Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 29 (21.7.1922)
- Date
- 1922-07-21
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdisc Nummer 29 9. Jahrgang Schwarz-Rot-Gold Da iin Deutschland die Juden nicht zu einer besonderen politischen Partei zusammengeschlossen sind, hat ein jüdisches Blatt sich grundsätzlich nicht mit Fragen der deutschen Politik zu befassen. Erörterungen über Erfüllungspolitik. Getreideumlage, Zwangsanleihe usw. können daher in diesen Spalten keinen Raum finden. Anders aber verhält es sich mit allen denjenigen Fragen der deutschen Politik, die eine besondere jüdische Seite auf weisen; sie gehen das Judentum als solches und damit auch die ihrer wahren Aufgaben bewußte jüdische Presse an. Daß es Fragen der deutschen Politik gibt, di!e eine besondere Einstellung vom jüdischen Standpunkt aus erfordern, liegt auf der Hand. Ob ein Jude einen Demokraten oder einen Sozialdemokraten in den Reichstag wählt, interessiert das Judentum als solches nicht; wohl aber verletzt derjenige Jude die gesamtjüdischen Interessen, der einer ausgesprochen antisemitischen Partei seine Stimme gibt. Daß die Erfüllungspolitik des Außenministers Rathenau bekämpft wurde, berührte das Judentum als solches nicht. Daß aber Rathenau als Jude beschimpft und, wie allgemein zugegeben und vom Abg. Korell ausdrücklich ausgesprochen wurde, auch als Jude ermordet wurde, ist eine eminent jüdische Angelegenheit. Ob das Deutsche Reich sich eine monarchische oder republikanische Staatsform gibt, ist eine Frage, die an sich gewiß nicht die besondere jüdische Sphäre berührt. Welche Staatsform die richtige ist, läßt sich nicht absolut entscheiden, sondern nur auf Grund der augenblicklichen historischen Gesamtlage eines Volkes. Es gab Zeiten, in denen unzweifelhaft eine Monarchie den Bedürfnissen des deutschen Volkes und dem Gemeinwillen entsprach, und es ist ebenso unzweifelhaft, daß im November 1918 die Mehrheit des deutschen Volkes hinter der Republik standl England fühlt sich anscheinend als Monarchie ganz wohl, während in Amerika die Republik eine Selbstverständlichkeit ist Würde heute in England von den Liberalen die Umwandlung der Monarchie in eine Republik angestrebt, so würden aller Wahrscheinlichkeit nach die englischen Juden eine sehr geteilte Stellung nehmen, der konservative Lord Rothschild und seine jüdischen Parteigenossen vermutlich für die Monarchie, die liberalen Juden dagegen für die Republik eintreten. Vielleicht wäre es auch in Deutschland so, wo ein Teil der Juden — allerdings wohl die Minderheit — von ihrem Herzen nach rechts gezogen wird, wenn nicht die Dinge hier ganz besonders lägen. Gerade die Ermordung Rathenqus hat die gefährenerfülte Situation des deutschen Judentums blitzartig erhellt und offenbart, welche erbitterte Feindschaft uns umgibt. Es ist dabei unzweideutig klar geworden, daß unsere Todfeinde sich ausnahmslos in demselben Lager wie die Feinde der Republik befinden (womit keineswegs umgekehrt alle Gegner der Republik zu Antisemiten gestempelt werden sollen) und daß sie den Antisemitismus in den Dienst der monarchischen Bestrebungen stellen. Als Juden haben wir daher — das seil offen ausgesprochen — von einer Aufrichtung der Monarchie in diesem Augenblick nichts Gutes zu erwarten. Unter diesen Umständen ist dem deutschen Juden, der sich nach jüdischen Gesichtspunkten orientiert. sein Verhalten klar vorgezeichnet. Vollständige Loyalität gegenüber dem bestehenden Staate, der ein republikanischer Staat ist, da dieser Staat gewillt ist den Juden uneingeschränkte Gleichberechtigung und nachdrücklichen Schutz zu gewähren. Wenn das Judentum zur Zeit des kaiserlichen Deutschland in seiner Mehrheit sich auf den Boden der Monarchie gestellt hat, obwohl in Preußen ein Jude nicht Offizier und Regierungsbeamter und nur ausnahmsweise Richter werden konnte, dann besteht sicherlich Grund zur Loyalität gegenüber dem verfassungsmäßig bestehenden republikanischen Staat, der trotz einer wütenden deutschvölkischen Hetze mit der Gleichberechtigung der Juden Ernst macht. So empfindet sicherlich der größte Teil der deutschen Juden, und dieser Empfindung müßte auch offen Ausdruck gegeben werden. Unsere Gegner halten es für ausgemacht, daß wir so fühlen, und wenn wir es zu verbergen suchen, so erhöht unsere Ängstlichkeit ihre Dreistigkeit, während unsere Freunde an uns irre werden. Gestehen wir uns nur, welchen Einduck es machen mußte, daß am Tage der Beisetzung des ermordeten Juden Rathenau, als die ganze gesittete Welt trauerte, auf fast keinem jüdischen Hause eine Trauerfahne zu erblicken war. Das Recht und den Mut zu freier politischer Meinungsäußerung dürfen wir nicht aufgeben, wenn wir uns nicht selbst aufgeben wollen. Was ist es für eine sonderbare Arbeitsteilung, daß wir den Zeitungen der Linken die Wahrung der jüdischen Interessen, den reaktionären Zeitungen dagegen unsere gutbezahlten Inserate überlassen! Der große Teil der deutschen Juden, der — sei er von Natur, sei er wegen der Verbrüderung der Monarchisten mit den Deutschvölkischen — republikanisch gesinnt ist, muß auch den Mut zum republikanischen Bekenntnis aufbringen und wenn am Verfassungstage die Republikaner die Flagge der Republik hissen, dann dürfen auch die Juden nicht fehlen — gerade weil die schwarz-rot-goldene Fahne von den Antisemiten als Judenfahne beschimpft wird. Wiir wollen niemand herausfordern, aber „das Ducken und das Leisegehen mögen andere treiben“! Michael. Zu Hcrzls Todestage Der 20. Tammus hat für uns einen besonderen Sinn: Es ist der Todestag Herzls. Herzls Bedeutung für das jüdische Volk, die erhabene, stille Größe seiner Persönlichkeit erfordern eigentlich eine Untersuchung, die an Ausdehnung und Inhalt weit über den Rahmen unserer Zeitschrift herausgehen würde. Wir müssen es uns daher versagen, eine geschlossene, abgeschlossene Darstellung Herzls zu bringen. Was wir hier nur tun können, ist das Herausheben entscheidender Grundzüge seines Wesens, seines Führertums, seiner Genialität. Herzls große Tat war, daß er die jahrtausendalte Sehnsucht unseres Volkes nach seinem Land, Palästina, Zion aus dem Reich des Unbestimmten heraushob und sie in die Bahnen einer klaren, zilelbewußten Politik lenkte; daß er die Brüchigkeit seiner Zeit erkannte und die Initiative ergriff, die Verhältnisse zu ändern; daß er alle Hemmnisse und Hindernisse, die vorhanden waren und die man ihm entgegenstellte, von sich schob