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Das jüdische Echo · 1922-07-07 · 27 (7.7.1922) · p. Seite 344

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
27 (7.7.1922)
Date
1922-07-07
Page
Seite 344 (sequence 8)
Language
German
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344 Das Jüdische Echo Nr. 27 bote. Er iist in dien ersten nachchristlichen Jahrhunderten von den berühmtesten jüdischen Religionslehrem verfaßt und erhält ihre gesamte Theologie, Jurisprudenz und Medizin. Reuchlin gestand ehrlich, nichts von seinem Inhalt zu verstehen und meinte, es sei unsinnig, statt die Angriffe der Juden auf das Christentum zu widerlegen, einfach mit der Faust darein zu schlagen. Darum gebühre es sich nicht, den Talmud zu verbrennen, zumal die Verbrennung der Bücher in Deutschland durchaus ihres Zieles verfehlen würde, da den Juden bekanntlich in der Türkei und anderweitig Freiheit des Unterrichts in ihren Religitonsquellen gewährleistet sei. Noch weniger der Rechtfertigung als der Talmud , bedürften die Bücher kabbalistischen Inhalts, da sie die Päpste als dem christlichen Glauben förderlich erkannt und ihre Übersetzung ins Lateinische begünstigt hätten. Ihnen ferner die Kommentare der heiligen Schrift zu nehmen, wäre überaus töricht, da sie die besten Vorarbeiten für die christlichen Ausleger seien, die sie häufig vor Irrtümem bewahrt hätten, wenn sie tief genug in ihre Kenntnis eingedrungen wären. Was endlich ihre Gebet- und Predigtbücher angehe, so gebe es keinerlei Rechtsgrund, sie ihnen zu entreißen, weil ihnen von den Kaisern freie Religionsübung zugesichert seii. Das Gutachten rief eine ungeheure Erbitterung der Dominikaner und ihres Anhangs hervor und Jahre lang erregte der Streit heftig die Gemüter der Bildungsfreunde und -feinde in Deutschland. Er endete schließlich mit dem Siege der Aufklärung, indem der biildungsfreundliche Papst LeoX. den Talmud in Italien zu drucken erlaubte. Seine letzten Lebensjahre verbrachte Reuchlin in Ingolstadt, wo er von 1519 bis 1521 die Lehrkanzel für Hebräisch und Griechisch inne hatte. Er starb in Stuttgart 1522 im Alter von 67 Jahren. J. F. Äus Theodor Herzls Tagebüchern *) (Nachdruck verboten. Copyright 1922 by Jüdischer Verlag, Berlin.) 14. Feber 1896. Aufgeregte Tage voll von Herzklopfen und Atemnot. Heute mit Ludassy gesprochen. Die Wiener Allgemeine Zeitung soll zuerst losgehen. Nach einer Viertelstunde hatte er mich begriffen. Er fragte: soll ich es als Freund oder kritisch besprechen? Im letzteren Fall werde ich dir vielleicht die Haut ritzen. Ich darauf: „Hane veniam damus petimusque vicissim. Wer mich haut, den haue ich. Er sagte: „Ich gehe mit dir.“ * Abends kamen meine 500 Exemplare. Als ich den Ballen in mein Zimmer schleppen ließ, hatte ich eine heftige Erschütterung. Dieser Ballen Broschüren stellt sinnfällig die Entscheidung dar. Mein Leben nimmt jetzt vielleicht eine Wendung. Dann in die Redaktion geganiglen. Der Fischer auf der Seewiesen am Altausseer See fiel mir ein, der sagte: „Das ist das Merkwürdigste, wenn einer nie verzagt.“ * Mit Ludassy wieder gesprochen. Er schwenkt schon ab. Er hat sichs überlegt. Er „muß schreiben, wie es seine Leser wünschen“. Es „sei etwas anderes, was ein Feuilletonist sagt, und1 was ein Leitartikler sagt“. *) Die soeben im „Jüdischen Verlag“, Berlin, im Erscheinen begriffen sind. Als ich erwiderte, ich glaube, die Menge werde meiner Ansicht sein, meinte er: „Einschwenken werde ich immer können.“ Auch recht. Dann bei! Szeps gewesen. Der schien die Sache zu verstehen, (hat aber auch nur Bedenken. „Die Zeitung dürfe nicht originell sein“, sagte er. „Die Zeitungen können keine neuen Gedanken propagieren.“ Er will es sich überlegen. Indessen ist dien Broschüre im Buchhandel erschienen. Für mich sind die Würfel gefallen. 15. Feber. Jetzt ist mein guter Vater meine einzige Stütze. Alle, mit denen ich bisher die Sache beraten habe, halten sich vorsichtig zurück, lauern, warten ab. Neben mir fühle ich nur meinen teuren Alten. Der steht wie ein Baum. Oppenheim machte gestern abends Spässe in der Redaktion. Er will meine Broschüre binden lassen. „Bist du meschugge, laß dich binden“. Auf das alles muß ich gefaßt sein. Die höheren Schusterbuben werden mir nachlaufen. Aber wer in dreißig Jahren recht haben soll, der muß in den ersten vierzehn Tagen für verrückt gehalten werden. Auch an der Börse soll schon gestern viel von der Broschüre gesprochen worden sein. Die Stimmung scheint eher feindselig gegen mich zu sein. 18. Feber. Wenn heute in der Redaktion nichts vorkommt, schreibe ich folgendes an Badeni: Ew. Exzellenz! Als ich zum letztenmal die Ehre hatte, von Ihnen empfangen zu werden, nahm ich mir die auffallende Freiheit, das Gespräch auf die schwebende Tagesfrage zu bringen. Es war das — Ende Oktober — die Luegerfrage. Ich bemerkte Ihr Befremden, Exzellenz, als ich sagte: Wenn Sie ihn nicht bestätigen, endossieren Sie den ganzen Judenhaß. Der Grund, warum ich das sagte, war die Broschüre, die ich mich hiermit beehre, Ew. Exzellenz zu übergeben, und die damals schon fertig war. Ich wollte mich Ihrem Gedächtnis durch eine kleine Prophezeiung mit kurzer Verfallszeit einprägen, damit Sie am kommenden Tage meine Staatsschrift mit Aufmerksamkeit lesen. Diese Schrift wird vermutlich eine gewisse Bewegung hervorrufen: Gelächter, Geschrei, Wehklagen, Beschimpfungen, Mißverständnisse, Dummheiten, Schlechtigkeiten. Ich blicke alledem höchst gelassen entgegen. Les chiens aboient — la caravane passe. Aber ich möchte, Exzellenz, daß Sie meine Staatsschrift, die für Sie großes praktisches Interesse hat, lesen, bevor sie durch eine wüste Diskussion entstellt wird. 18. Feber, abends. Mittags kam der Universitätsdozent Feilbogen zu mir in die Redaktion, sagte, er müsse mit mir über die Broschüre sprechen — „sie sei das Bedeutendste, was die zionistische Literatur bisher hervorgebracht habe“, usw. — große Elogen. Nachmittags kam er in meine Wohnung und eröffnete das Gespräch mit der Frage, ob ich die Broschüre ernst gemeint habe, ob es nicht eine ironsiche Darstellung dies Zionismus seil Ich war ganz betroffen und antwortete: „Für solche aikibiadisahe Scherze bin ich zu alt.“ Dann tüftelte er stundenlang herum, mäkelte da, häkelte dort.

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