Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 26 (30.6.1922)
- Date
- 1922-06-30
- Page
- Seite 333 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 Das Jüdische Echo 333 Indes verhält es sich so, daß das Elend von den Gojim selber ausdrücklich gewollt ist. Es ist ihnen nicht zu helfen, man kann kein Mitleid mit ihnen aufbringen und keine Antipathie gegen die Juden, denn diese haben ihre Hand gar nicht im Spiele. Ich betrat die Insel an einem August-Abend. Der Weg dorthin läßt sich natürlich an, übliches graues unbewegliches Wattenmeer, das man durchfährt. Holland backbordseits strömt Vertrauen undi Fülle aus. Noch ahnt man nichts, sieht man den schmalen Inselstrich vor sich. Ich muß sagen: ich stand dieser Insel objektiv gegenüber. Naiv, wie ich sie und ihre Stellung zum Judentum vorerst noch empfand, war ich mir nur bewußt, nicht allein, daß hier Germanenwille vorlag, endlich mal unter sich zu sein — dieser Gedanke erschien mir nicht ausschlaggebend, nur nebensächlich, sondern daß, da doch die Juden die Letzten sind, die so ohne weiteres über ihren Kopf entscheiden lassen, bei ihrem passiven Verhalten der Insel gegenüber, vielmehr bei ihrer eisigen Zurückhaltung (wo doch das übrige Friesland ein Tummelplatz für das fröhliche Volk war), daß irgend etwas vorliegen mußte. Warum war dies Kettenglied voll unschudvoller Dünen von ihnen boykottiert? Ich begreife nicht, wie ich mein instinktives Mißtrauen gegen diese Insel überwand. Sie birgt unnennbare Dinge. Ihr schimmernder Leib ist verdrückt durch einen preußischen Backsteingürtel. Eine aufgemauerte Mauer gegen den Feind von jenseits der Nordsee. Statt weichen Sandüberganges in die blaue Luft des Meeres eine infame gründlich aufgeführte Backsteinmauer, gerader Strich eines Regierungsbaumeisters durch die Natur, schroff wie Sankt Helenas Naturküste. Kaltschnäuzig auch dem Meer gegenüber. Nach dem Meer zu liegt Tang, Kehricht der Nordsee, und stinkt. Wenigstens an dem Abend. Ab und zu, in regelmäßigen Abständen, führen an der Mauer eiserne Leitern senkrecht hoch, vermitteln den Verkehr zwischen Kasematte und Außenwelt. Durch starke Buhnen, die den Strand zerschneiden, ist ewiges Vorhalten der ganzen Misere garantiert. Jenseits der Mauer ist Magdeburg. Magdeburg unregelmäßig. Muffige Veranden die Menge, Stubenluft am Meer. Dieser Versuch der Gojim, sich hier selbständig auszutoben, ist, sagt man sich beim ersten Blick, mißglückt. Wirre Häßlichkeit, nicht mehr zu haltendes Chaos kommt hier zum Vorschein. Ich nähere mich dem steingewordenen Christenwillen, verschwinde in seiner Wirrnis. Halb verwehte patriotische Klänge überall, die um neun Uhr etwa erstarben. Denn es scheint Gewohnheit dortiger Gojim, mit frühem Schlaf zum neuen Trotz auszuruhen. Bald gab es nur noch verstreute höhere Beamte, die stieren Auges auf Bettschwere abzielten. Mit strickenden oder Rudolf Herzog lesenden Frauen. Was stramm empfand und dem noch Ausdruck geben wollte, war zu einem patriotischen Abend zusammengezogen. Ich guckte durchs Fenster in eine Riesenhalle, es war nicht möglich, sich noch einzudrängen. Alles war einig beisammen: Babys, Backfische in Kattun, Jünglinge, Männer und alte Damen, alles mit Schweiß und Glanz für Treue in Waffen starrend, jede Lyrik ausgeschlossen. Donnerhall war gerade abgebraust, und der elegante Kapellmeister im Frack mit betonter Taille erhob sich zur Darstellung des Schlachtenpotpouris. Der elegante Wippsteert