnenen Landes (das w i r uns noch zu erobern haben) erinnern, schleichen unvermerkt die Tischahbeaw- Ereignisse in unsere Gedanken und bemächtigen sich ihrer. Wir begehen dann diesen Tag als notwendigen Abschluß, als Abschluß, der uns aus freudigen Träumen in unsere schmerzensvolle Vergangenheit zurückruft und1 uns zwingt, unsere Ge- TJauThallmaier München ThßaänßcÜrAÖ. tj&vzoüane. i «jgteSSs

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.