Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 29 (21.7.1922)
- Date
- 1922-07-21
- Page
- Seite 372 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103027-9145561--05105-9077773- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
37 2 Das Jüdische Echo Nr. 29 Kadischah' nach gut jüdischem Brauch organisiert worden ist wurde in letzter Zeit auch die Lösung einer Frage glücklich erreicht, die bisher manchen gesetzestreuen Juden der andern Länder gehindert hat, nach Rom zu kommen; nämlich die Frage eines koscheren Restaurants. Der neue Leiter des Restaurants, der mit gleichzeitiger Ausübung der Schechita betraut sein wird, ist ein Mann, der durch seine Kabboles auf Schechita von Ha Rav Jizchak Elchanan schon seit vielen Jahren anderwärts das vollste Vertrauen auch der größten Jareim genossen hat. Möge dieser so verheißungsvolle Anfang der Entwicklung neuen jüdischen Lebens in Rom und somit in Italien nicht nur ein Anfang bleiben; dazu verhelfe auch das Interesse und die möglichst große moralische Unterstützung der übrigen jüdischen Welt. banien gleichzeitig ratifizieren zu lassen. Frankreich wird bei den nächsten Beratungen nicht durch Bourgeois, sondern durch Vilviani, den eifrigen Verfechter der englisch-französischen Allianz, vertreten sein. Da die wesentlichen Widerstände gegen den Wortlaut des britischen Palästina- Mandats beseitigt sind, darf die Entscheidung diesmal mit Sicherheit erwartet werden, und dies um so mehr, als Lord1 B a 1 f o u r, der Vertreter Großbitanniens, durch ein glänzendes Vertrauensvotum des Unterhauses in seiner Palästina-Politik gestützt wird. Schließlich hat die jüngst erfolgte einstimmige Annahme der prozionilstischen Resolution in den amerikanischen Parlamenten gezeigt, daß auch die Vereinigten Staaten den wichtigsten Prinzipien des britischen Palästina-Mandats mit aktiver Synv pathiie gegenüberstehen. (Ziko.) Sir Herbert Samuel beim Völkerbund Balfour und Vivani Der britische Oberkommissar für Palästina, Sir Herbert Samuel, hat dem Generalsekretär des Völkerbundes, Sir Eric Drummand, einen Besuch abgestattet, um über den Stand der Ratifizierung des Palästina-Mandats Erkundigungen einzuziehen. Der Oberkommissar hat Genf bereits wieder verlassen und befindet sich gegenwärtig auf der Rückreise nach Palästina, wo er in der zweiten Julihälfte erwartet wird. Lady Samuel ist am 22. Juni in Jerusalem eingetroffen. In Kreisen, diie dem Völkerbund nahestehen, verlautet, daß die alliierten Regierungen sich bemühen, auf der nächsten Tagung des Völkerbundsrates die Mandate über Palästina, Syrien und Al¬ Die nächste Völkerbundstagung — ln London Wie der „Ziko“ gedrahtet wird, findet die nächste Tagung des Völkerbundsrates nicht in Genf, sondern in London statt. Als EröffnungsteTmin wird der 17. Juli angegeben. (Ziko.) Neue Jüdische Unternehmungen in Palästina Nach dem Handelsbulletin der palästinensischen Regierung wurden in Palästina neuerdings folgende Firmen handelsgerichtlich eingetragen: Palästina- Bank für Handel und Industrie in Jaffa (Kapital: 30 000 Pfund Sterling); Sägewerk „Arez“ in Jaffa (Kapital: 2000 Hund); Lebens- und Feuerversicherungsgesellschaft „Union“ in Jerusalem, Hauptsitz Paris. (Ziko.) Feuilleton Bismark und die Juden Von Otto Jöhilinger Berlin 1921 Die Formulierung von Themen wie „XY und die Juden“ ist mit der Zeit etwas ominös geworden. Dafür haben allerlei