Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 24 (16.6.1922)
- Date
- 1922-06-16
- Page
- Seite 306 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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306 Das Jüdische Echo Nr. 24 Kulturinhalte, und nennen wir sie selbst Goethe und Kant, nicht restlos befriedigen können; in uns steckt das starke und heiße Sehnen nach mehr, nach dem, was, unserem Geiste adäquat, aus den Feuerworten der Propheten, aus den uralten Schriftzeichen unserer heiligen Bücher im Laufe einer dreieinhalbtausendjährigen Geschichte immer wieder und wieder, nicht gebeugt und nicht gebrochen durch die Gegnerschaft einer Welt, empor- und in das Volk geschleudert worden ist. Wir sind das Volk der stärksten Begeisterungsfähigkeit. Fanatiker des Gerechtigkeitsglaubens und des Optimismus, sind die Menschen, denen letztes Ziel und Zweck des menschlichen Einzellebens die Annäherung an den Zustand' der Verbundenheit mit dem Göttlichen ist. Wir sind das Volk, das seine Existenz nicht nur führt, um die scheckige Nationalitätenkarte der Welt um eine neue Farbennuance zu bereichern, sondern wir fühlen in uns die felsenfeste Überzeugung, daß wir geschaffen worden sind, um bis ans Ende der Tage für überzeitliche, für ewige Ideen zu zeugen und sie, soweit das im Irdischen möglich ist, in praktisches Leben umzusetzen. Das ist aber eine Gefühlswelt, die eben nur in einem Volke herrschen kann, das einmal, wie das jüdische, nicht nur rüekwärtswärtsblickend aus seiner Geschichte seine große Aufgabe sich konstruiert, sondern das bewußt an den Anfang seines völkischen Seins den Willen zum Zusammenwachsen mit dem Göttlichen, den Willen zur menschlichen Vollendung und Heiligung bestellt hat. Aus diesm Grunde wird unsere Gefühlswelt als Bürger der Völker und Länder, in denen wir leben, immer unbefriedigt bleiben, wenn sie nur aus dem einen Quell des Deutschtums, der anglosächsiscben Sphäre oder der romanischen Welt gespeist wird. Wir Juden sind innerlich so reich und unsere Gefühlswelt so weit, daß wir sehr vieles Deutsche in uns aufzunehmen, ihm unsere Arbeit und unser Können zur Verfügung zu stellen vermögen, aber dabei mit der gleichen oder vielleicht noch stärkeren Leidenschaftlichkeit auch die Fäden zu uns herüberziehen können, die uns mit dem Am-Echod, seiner Geschichte, seinem Geiste und seiner Zukunftshoffnung, Palästina, verbinden. Herr Doktor Naumann liebt es. seine Auseinandersetzungen mit den neunundneunzig-und noch weniger deutschprozentigen Juden Deutschlands ih der nichtjüdischen Öffentlichkeit vorzunehmen. Er erklärt, daß es für ihn keine innerjüdischen Probleme gäbe. Nur derjenige, für den sich alles so einfach und unkompliziert abspielt, wie für ihn, mag eine solche Ansicht vertreten. Wir können und wollen vor nichtjüdischen Menschen nicht all das sagen, was wir gegen Naumann zu sagen haben, nicht deswegen, weil wir irgend etwas scheuen, weit wir ein verstecktes Spiel treiben müßten, nein, weil es, in einer Zeit und einer Welt, in der das Antlitz des Judentums so entstellt, so verzerrt ist, in der schon der Name Jude bei einer großen Anzahl Deutscher instinktiv Gefühle der Minderwertigkeit, der Abneigung auslöst, gar nicht möglich ist, diese Dinge mit der nötigen Klarheit zu behandeln. Wir müssen erst Vorarbeiten. Wir müssen uns Organe schaffen, die so stark fundiert sind, die einen so mächtigen