Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 28 (14.7.1922)
- Date
- 1922-07-14
- Page
- Seite 360 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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360 Das Jüdische Echo Nr. 28 auf jüdische Spaziergänger. Zu sehr schweren Exzessen kam es am vergangenen Samstag im Sienkiewiczpark, wo eine Schar polnischer Studenten eine regelrechte Hetze auf die dort weilenden Juden veranstaltete. Die bedrohten jüdischen Spaziergänger stürzten aus dem Parkausgang, allein dort wartete ihrer eine zweite aus Schülern und gewöhnlichen Huligans bestehende, mit Stökken und Nakaikas bewaffnete Bande, welche über die Flüchtenden herfiel und sie schwer mißhandelte. Einige der Flüchtenden eilten auf das Polizei- Kommissariat, um Hilfe herbeizurufen, dort aber gab man ihnen die Antwort, daß man niicht über genügend Polizisten verfüge. Inzwischen setzten die Huligans unter den Rufen: „Es lebe die Polizei“ und „Nieder miit den Juden“ die Mißhandlungen der Spaziergänger fort und verschonten auch Frauen und Kinder nicht. Die Huligans begnügten sich nicht mit Mißhandlungen allein, sondern raubten ihren, Opfern Hüte und andere Gegenstände. Man bemerkte einige elegant gekleidete polnische Frauen, die die Huligans zu ihren Taten ermunterten und den Überfallenen drohten, daß dies nur ein Anfang sei. Sie setzten ihre Verfolgungen in den Park und benachbarten Gassen fort. In der Perokowergasse stellte sich ihr eine Gruppe jüdischer junger Leute entgegen, worauf sie sich zurückzogen. Zu der gleichen Zeit geschahen! Überfälle auf jüdische Spaziergänger auch in anderen Teilen der Stadt, wobei mehrere Juden verletzt wurden. Ausschreitungen in Oberschlesien Warschau. (J.C.B.) Der jüdische Sejmdeputierte Max Weinzieher intervenierte beim Minister des Innern wegen der noch immer vorkommenden antijüdischen Ausschreitungen in Ob er Schlesien, die durch antisemitische Hetzartikel in der Kattowitzer Presse nicht zum Stillstände kommen wollen. Der Minister des Innern erteilte hierauf Order an die polnische Polizei in Oberschlesien, etwa vorkommende Ausschreitungen und Unruhen im Keime zu ersticken. CI rin I m ■ 11 ■ II 1 fl Feuilleton | li i ■ui ii 1 « ui ii i« Sinnfein und Zionismus Von, S. L an dm an (politischer Sekretär der zionistischen Exekutive in London.) Der nachfolgende Aufsatz ist bereits vor einiger Zeit geschrieben worden. Er ist aber jetzt gerade besonders interessant, da die Niederlage DeValeras eine Stabilisierung der rechtmäßigen irischen Regierung und die Abstimmung im Unterhaus eine Sicherung der jüdischen Palästinaarbeit gebracht hat. — Die eigenartigen politischen Entwicklungen in Irland haben die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich gelenkt. Auch für uns Juden enthalten diese Ereignisse wichtige Lehren, und es verlohnt sich, sie auf ihre wahre Bedeutung hin zu untersuchen. Die irische irredentistische Bewegung bedeutete vor dem Kriege wohl nichts weiter, als eines der wichtigsten innerpolitischen Probleme Englands. Der Krieg, der so viele nationale Fragen in Weltfragen verwandelte, hat dies auch mit Irland getan. Einerseits wurde die Situation in Irland angesichts der Stellungnahme der britischen Politik inbezug auf die unterdrückten Nationalitäten Europas und des nahen Ostens naturwidriger und schwerer verständlich, andererseits bedienten sich die Freunde Irlands, insbesondere die starke irisch-amerikanische Partei, der neuen Situation, um einen großen Druck auf