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Das jüdische Echo · 1922-07-21 · 29 (21.7.1922) · p. Seite 369

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
29 (21.7.1922)
Date
1922-07-21
Page
Seite 369 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 29 Das Jüdische Echo 369 So schildert es Herzt, so hat er es vom ersten Augenblick empfunden. „Nur ein Unschuldiger konnte diese Infamierung so ruhig, so würdevoll ertragen.“ Seih tiefes Mitgefühl, sein Menschentum hatte den Juden in Herzl erweckt, und die von wehevollem Mitgefühl vibrierende Stimme verband alsbald seih Herz mit dem meinen. * * * »Man muß die Dinge zu Ende denken.“ Dann kam der lebendige Kommentar zu seinem Wollen zu den bedruckten Blättern, die ich wie ihi Traume überflogen und gar nicht verstanden habe, zu verstehen nicht vermochte. „Wir sind hier nicht daheim, wir müssen uns eine Heimat schaffen. Wer nach Palästina zieht, sichert Tausenden in der Diaspora die Existenz. Wir werden sprechen und schreiben, wie es das Herz gebietet, alle Unwahrheit wird von uns abfallen und unser Können sich vervielfachen. Unsere großen Talente werden für die eigene Sache wirken, unsere Finanzleute den Boden kaufen, die Heimat neu aufrichten und dabei viel Geld verdienen. Warum sollen wir Juden nur „Papiere“ kaufen, die keinen realen Besitz darstellen. Wahre Werte liegen nur in Grund und Boden. Wir werden aus unserer Heimaterde ein Paradies gestalten.“ Mir war es wie in einer Betäubung. Das alles ist ja Traum, Phantasie, rief es in mir. Und der Mann sprach und ich hörte — und kam nicht los. Das chaotische Gefühl in mir ordnete sich, es war, als sollte von nun ab mein Leben Ziel und Zweck haben. Wie eine Gestalt aus sagenhafter Zeit stand diese .schöngebildete Männergestalt vor mir, die Sprache getragen, eindringlich, jedes Wort aus dem Schacht tiefster Überzeugung heTvorgeholt. Zum Schluß eine Armbewegung, den Blick nach oben lenkend und feierlich tönte es durch den weiten Raum: „Wir werden das Land bekommen.“ Nun war ich erwacht, ich wollte wach sein — Einwendungen erheben — und diesem Manne mit dem Prophetenblick Aufklärungen geben. Ich kannte das Judentum und die Juden besser als er, arbeitete mitten in Geschäften und erfuhr das wirkliche Leben. Aber wer vermochte Herzl zu bestehen?- Als er mir einst Vorhalte machte, daß ich ihn von einer Sache, die übel geraten war, nicht energischer abgebracht hatte, erwiderte ich ihm: »Wer kann eine Lokomotive im Eilzugtempo aufhalten?“ Er übernahm lächelnd diesen Ausdruck, den wir oft variierten. Herzl wußte einiges von mir, alles andere erfuhr er bald und er wußte nach einer halben Stunde, wie er mich einordnen solle, was von mir zu erwarten sei. — Er hat die Leute, die an ihn herantraten, in ihrem Können richtig eingeschätzt, aber er übersah die Hemmungen: der bürgerlichen Existenz, des Temperamentes. Auch vergaß er, daß nicht alle gleich ihm Führernaturen waren mit harten Ellenbogen und generösem Herzen, daß nicht jeder alles: Gut und Blut, Leib und Leben einzusetzen gewillt war. Und daß nur wenige geneigt waren, um einen gefährlichen Kampfplatz zu ringen. So ist denn mancher von seinen ersten Getreuen zur Seife getreten: in der Stille jeden Erfolg mitgenießend, von keinem Rückschlag enttäuscht. Mit dem Wachstum der Bewegung stieg der Führer Herzl vor mir auf, ohne daß ich in enger Arbeitsgemeinschaft beobachten konnte, wie es geschah, so wenig wie der Gärtner, der die Entfaltung der Blume erlebt, ihr Werden zu erklären weiß. Es war, als lebte man eine Legende im Beginn verheißender Zeiten. — Ihm gehörte mein Vertrauen, meine Liebe. Diese Empfindung war mir eins mit dem großen WeTk der Bruderliebe, das er plante. Er lehnte jeden Überschwang ab. „Wir arbeiten für unsere Kinder, und dann, weil ‘wir etwas leisten wollen.“ Ich aber sah in ihm den Geist der alten Gottsucher erstehen, denn wir sind doch alle die Wiederkehr des Gewesenen. Wir litten manchmal durch seine Menschlichkeiten, es gab Nachrede und Ironie und viel stille Widersetzlichkeit; ich aber fühlte zu tiefst den von der Vorsehung gesandten Führer, den mein Herz anerkannt hatte und hielt unentwegt zu ihm. * * * Herzl gab mir in der Folge Gelegenheit zu grundlegender Arbeit; noch Größeres war geplant. Sein früher Tod zerstörte vieles — auch in mir. Nur eines blieb, die Erinnerung an schöpferische Stunden mit einem großangelegten Menschen. Das alles wurzelt in jener Stunde im Gartensaal der Pelikangasse, da ich den wahren Herzl in der Blüte seiner Jahre, in der morgendlichen Frische seiner Plangestaltung in mich aufnahm. Ich war reich und glücklich im Besitze seiner Worte, die von meinen Erfahrungen widerlegt, von meinem Herzen jubelnd aufgenommen wurden. Ich war stolz, einen solchen Stammesbruder gefunden zu haben. Und mit folgenden Worten gab ich mich ihm zu eigen: „Ob wir das Land bekommen werden, ob so, wie Sie meinen, — ich weiß es nicht! Aber ich gehe mit, denn der Weg ist wunderschön!“ (Ziko.) \eufmani9u aen-Jtcdc/z ir./anfiejf/ayyJi/weidej£t_ dTkrufttr/'rcrrre

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