Resonnanzboden in der Außenwelt haben, daß es zunächst einmal möglich ist, das gewaltsam und künstlich entstellte Antlitz des Judentums den andern wieder in der reinen, ruhigen, schönen und alten Form zu zeigen. Es muß dahin kommen, daß dem Nichtjuden auch in Deutschland, wenn1 vom Judentum die Rede ist, nicht blitzschnell die gedankliche Assoziation mit dem Schieber, mit dem Wucherer, mit dem atheistischen Skeptiker und Spötter, mit dem bedenkenlosen kommerziellen und politischen Geschäftemacher aufsteigt, sondern, daß er sich hineinversetzt fühlt in die Sphäre des Volkes, das er einst bei der Lektüre der Bibel als das kennen gelernt hat, aus dem auch in Zeiten des schlimmsten Niederganges und der Verrottung immer wieder sieghaft lodernd der empörte Feuergeist herausgebrochen ist und der alten Wahrheit und Gerechtigkeit zum Siege verholten hat. Erst dann könnte man, ohne auf gröbstes Unverständnis draußen zu stoßen, öffentlich diskutieren. Trägt Naumanns Streben dazu bei, das Jüdische dem Deutschen verständlich zu machen? So ehrlich er glaubt, Deutschtum und Judentum dadurch versöhnen zu können, daß er von uns die Aufgabe unserer Persönlichkeit, unserer Geschichte, unserer geistigen Eigenart verlangt und dann das kümmerliche übriggebliebene Restchen triumphierend als hundertprozentigen Deutschen dem deutschen Volke als Geschenk darbringt, so unbedingt sicher muß dies Bestreben dazu führen, dem Deutschtum das Bild des Judentums noch weiter zu verfälschen. Der deutsche Jude, den Naumann erziehen und züchten will, ist ein braver, spießbürgerlicher Durchschnittsdeutscher, ganz sicher aber kein Jude mehr, mag er auch noch so sehr mit anerkennenswerter äußerer Anständigkeit sich auf der Konfessionsliste stehen lassen und von' Taufe und Mischehe noch Abstand nehmen. Aber darüber, Herr Doktor Naumann, dürfen auch Sie sich nicht die geringste Illusion machen, daß die Jugend, die unter Ihrem Programm aufwachsen würde, in einer Weise bitterlich unbefriedigt von dem jämmerlich zugestutzten, willkürlich zurecht geschneiderten Judentum bleiben müßte, daß die selbständig Denkenden unter ihr auch nicht einen Tag länger als nötig die äußerliche Zusammengehörigkeit mit dem Judentum aufrecht erhalten würden. Selbst wenn sie, wie Sie persönlich, Herr Doktor Naumann. Monotheisten sind und — so sagten Sie einmal ungefähr — an das Walten eines großen unsichtbaren Weltengeistes glauben, so werden sie sich sagen, daß sie das billiger und leichter in der Gesellschaft für ethische Kultur oder ,im liberalen Protestantismus haben können, was dann auch den großen Vorteil für sie mitbringen würde, sich nun überhaupt nicht mehr von den übrigen Deutschen zu unterscheiden und so, wenn das gar noch anginge, aus hundertprozentigen zu einhundertundzehnprozentigen Deutschen geworden zu sein. Das aber gibt uns, wenn noch irgend etwas dazu notwendig sein sollte, die Richtlinien unserer Stellung gegenüber Naumann, den wir für einen subjektiv ehrlichen Mann, aber objektiv für einen Zeitgenossen halten, der der jüdischen Gesamtheit schweren Schaden zufügt. Geistig bietet uns Naumann nichts, mit dem wir uns noch auseinanderzusetzen hätten; trotzdem wird es notwendig sein, den Kampf gegen ihn aufzuuehmen. Kein Kampf, der persönlich oder gehässig werden darf, kein Kampf, der den Mann treffen soll, der, ich wieder- J. A. HENCKELS ZWILLINGSWERK MÜNCHEN / THE ATI NERSTR ASSE 8