Großbritannien auszuüben. Da nun die Vereinigten Staaten immer mehr und mehr der entscheidende Faktor für den Sieg der Alliierten wurden, so wurde England durch den Einfluß der proitrischen Partei in Amerika gezwungen, seine irische Politik zu revidieren. Auf diese Weise gestaltete sich die innerpolltische irische Selbstverwaltungsfrage schrittweise zu einem Weltproblem. Der wichtigste politische Faktor für die Umwandlung der englischen Stellungnahme war, wie allgemein zugegeben wird, der Druck der öffentlichen Meinung in den Vereinigten Staaten und in den englischen Kolonien, die unter dem Einfluß der in diesen Ländern ansässigen Iren standen. Die Iren erlangten ihre Freiheit nicht nur in Irland, sondern in Washington, Kapstadt und Melbourne. Die Premierminister der selbständigen englischen Kolonien, insbesondere General Smuts, forderten wiederholt von der Reiehsregierung eine befriedigende Lösung des irischen Problems und General Smuts begab sich nach Irland, um persönlich mit den Sinnf ein-Führern diese Frage zu diskutieren. Man kann daher wohl mit Sicherheit sagen, daß die Majorität der Iren, die (was vielleicht nicht genügend bekannt ist) außerhalb Irlands wohnt, zum großen Teil zu dem Erfolg ihrer Brüder, der in Irland ansässigen Minorität, beigetragen hat. Wir Juden repräsentieren nur einen Teil der Bevölkerung in Palästina; das Interesse aber, welches die überwiegende Mehrheit dies Judentums an Palästina nimmt und! die Anhänglichkeit, die es mit dem Lande verbindet, sind wahrscheinlich größer und sicherlich älteren Ursprungs als das Interesse und die Anhänglichkeit der Iren an Irland. Die erste Lehre, die wir Juden der Diaspora daher aus der Geschichte Irlands ziehen müssen, ist die, daß wir nicht, wie manchmal vorgeschlagen wird, beiseite stehen und: dem kleinen Jischub die ganze Last des Kampfes aufbürden dürfen. Pflicht eines jeden Juden Ist es, sich für Zion einzusetzen, mag er auch nicht die Absicht haben, sich selbst dort niederzulassen. Das nationale Heim der Balfour-Deklaration ist für das jüdische Volk bestimmt, genau in dem Sinne, wie Irland als nationales Heim des irischen Volkes gilt, wo immer es sich auch zufällig niedergelassen hat, und welche Staatsbürgerschaft die Iren auch für sich beanspruchen mögen. Kein Jude darf jetzt abseits stehen. Genau so, wie Millionen Dollar von Irländern in Amerika zur Unterstützung der Bewegung in Irland aufgebracht worden sind, genau so müssen Millionen von Dollar zur Unterstützung der Pioniere der jüdischen nationalen Freiheit in Palästina herbeigeschafft werden. Niemand hat das Recht der irischen Amerikaner bezweifelt ihren Brüdern in Irland zu Hilfe zu kommen. Sie ließen sich nicht von der Furcht zurückhalten, des Mangels an Patriotismus beschuldigt zu werden; auch wir sollten uns nicht von solchen Besorgnissen absehrecken lassen. Die britische Regierung ist der Schwäche beschuldigt worden, weil sie sich der radikalen Taktik Sinnfeins gefügt hat, und es fehlte nicht an Unglückspropheten, die schreckliche Konsequenzen für England voraussagten, wenn ähnliche verwegene Methoden in Ägypten, Indien und anderen Ländern in Anwendung kämen. Diese Argumente entsprechen aber nicht den. Tatsachen. Erst jetzt wird es bekannt, eine wie große Rolle bei den Ausgleichsverhandlungen die starke Position der britischen Streitkräfte in Irland spielte. Wäre ihr Vertrag nicht akzeptiert worden, so wäre die irisch-republikanische Armee der Gefahr der Einschließung ausgesetzt gewesen.