jüdische Vereine gesorgt. Der Rezensent ist vor langen Jahren einmal unschuldig in eine „Centralvereins“-Versammlung geraten, in der der inzwischen verstorbene Adolf Oppenheim über: „Das Theater und die Juden“ referierte. Das Ergebnis war: Die „antisemitische“ Beschuldigung, das Theater sei verludet, sei falsch, denn vom Theaterpersonal seien nur zirka 40% Juden, also weit weniger als die Hälfte Juden. Ein Beispiel für viele! — Jöhlingers Buch ist etwas ganz anderes, und zwar weil es sich um eine ernste wissenschaftliche Arbeit handelt. Die These als solche, ob Bismarck anti- oder projüdisch, erscheint uns nicht eben wichtig. Für den Mann, in dessen Hand die Fäden der Weltpolitik zusammenliefen, war das jüdische Problem keins der ersten. Es ist darum nicht so sehr für die Juden interessant, daß Bismarck — wie Jöhlinger an vielem Material nachweist — kein Judenfreund war, als es für den Bismarckfreund von Interesse ist zu sehen, daß auch für dieses für ihn sekundäre Problem der harte Staatsmann das Verständnis einer fein organisierten Seele besaß. Tatsächlich ist denn auch dem Verfasser selbst „Bismarck“, d. h. der erste Teil seines Themas, wichtiger, als der zweite Teil — die Juden. Er benutzt die letzteren vor allem, um Bismarcks persönliche Wesensart aus seiner besonderen Stellung zu den Juden zu beleuchten. Denn meinte er es nicht in der Art, dann wäre der größte Teil des Buches überflüssig, nämlich Kapitel 3—8. die Bismarcks Beziehungen zu einzelnen Juden und zu den antisemitischen Parteien (Stöcker!) behandeln. In beiden Fällen beweist seine Stellungnahme nichts für die These: Bismarck war kein Antisemit; denn zu einzelnen Juden haben auch ausgesprochene Antisemiten oft Beziehungen unterhalten; »hätte so nicht auch Bismarck zu seinem jüdischen Nachbarn ih der Politik, Lasalle, oder zu dem jüdischen Gründer der Varziner Papierfabrik Beziehungen unterhalten können, ohne darum auf eine Anschauung festgelegt zu werden? Andererseits: hätte er nicht als verantwortungsvoller Minister die Stöckerei bekämpfen müssen, die das öffentliche Leben beunruhigte, auch wenn er im Herzen Judenfeind gewesen wäre? Dieser größere Teil des Buches beweist nicht das, was er beweisen soll; aber er ist trotzdem sehr interessant und lesenswert, weil er von Bismarck handelt. Das aber, was bewiesen werden soll, wird bereits in den ersten Kapiteln nachgewiesen. Der scharf judenfeindliche Juncker Bismarck vom vereinigten Landtag 1847 hat sich tatsächlich bis zu der 1869 Gesetz gewordenen Voll-Emanzipation der Juden durchaus gewandelt, und mit Recht klagt er darüber, daß ihm die Juden zu Unrecht keinen Dank für seine Bemühungen um dieses Gesetz wußten. Es ist unter diesen Umständen bemerkenswert, wie ferne Bismarck den Herzen der deutschen Juden iin ihrer Mehrzahl geblieben ist. Die „preußischen“ Züge seiner menschlichen Persönlichkeit wären dafür keine ausreichende Erklärung; denn er hatte ebenso viel, was man jüdisch nennen könnte in seiner Art, Härte und1 Weichheit, Geschäftssinn und Religion in einer überaus persönlichen Mischung. Die Judengegner haben sich seiner Person bemächtigt: ist das der Grund, warum sich die meisten Juden so reserviert zu ihm stellen? So ist es; aber der Chauvinismus der Vor- und Nachkriegszeit reklamiert ihn zu Unrecht für sich. Seine innere deutsche Politik — seit der Reichsgründung nicht ebenso glücklich wie seine