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Das jüdische Echo · 1922-07-21 · 29 (21.7.1922) · p. Seite 368

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
29 (21.7.1922)
Date
1922-07-21
Page
Seite 368 (sequence 4)
Language
German
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368 Das Jüdische Echo Nr. 29 und geraden Blicks, unbeirrt und tatkräftig den Weg einschlug -und die Politik verfolgte, die er als dem jüdischen Volk notwendig erkannt hatte. Herzls Genialität liegt darin, daß eine Episode der Geschichte des Judentums, die wahrlich nicht arm ist an Verfolgungen, Unterdrückungen, Mord und Pogrom, entscheidend für sein Leben und somit für das Leben unseres Volkes wurde. Ein antisemitisches Ereignis, der Dreyfuß-Prozeß in Paris, zeigte ihm intuitiv die Zwiespältigkeit unserer Lage und1 das Unwürdige der Stellungnahme des westlichen Judentums zum Antisemitismus, zur Judenfrage. Er erkannte, daß nicht kleinlicher Kampf, Ducker- und Muckertum, Kriecherei und Selbstverleugnung der Weg zur Erlösung sein könenn, sondern daß es darauf ankommt stolz und offen, allem die Stirne zu bieten, in den Gang der Ereignisse einzugreifen, das Volk nach Zilon zu führen. Vor 25 Jahren fand der erste zionistische Kongreß in Basel statt. Damals alles unbestimmt ungeklärt, unsicher.... Heute die Verwirklichung unseres Traumes. Der Baseler Kongreß im Jahre 1897 stellte die Forderung der öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk auf. Diese Forderung, nunmehr anerkannt, setzt sich heute iin die Wirklichkeit um. England hat sich von neuem feierlich vor aller Welt zur Beihilfe der Erfüllung unserer Sehnsucht verpflichtet. An uns liegt es nun, nachdem die politischen Schwierigkeiten zum größten Teil überwunden sind1, aus Palästina Zion, die wirkliche Heimstätte unseres Volkes zu machen. So ehren wir am tiefsten und innigsten das Andenken Herzls, unseres großen Führers. L—. Die erste Begegnung mit Theodor Herzl Erinnerungen von Heinrich York-St einer Dr. Theodor Herzl war nach Wien zurückgekehrt, man sprach davon. — Seine Berichte aus Paris, die Beschreibung der führenden Politiker Frankreichs überboten Sprache und Inhalt der feingepflegten Tageszeitung, für die er schrieb. — Man sprach von ihnen. Der Präsident unseres Verwaltungsrates mahnte mich, diese feinorganisierte Persönlichkeit für unseren Verlag zu gewinnen. Ich besuchte ihn in der Redaktion. Ein eleganter Mann, dessen ungewöhnlich schönes Gesicht orientalischer Prägung ironisch zu lächeln vermag. — Mein Ansuchen um einen Beitrag für eine Frauenzeitung wird1 zu einem Witz umgeprägt. Ich gehe ohne Zusage, ohne Ablehnung, ohne Eindruck. * * gegenüber der alten JlkocJemie Eines Tages erzählte einer unserer Verwaltungsräte im Büro als gutem Witz, daß in der Leopoldstadt, wo viele Juden wohnen, eine hebräische Flugschrift umgehe, in der die Juden aufgefordert werden, nach Palästina zurückzukehren. Die Herren aber lachten und meinten, das wäre ein guter Ausweg, um „die Polnischen“ los zu werden. Später erfuhr ich, daß es eine jiddische Schrift von Braude war. Mir war Palästina das heilige Land, und ich konnte es verstehen, daß fromme Juden, die hebräisch lesen, in das Land ihrer Väter zurückkehren. Die Judenfrage überwucherte alle anderen Interessen; die Zersetzung der Wiener Gesellschaft hatte begonnen. Jeder von uns mußte solch mit dem Antisemitismus auseinandersetzen. Viele Christen opferten ihre Weggefährten, noch mehr Juden ihre Stammesgenossen, besonders die „Polnischen“, wie damals alle Ostjuden genannt wurden und die Mehrzahl rettete sich auf das Isolierschemelchen des Ausnahmsjuden. Mir war die Bewegung eine Majoritätserscheinung —, der wilr den Zoll der Minderheit zahlen mußten. Ich schrieb mir das Leid in einem Novellenbändchen vom Herzen. Der Held, ein österreichischer Antisemit alldeutscher Färbung, erfährt in Nordamerika das herbe Schicksal des Angehörigen einer verfolgtem Minderheit und geht im Kampfe zwischen Puritanern und Katholiken zugrunde. Diese Auffassung war eine Erklärung, — aber keine Klärung, ein Ausweg — kein Weg. * * * Im Frühsommer 1896 einige Monate nach dem Besuche bei Herzl Theodor Herzl, der Autor feingeschliffener Feuilletons, von denen man sprach, ist plötzlich verknüpft mit der jüdischen Schicksalsfrage. Er hat eine Broschüre geschrieben, diie Aufsehen erregt. Man lächelt, witzelt, man ereifert sich. Die Juden sollen auswandern, ein eigenes Reich im alten Heimatlande gründen — einen Judenstaat. Ich zögerte! — Was konnte der pariserische Literat mit der ironischen Miene und der losen Zunge meinen heiligen Gefühlen Erlösendes bringen? Endlich lese ich — laufe die Treppe hinunter, springe aufs Rad und treibe wie i!n Fieberhitze zu Dr. Herzl, der damals in der Pelikangasse, im Viertel des großen Krankenhauses, wohnte. Dann stand ich in staubigem Radfahrkleid vor dem wohl gepflegten Manne — aber war das noch der Dr. Herzl aus der Redaktion der Tageszeitung? Dieser Mann, dessen Gesichtszüge itn tiefsem Emst geordnet waren, dessen große, feuchtschimmernden Augen mich melancholischen Blickes sorgfältig durchsuchten? * * * Ein saülförmiges Arbeitszimmer, durch dessen Türe vom Garten her die Sommersonne flutet. In diesem Raume begibt sich ein Wunder. Ich frage unsicher, flackernd, reiche ihm düe Broschüre; „Ist das ein Feuilleton oder — Ernst?“ Dann strömt es über mich hin ih aufwühlender Beredsamkeit. Vor allem, wie es gekommen ist. —Ein grauer Morgen in einem Pariser Kasernenhof. Ein bleicher Mann wird' in das Soldatencarree geführt wile zu einer Hinrichtung. In der Schilderung erlebt man es mit, daß ein unschuldiger Mann! geschändet wird, ein Offizier, dem man das Ehrenkleid vom Leibe reißt — nur weil er Jude ist.

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