Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 26 (30.6.1922)
- Date
- 1922-06-30
- Page
- Seite 332 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/9072829-9103027-9145557--05062-9077730- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
332 Das Jüdische Echo Nr. 26 Das Reichsministerium des Innern hat dem Reichstag: eine Denkschrift Nr. 4084 über dile Ein- und Auswanderung: vorgelegt. Nach deren Angraben befanden sich vor dem Kriegre schätzungsweise 50 000 Ostjuden als Arbeiter in Deutschland. Dazu sollen während des Krieges und später noch etwa 105 000 weitere Ostjuden als Arbeiter hinzugekommen sein, von denen 55 000 in Deutschland geblieben sein sollen. Nach sachverständiger Ansicht müssen diese Zahlen hinter der tatsächlichen Zuwanderung erheblich Zurückbleiben, da in ihnen nur die Arbeiter gerechnet sind, der größere Teil der Ostjuden aber schwerlich als Arbeiter sein Brot in Deutschland sucht. Diese Einwanderung der Ostjuden nach Deutschland, insbesondere nach Berlin, ist vom Standpunkt der deutschen Bevölkerung im höchsten Grade unerwünscht. Vorschriften, welche zu einer Eindämmung dieser Einwanderung hätten benutzt werden können, bestehen bereits; soweit sie nicht ausreichen, müssen sie entsprechend; ergänzt werden. Wir fragen die Staatsregierung: Wie ist es möglich, daß trotz des Bestehens dieser Vorschriften die Einwanderung diesen Umfang annehmen konnte? Welche Schritte gedenkt die Staatsregierung zu tun, um 1. unerwünschte Gäste abzuschieben; 2. eine schärfere Kontrolle auf diesem Gebiete durchzuführen? Rußland Ein Interview mit Tschitscherin Tschitscherin hat vor seiner Rückreise von Genua nach Rußland der „Jüdischen Preßzentrale Zürich“ ein Interview gegeben, in welchem er sich mit großer Energie dagegen verwahrt, daß den russischen Juden die freie Ausübung ihrer kulturellen Wünsche irgendwie behindert würde. Auf die Frage, wie sich die Sowjetregierung zum Zionismus verhalte, antwortete Tschitscherin: „Wir haben nichts gegen die zionistische Bewegung im allgemeinen, wir bekämpfen aber die Gruppen, zu denen die Heren Pasmanik und Temkin gehören.“ Der Korrespondent wandte ein, daß die Genannten keinen offiziellen Posten in der Zionistischen Organisation bekleiden, weshalb diese für deren Tätigkeit nicht verantwortlich gemacht werden könne. Tschitscherin entgegnete hierauf: „Selbst Dr. Brutzkus, der doch als Führer der russischen Zionisten angesehen wird, war eine Zeitlang gegen uns. Wir haben Dokumente, die deren Schuld in der Konterrevolution erweisen.“ Die Frage, ob den Juden Rußlands gestattet werde, frei nach Palästina auszuwandern, beantwortete Tschitscherin dahin, daß die Genehmigung erst nach genauer Prüfung erteilt werde. Dagegen sei die Auswanderung der Juden nach Amerika frei gestattet. (Joffc erklärte dagegen dem Korrespondenten der P.Z. kategorisch, daß es keinem arbeitsfähigen jungen Manne gestattet werde, Rußland zu verlassen, da das Land diese selbst brauche.) Freilassung der verhafteten Zeire-Zion Wie uns soeben gedrahtet wird, sind die Teilnehmer der Ze’ire-Zion-Konferenz in Kiew, die gemäß einer früher wiedergegebenen Nachricht verhaftet wurden, bereits wieder freigleassen worden. Wir begrüßen diese Nachricht mit Genugtuung und bedauern sehr, daß immer wieder derartige Übergriffe der Sowjetpolizei — wahrscheinlich auf Anstiftung der jüdischen Kommunisten — Vorkommen, obwohl solche Zwischenfälle keineswegs im Interesse der Sowjetregierung liegen und auch den Intentionen der wirklich maßgebenden Persönlichkeiten der russischen Regierung nicht entsprechen dürften. Italien Italien und das Palästina-Mandat. Rom, 7. Juni. (Stefani.) In der heutigen Kammerdebatte zur auswärtigen Politik der Regierung erklärte der Minister des Äußeren Schanzen Anläßlich der jüngsten Tagung des Völkerbundrates hat der englische Delegierte verlangt, daß das britische Mandat über Palästina auf die Tagesordnung gesetzt werde. Die Delegierten Frankreichs und Italiens erklärten, ohne sich dem britischen Mandat zu widersetzen, daß sie nicht vorbereitet seien, dessen Bestimmungen zu erörtern, und verlangten die Vertagung. Die Prüfung wurde sodann auf den 15. Juli verschoben. Unterdessen wird Italien trachten, mit der britischen Regierung ein direktes Abkommen über die Modalitäten des Mandats zu erreichen, das ganz besonders italienische Interessen berührt. Hinsichtlich der Frage, in Palästina eine Heimstätte der Juden wieder herzustellen, verweist der Minister des Äußeren auf die Schwierigkeiten und das Mißtrauen, daß die Rückkehr der Juden nach Palästina nicht bloß unter den christlichen Gemeinden, sondern auch unter den muselmanischen hervorgerufen habe. Dies sei natürlich, da Palästina das heilige Land der drei Religionen sei. Die italienische Regierung werde die bereits erteilte Zustimmung zur Herstellung der jüdischen Heimstätte aufrecht erhalten und' sich mit Sorgfalt dafür einsetzen. daß jene katholischen Interessen, die eine glorreiche italienische Tradition bilden, nicht verletzt werden. Amerika Vom Keren Haiessod in Amerika. Nach einer Aufstellung von Peter Schweitzer hat der Keren Hajessod im ersten Jahre seiner Tätigkeit in Amerika (bis Ende März 1922) 4 400 000 Dollar in Zeichnungen und Zahlungen erhalten, wovon etwa 1 447 810 Dollar bar eingegangen sind. Feuilleton Die Goi-Insel In der Berliner „Weltbühne“ stellt der einwandfreie Nichtjude H. v. Weaderkop über das „judenreine“ Nordseebad Borkum die folgende Betrachtung an: Mit Borkum, könnte man denken, haben die Juden sich einen Spaß gemacht. Sie wollten ein Experiment anstellen. Sie haben diese Nordsee- Insel aus dem Verkehr gezogen, um dort Arier zu züchten. Sie wollten sehen, wie es ausging mit Ariern, die ganz sich selbst überlassen, abgeschnitten, ganz unter ihresgleichen sich entwickelten. Ein ehrlich und loyal angestelltes Experiment, denn die kraftvolle Nordseeluft sagt Ariern zu, der rauhe Charakter der Gegend ist günstig für ihre Ideale, wenn irgendwo müßten sie sich hier auf sich selbst besinnen und zu sich selbst zurückkommen. Der Gedanke wäre also durchaus erträglich vom arischen Standpunkt aus. Wenn dieses Experiment schlecht ausfällt, wenn sich herausstellt, daß der Versuch mit solcher Probeinsel mißglückt ist, so kann man den Juden nichts vorwerfen. Sie hätten loyal gehandelt.