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Das jüdische Echo · 1922-06-16 · 24 (16.6.1922) · p. Seite 304

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
24 (16.6.1922)
Date
1922-06-16
Page
Seite 304 (sequence 4)
Language
German
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304 Das Jüdische Echo Nr. 24 Wir verweisen auf unsere heutige Beilage „Das Neue Palästina“. Großinquisitor Naumann Als ich die ersten Schriften Max Naumanns las, und zwar zunächst seine Artikel in der „Kölnischen Zeitung“, die vor etwa eineinhalb Jahren erschienen, hatte ich das Gefühl, das sich später bei der Lektüre der gesamten, in Buchform erscheinenden Artikel noch stärker mir ausprägte, es hier mit einem durchaus ehrlichen und zweifellos nicht unsympathischen Menschen zu tun zu habem der, in gewisser Einseitigkeit befangen, sich bemühte, eine ihm notwendig erscheinende Klärung in das Verhältnis zwischen Juden und Deutschen zu bringen. Daß er dabei durchaus, was die jüdische Seite des Problems anbelangt, an der Oberfläche blieb, mußte man ihm, einem offensichtlichen Neuling im jüdischen Leben, verzeihen, zumal in seinen allerersten Kundgebungen das scharf Verletzende, das überheblich Kritische, die Gebärde des arbiter dürchaus noch fehlten. Später entwickelte sich Max Naumann in einer Weise, die es fast unmöglich machte, an der Objektivität die man anfangs in unseren Kreisen seinem zweifellos ehrlichen Streben entgegenbrachte, festzuhalten. Man bekam allmählich den Eindruck eines sich in eine bestimmte Idee mit Hartnäckigkeit verbeißenden Menschen', den Gegnerschaft und Kritik nervös und gereizt machten, und der mit allen Mitteln und mit einer zweifellos imponierenden Geschäftigkeit und Betriebsamkeit den Versuch machte, auf dem räumlich recht beschränkten Areal seiner jüdischen Gedankenwelt eine Bewegung aufzubauen. Zum Schöpfer einer Bewegung aber, noch dazu einer jüdischen, fehlt diesem Manne, der vielleicht imstande ist, eine gut funktionierende Organisation zu schaffen, so gut wie alles. Was ist denn der Unterschied zwischen Bewegung und Organisation? Doch der, daß eine Organisation Mitglieder hat, deren Interessen wahrnimmt, ihre Beiträge einkassiert und Rechenschaftsberichte in schön gedruckten Heftchen ablegt. Eine Bewegung aber leitet ihren Namen davon her, daß sie Menschen wirklich im tiefsten Innern bewegen, aufrütteln, von Grund auf verändern, revolutionieren kann, daß sie imstande ist, Menschen aus ihren alten, ausgefahrenen Lebensgeleisen herauszureißen und in neue Bahnen zu lenken. Glaubt Max Naumann der Mann dazu zu sein, und reicht das, was er den deutschen Juden bringen will, dazu aus? Max Naumann mag gegenüber der alten Jlkademie manche starke Seite haben: Seine unzweifelhafte schriftstellerische und rednerische Begabung und seine schon vorher anerkannte Rührigkeit, ganz gewiß auch sein guter und ehrlicher Wille. Ein Psychologe aber oder auch nur ein Mann, der imstande ist, Bewegungen aus Vorgängen im menschlichen Seelenleben zu verstehen, die sich nicht nur mit Gesetzesparagraphen oder mit der gebräuch^ liehen Phraseologie umschreiben lassen, ist er wirklich nicht. Wäre dem nicht so, so würde er nicht seine ganze Gedankenwelt auf der schlechthin naiven und erschreckend oberflächlichen Theorie aufbauen, daß der hunderprozentig deutsche Jude das Ideal unserer Erziehung, unseres Strebens sein müsse. Jude sein, Herr Doktor Naumann, ist etwas so ganz anderes, als das, was sich unter europäischen Völkern, in europäischen Konfessionen abspielt, daß schon etwas mehr als die noch so gründliche Kenntnis des römischen Rechts und der deutschen Kultur dazu gehört, um über das jüdische Problem und über jüdische Menschen als oberster Richter zu urteilen. Wir sind ein Volk — der Begriff des Am-Echod ist eiine geschichtliche Tatsache, die nicht hinweg zu disputieren ist — ein Volk, hineinversprengt vor Jahrtausenden imter die anderen. Ein Volk, unterschieden von allen anderen der Welt durch das Zusammenfließen der göttlichen Idee mit dem Menschlich-Irdischen, durch eine ganz besondere Sinnesart und durch eine Zweckbestimmung, die das Judentum über den Rahmen der zeitlich gedachten Erscheinungen, auch der für Zivilisation und Kultur wertvollsten Staatengebilde und Nationen, — denken wir nur an Römer und Griechen — zu der Höhe des für die Ewigkeit Gedachten emporhebt. Gerade weil wir durch diese religiösnationale Eigenart unser Volksleben in jeder Weise anders gestalten als die Nationen der Welt (ein Gedanke, den das Olenu-Gebet in klassischer Form zum Ausdruck bringt), gerade darum ist das möglich, was in den Kopf des Herrn Doktor Naumann anscheinend nicht hinein will und was niemals von denen wird verstanden werden können, die das Judentum und das jüdische Volk messen wollen mit der üblichen Schablonen-Elle. die uns einzwängen wollen in das Prokrustesbett von Begriffen, die dem westeuropäischen Gedankenkreis entlehnt sind. Gerade deshalb, sage ich, ist es möglich, daß wir, wenn wir inmitten anderer Völker leben, unsere Ideenwelt schützen, unsere Geistigkeit, ja selbst unser gesamtjüdisches Solidaritätsgefühl, auch an unseren gemeinsamen Zukunftshoffnungen mit aller Kraft festhalten können und daß wir doch darum nicht schlechtere Bürger im Lande sind als die anderem Herr Doktor Naumann meint ironisch, diese Sache kenne er schon, die „Jüdisch-Nationalen und Zionisten“ versuchten immer an Hand der Begriffe formal-rechtlicher Art zu zeigen, daß Staatsbürgertum und nationale Denkart durchaus nichts miteinander zwingend zu tun hätten, und daß niemand demjenigen als Staatsbürger etwas nachsagen könne, der seine vom Gesetz vorgeschriebenen Pflichten erfüllt, wenn er auch, wie es Herr Doktor Naumann den Jüdisch- Nationalen am Gesicht abzulesen meint es nur zähneknirschend und bitter ungern tut. Wir lassen uns. gleichgültig, ob wir uns jüdisch-national nennen, ob wir Zionisten sind, ob wir in anderer Form begeistert und durchdrungen von unserem Judentum uns betätigen, auf diese Streitereien nicht ein, die uns der Sache unwürdig erscheinen. Wir erkennen in erster Linie unser eigenes Gewissen als Richter an. Wie steht es, wenn wir dies Gewissen zu Rate ziehen, mit unserem Deutschtum und mit unserer Stellung im Staate? Werden wir wirklich in dem Maße, in dem wir

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