hatte vom Shimmiezum Sohlachten-Dirigenten gewechselt, das Herz auf dem rechten Fleck. Er stach die kernigen Rhythmen in seine Kapelle hinein und wandte sich, wenn diese versorgt war und eisern kadenzierte, plötzlich dem Publikum zu. um dies aus seinem Rand und Band in Rhythmus hineinzuzwingen. Dies aber genoß bei Grog und Bier, wenn auch überschwänglich, so doch mehr gemütlich und schleppte mit breiten Gesangschwaden hinterher, trotz Feuer in Aller Augen. Und in dem Bedürfnis nach straffem Rhythmus leicht enttäuscht und geschwächt, wandte sich der Lenker des Schlachtenlärms wieder seiner Kapelle zu, um durch ihre Vermittlung aas Publikum zu zwingen. Beim Kneten des gewaltigen Musikteigs nahmen seine Bewegungen allmählich an Heftigkeit zu, schienen rhythmisch-sexuell zu werden, bis er und seine Kapelle zum Schluß in den Gesangswogen restlos verschwanden. Aber man mußte immer wieder auf die seligen alten Damen schauen, wie sie ihre helle Freude hatten an Pracht und Lärm und an die Zukunft glaubten, wie sie alles mitmachten, wie sie bei „Helm ab zum Gebet“ betroffen wurden, toll bei Wiedergabe der Schlacht, gehoben beim Niederländischen Dankgebet und endlich erlöst, als alle sangen: „Siegreich wollen wir Frankreich schlagen“ und mit anderen zusammen: sterben wollten als ein tapferer Held. Es war ein wohlbehüteter, eingefriedeter, aber enorm lauter Schlachtenlärm, der da vor einem abrollte. Ich konnte keinen Zusammenhang finden zwischen dem Toben drinnen und dem Salz der Seeluft, die allmählich gegen den Dunst des abziehenden Hammelnierenfetts das Feld behauptete. Ich war nicht ideal eingestellt, dachte an materielle einsame Freuden ohne offizielles Gepränge, nicht beschienen von diesen fürchterlichen Lichtquellen, die das Schweißgesehimmer so genau bestrahlt, als handle cs sich um die wissenschaftliche Feststellung eines unappetitlichen Phänomens. Nach einem Rekontre wegen Kopfschütteins schlich ich mich dem Strande zu. Auch hier still in der Nacht eine durchaus kriegerische Gesamtstimmung, Burg an Burg, bestückt. Feist feldgrau extra dry, Asbach uralt und Mampediktiner las ich im Dunkel auf Geschützen, die hohl nach England starrten. Danach in ein freudlos hartes Kriegerbett. Morgens verjagt von so viel Goitum, auf dem Wege zum Heimkehrdampfer, sah ich im Frühschein eine Kompagnie gegen England ausrücken. Es schien Kriegsbereitschaft angesagt. Auf dem Dampfer gehärtetes Kriegertum, gestählt durch harte Ferienübung. Von stichelhaarigen, krimstecherbewaffneten Kommandeuren wurde Horizont des Wattenmeeres abgesucht. Zentralgermanen (aus kgl. sächs. Gauen) beschäftigten sich genauestens mit Ferne. Ein riesiger Slave aus Pommern, die anderen Germanen an Massigkeit weit überragend, kaute Stullen gegen den Horizont. Im langsamen Auf und Ab zermalmte er mühelos und regelmäßig die harten Gegenstände. Umstanden von Damen bot er diesen seine ganze breite, gegenwartsfreudige Männlichkeit in einem Triumphstuhl zum Genüsse an und rief, immer zwischen Stullenkauen: „Jung muß man sein“ und suchte so die Stimmung der im Stehen und beim Zuschauen Kraftverlierenden anzufeuern. Ein alter Herr trillerte in Marinesignalen: „Klar zum Gefecht“ und „Das Ganze Halt“ und brachte sich um seine letzte Kraft. Jugend stand leichtsinniger herum, drückte Waden durch Drillichhosen und poussierte keck mit wiegender Taille. Aber das ganze Schiff kamaradschaftlich geeint im Zeichen des Kreuzes. —■ So liefen wir Emden an.