Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 24 (16.6.1922)
- Date
- 1922-06-16
- Page
- Seite 305 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 Das Jüdische Echo 305 uns immer mehr wieder mit jüdischen Idealen vollsaugen, auch minderwertiger als deutsche Staatsbürger, verlieren wir mit jedem Atemzuge, den wir in jüdischer Gedankenwelt tun, wirklich so und so viel Prozent von dem Mindestmaß an Deutschtum, das Herr Doktor Naumann als unerbittlicher Inquisitor von uns verlangt? Wir meinen, daß diese Frage sich nicht mit dem Prozentmaßstab beantworten läßt, ebensowenig wie ihr von der Rechtsseite aus beizukommen ist, sondern daß hier einzig und allein maßgebend ist einmal die Intensität jüdischen Wollens und Fühlens und ferner die Tiefe und Leidenschaft menschlichen Empfindens in uns überhaupt. Es sind nämlich, Herr Doktor Naumann, z. B. hundert Prozent eines armen geistigen Schächers, der zeitlebens in zitternder Ängstlichkeit sein Schiiflein zwischen den Schranken vorgeschriebener und philiströser Anschauungen ohne Anstoß hindurch steuert, der niemals einen eigenen Gedanken gehabt oder durch starke Leidenschaft und Inbrunst über sich hinaus gehoben worden ist, durchaus nicht gleichzusetzen den hundert Prozent eines Menschern dem die äußeren Formen des Lebens wenig, der geistige Gehalt aber alles bedeutet. So seltsam es Ihnen, Herr Doktor Naumann, klingen mag, auch in Prozenten sind doch alle Menschen inkommensurable Werte, und man kann nicht Mündestforderungen einer geistigen Prozentnorm im sie steilem Diejenigen von uns, die sich aus eigener Kraft und Anschauung, entwachsen dem ideallosen, mehr Gewohnheit als Weltanschauung darstellenden Liberalismus der letzten Jahrzehnte, zu einem stark empfundenen, täglich neu eroberten und immer reicher sich gestaltenden Judentum durchkämpfen, wachsen gerade durch diesen Prozeß selbständiger geistiger Arbeit so aus sich und über sich heraus*, daß für das Deutschtum und alles, was mit ihm zusammenhängt, vielleicht noch mehr Raum in unserem Kopfe und Herzen vorhanden ist, als bei denen, die mit eifersüchtiger Angst und drohend erhobenem Zeigefinger darüber wachen, daß von dem menschlichen Aktienkapital der Einzelperson nicht etwra einundfünfzig Prozent in jüdische Hände kommen. „Das Moralische versteht sich immer von selbst“, und' wenn wir zu nichts Höherem als zu dieser Erkenntnis auf dem Wege jüdischer Entwicklung gekommen wären, schon dann wäre es eine absolute Selbstverständlichkeit, daß man dem Lande, in dem man lebt, in dem man vielfach väterlicherseits und mütterlicherseits seit Hunderten von Jahren nachweislich eingesessen ist, stärker, williger zu dienen hat, als es das geschriebene Gesetz verlangt. Gesetze sind immer nur Mindestprogramme, zugeschnitten auf die große Masse derer, die unter dem Zwange des Gesetzes und im Grunde widerwillig ihre Pflicht tun. Derjenige aber, der wie der wirkliche Jude aber sein ganzes Leben auf den Gemeinschaftsbegriff, auf die Eingliederung in das große Ganze, auf soziale Gedankengänge, auf aufbauende Arbeit im Sinne des Binjan-Olam einstellt, wird sich niemals durch das geschriebene Gesetz daran hindern lassen, mehr zu tun. Er wird immer nicht nur seine Pflicht, sondern sein Menschenmögliches leisten. Und in dieser verhältnismäßig einfachen Feststellung liegt auch schon das Urteil über die ungeheuerliche Anmaßung eines Max Naumann, der, weil, oder trotzdem er die wahre jüdische Psychologie nicht verstehen kann, sich vor die nichtjüdische Öffentlichkeit hinstellt und in Bezug auf die Juden, die nicht seiner Anschauung sind, sagt: „Wir können es nicht ruhig hinnehmen, daß Fremde, die ihre innere Fremdheit geflissentlich zur Schau tragen, die mit ihrer Seele fern von uns sind, ihr Staatsbürgertum wie ein Maskenkleid vor uns hertragen.“ Fremd, Herr Doktor Naumann, sind wir mit unserem Herzen nur Ihnen, weil wir in Ihnen den Menschen spüren, der gänzlich unbeschwert von allen Konflikten seelischer Natur brüsk den Stab über alle die bricht, die sich nicht, wie er selbst, leicht und willig in das Schema einer starren und in ihrer Nüchternheit unendlich öden und eintönigen Gedankenwelt einpressen lassen! Wenn ich oben sagte, daß in der Feststellung der Möglichkeit, ja der Sicherheit einer freudigen Mitarbeit innerhalb des Landes, in dem wir leben, schon das Urteil über Naumann beschlossen liegt, so ist damit Naumanns Anklage, daß Jüdisch- Nationale und Zionisten sich als Fremde in Deutschland decouvrieren, bei denen man sogar die Ausübung der Staatsbürgerrechte „als einen Mißbrauch bekämpfen müßte“, abgetan und erledigt, nicht aber ist für uns, die wir etwas tiefer und' stärker als Naummann an diesen Dingen interessiert sind, das ganze Problem erschöpft. Die Zusammenhänge Judentum und Deutschtum sind insofern für uns zweifellos kompliziert, als wir bewußten jungen Juden uns in der Tat in vielen unserer Gedankengänge auf Ideen einstellen, di'e nicht deutsch, ja nicht einmal europäsch sind. Diese Dinge liegen aber nicht auf politischem Gebiete, haben nichts mit Staatsbürgertum und mit der Solidarität zu tun, die unbedingt die Menschen umfassen muß, die innerhalb der Grenzen eines Staates leben, und auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen sind. Diese Gedanken liegen in der Welt, die die eigentliche jüdische ist, in der Welt des Geistes und der Seele. Ich sage es ganz offen, daß den wirklichen Juden allein deutsche wfmamsL* ~fKn-Jü>dcn