Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 30 (28.7.1922)
- Date
- 1922-07-28
- Page
- Seite 381 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 Das Jüdische Echo 381 telegrammen, für Palästina zu erkennen. Wirklicher Generalstreik und wirklich organisierte Gegendemonstration, gleichgültig welcher Art sie auch seil ist in Europa, Amerika und Ländern ähnlicher kultureller und wirtschaftlicher Basierung durchführbar und infolgedessen ein sicher wirkendes politisches Mittel. In Palästina liegen jedoch die Dinge ganz anders. Ein Kultur- und Wirtschaftssystem In europäischem Sinne gibt es noch nicht, das Bildungsniveau der arabischen Massen, auf die es doch letzten Endes ankommt, steht in gar keinem Verhältnis zu dem des europäiischameriikanisch-internationalen Proletariats. Die Möglichkeit tieferen Eindringens in das Volk besteht nicht Ganz andere Elemente als Wirtschaft. Politik oder Bildung, wie dies in Deutschland der Fall ist, beherrschen den Fellachen. Es kann infolgedessen von General streik, also einem a 11gemeinen Streik, nicht die Rede sein, ln Jerusalem und den Küstenstädten hat zwar zum größten Teil die Arbeit geruht. Fast sämtliche arabischen Geschäfte und Werkstätten waren hier geschlossen, Straßen und Marktplätze waren menschenleer. Aber wer sagt uns, daß dies der Ausdruck des VolkswiUens, daß dies die vox populi war? Hat hier doch nicht Terror gewirkt, wie dies zum Beispiel in Haifa der Fall war. wo die arabischen Händler, die den Juden Waren anboten von den Streikenden verprügelt wurden. Generalstreik ist in Palästina mehr denn anderswo ein Schlagwort eine Parole, mit der man die Regierung einfangen und den Völkerbund über die bestehende Lage hinwegtäuschen will. Generalstreik und! Demonstration ist hier nitoht, wie z. B. in Deutschland nach dem Rathenaumorde, der kundgetane Wille der Bevölkerung, sondern Maske und Irritierungsversuch. Trotzdem täuschen wir uns nicht über die bereits angeführten Schwierigkeiten und den Ernst der Lage. Die zionistischen Behörden und die englische Regierung haben Gegenmaßnahmen ergriffen. Als eine solche ist das neueste Weißbuch der Regierung aufzufassen, in dem ausdrücklich die Araberresolution des Karlsbader Kongresses hervorgehoben wird', wo die Rede ist „von der Entschlossenheit des jüdischen Volkes, mit dem arabischen Volke in Eintracht und gegenseitigem Respekt zu leben und zusammen mit ihm das gemeinsame Heim in eine blühende Gemeinschaft zu verwandeln, deren Einrichtung beiden Völkern eine ungestörte nationale Entwicklung sichern soll“. In einem Schreiben an den Vatikan hat die Regierung ebenfalls erklärt, daß es mit der Aufgabe des Völkerbundes sich nicht vereinen läßt, wenn das Mandat „sich als ein Instrument für dile Unterwerfung der eingeborenen Bevölkerung zugunsten einer anderen Nationalität erwiese. Es soll also klar verstanden werden, daß nichts geschehen dürfe, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nichtjüdischen Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und den politischen Status, dessen sich die Juden iin irgendeinem Lande erfreuen, beeinträchtigen könne.“ In dieser Richtung bewegt sich die politische Gegenargumentatioii der Zionisten und des Mandatars. Weiche praktischen Maßnahmen hat man getroffen? Die zionistischen Behörden haben um Verstärkung der englischen Garnisonen in Palästina gebeten. Der Regierungsbescheid war abschlägig; warum? Zwei Gründe werden wohl dieses Verhalten bestimmt haben. Erstens die Berücksichtigung der politischen Atmosphäre. Gärt es z. B. in Deutschland in der Arbeiterschaft, so wird man sich sehr überlegen, ob man die einzelnen Reichswehrorganisationen verstärken soll oder nicht; denn das würde mit ziemlich großer Bestimmtheit als Provokation angesehen werden. Der zweite Grund jedoch ist der, daß die Verhältnisse nicht den Grad der Gespanntheit erreicht haben, der ein Einsetzen aller militärischen Kräfte zum Erfordernis macht. Was bewegt den Vatikan dazu, die Ratifizierung des Palästinamandats zu hintertreiben,? Allein die angeblich ungenügende Garantie des Schutzes der heiligen Stätten, die mangelnde Respektierung der religiösen Sitten und Gesetze der nichtjüdischen Bevölkerung, wie die Angaben des Vatikan lauten? Das ist kaum anzunehmen. Die englische Regierung, sowie Weizmann, Sokolow und1 Sitr Herbert Samuel haben immer wieder sich zur Stellung der erbetenen Garantien erboten; im Mandatsentwurf ist der Schutz der heiligen Stätten usw. durchaus gesichert. Wie ist aber die dennoch bestehende Opposition des Vatikans zu erklären? Sie ist tiefer begründet. Es seil klipp und klar ausgesprochen: Der Gedanke einer Regeneration des jüdischen Volkes, seines Neubaus, den es vollbringen will, ist der Kirche unsympathisch. Das jüdische Volk, das bis jetzt unter dem Symbol des ewig wandernden, büßenden Ahasver verstanden wurde, soll sich festsiedieln und wieder eigenes Leben führen! Das jüdische Volk soll sich erfüllen können! Das ist, was die Haltung des Vatikans bestimmt. Der Vatikan, dessen Politiker die vielleicht beste diplomatische Schulung der Welt genossen haben, bedient sich jeden Mittels, so auch der Araber und derjenigen — Juden, die Verrat am eigenen Volke üben, der agudistischen Kreise, der Sippe derer de Haan, Sonnenfeld, der Gefolgschaft des „Israelit“. Immer wieder und wieder versuchen diese Kreise, unsere Arbeit zu unterminieren. Sie leisten so dem Vatikan willkommene Helferdienste,