Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 23 (9.6.1922)
- Date
- 1922-06-09
- Page
- Seite 295 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Das Jüdische Echo 295 Zeugen zu hören, doch erklärte Kunze, der telephonischen. Aufforderung nicht Folge leisten zu können. Auf Antrag des Verteidigers Dr. Broh beschloß das Gericht, die Verhandlung zu vertagen und Kunze sowie mehrere andere Zeugen darüber zu hören, ob der beleidigende Artikel gegen den Willen des Beklagten von Kunze selbst veröffentlicht worden sei. Der abgeblitzte Streicher. Die „Fränkische Tagespost“ schreibt: Der Fischzug, den die um Streicher im April unter dem Schutze der Polizei und des Staatssekretärs Gareis im Velodrom unternommen hatten, ist bekanntlich für che Veranstalter nicht gerade ermutigend verlaufen. Aber die Niederlage dieser Pseudokämpfer gegen cras Kapital hat die Herrschaften veranlaßt, einen neuen Feldzugsplan zu entwerfen. Auf dem „Mitteilungsblatt des Graphischen Kartells“ wollten die Herren diese Gewerkschaften für eine Radauversammlung gewinnen. Von der Gewerkschaftsleitung wurde ihnen bedeutet, daß diie Gewerkschaften dringendere und andere Aufgaben zu erfüllen haben. In den antisemitischen Witzblättern macht man sich lustig über den aufdringlichen Geschäftsreisenden, der natürlich ein Jude ist und der, wenn er vorn herausgeschmissen wird, zur Hintertür wieder hereinkommt. Wenn ein solches Verhalten ein sicheres Kennzeichen des semitischen Blutes sein soll, dann scheinen diese angeblich rassereinen Antisemiten selbst stark semitisch verseucht zu sein. Denn trotz der deutlichen Absage. die den Kämpfern gegen1 Juda zuteil wurde, wandten sie sich jetzt an die Betriebsräte, denen sie Handzettel zur Verfügung stellen und die sie, gottesfürchtig und frech, zu einer Versammlung einladen. in der über „Parteiunwesen und Judentum“ gesprochen werden soll. Ein Schriftsetzer, B. Schuhmann hat den Handzettel unterzeichnet. Zur Deckung der Kosten wird 1 Mk. erhoben, außerdem haben die Versammlungsbesucher einen Ausweis mitzubringen, daß sie dem graphischen Gewerbe angehören. Es scheint also recht zünftlerisch herzugehen. Wenn aber die Werkgemeinschaft, oder, wie sie sich sonst nennt, über Parteiunwesen sprechen will, dann braucht sie nur ihre eigene Existenz zu beschreiben. Die Arbeiterschaft des graphischen Gewerbes muß sich jedenfalls die Einladungen dieser Volksbeglücker ganz energisch verbitten. Personalia Wie wir kurz vor Redaktionsschiuß erfahren, hat Herr Jakob Reich durch den Tod seiner Mutter einen schweren Verlust erlitten. Wir sprechen unserem, um die jüdische Sache hochverdienten Freund unser herzliches Beileid aus. i Feuilleton Heldentum, Christentum, Judentum Ein Bekenntnisbuch — so nennt Max Brod sein Werk. In der Tat, das Bekenntnis eines Künstlers, das Zeugnis seiner eigenen Wahrheit in sich. Dieses Buch bedeutet etwas neues in der jüdischen Geistesgeschichte. Nicht historisch abgeleitet ist Brod’s Judentum, sondern ein Prozeß in der Gegenwart. Man muß dieses Judentum modern nennen, denn seine Probleme sind auch die Grundlagen des modernen Menschern Hier ist das Judentum, und darin ist ein Charakteristikum Brod’scher Anschauung zu finden, nicht wie bei Achad Haam und Martin Buber eine Forderung an den Menschen. sondern Erlebnis im Menschen, wesentlich ontologischer Natur, ist, mit einem Wort — „Weltgefühl“. Es ist die tiefe Tragik des Lebens, im Geist das Absolute, Unendliche zu sehen und in der sichtbaren Welt wie ein Blinder zu tappen, das Gute zu wollen und doch in seinem Tun beschränkt zu sein, erfahren zu müssen, daß ein noch so heftiger Wille das Gute nicht herbeiführt, ja sogar Einsturz der Guttat der Lohn ist. Lohnt es also, Mensch zu sein? Und was bleibt übrig? — Das Heidentum nimmt das Unabwendbare als ein Unumstößliches, Notwendiges hin. Ihm ist das Irdische alles, daher werden auch alle im Diesseits sich durchsetzenden Triebe und Kräfte gebilligt, gleichsam heilig gesprochen, daher ist auch die übernatürliche Welt nur eine direkte Fortsetzung, eine Weiterbildung der sichtbaren. — Was lehrt das Christentum? Vollständige Abkehr von allen natürlichen Trieben, Auf geben der körperlichen Welt zugunsten der ewigen — was ist der Mensch im Hinblick auf Gott! Unfähig, dias Gute zu wollen, ist er selbst verwerflich (ex sola doni supematuralis ob Aedae peccatum amissiöne), „Der Leim, aus dem wir gebildet worden, ist verdammlich“, erklärt Luther (Vgl. Bd. I, S. 14). Nur im Leben Gottes gibt es Gutes, nur von Gott ist Gnade zu erlangen. — Das Judentum aber sagt, — und hier bedeutet nun Brod’s Weg in der Tat eine neue Stufe in der jüdischen Geistesgeschichte — diese endliche Welt ist nicht eine Weltlichkeit um ihrer selbst willen, sondern um Gottes und um des Wunders willen. Demütig erleben wir das „edle Unglück“ als gottgewollt und unabwendbar, als Unglück in Reinheit. Edles Unglück bringt uns das Bewußtwerden des Unendlichen, stellt uns vor die Herrlichkeit Gottes (Konfrontation mit dem Unendlichen). In dem Gefühl der Empörung aber wenden wir uns gegen das „unedle Unglück“, gegen das in unsere Macht, in unsren Willen gestellte Übel. Und kraft dieser Auflehnung, dieser Empörung sind wir innerhalb der Provinz des abwendbaren Unglücks freie, schöpferische, gottebenbürtige Wesen. Es steht also in unserer Macht, unedles Unglück zu schwächen, aber — hier greift Brod in seine persönlichen Erlebnisse, wenn er sagt: „Ich sah ein, daß es mit dem guten Willen zur Umorganisierung der Welt nicht getan sei. Nicht der Wille entscheidet, sondern daß der Wille aus einem reinen und nichts als willigen Menschen hervorbricht. Keine tiefe Willigkeit aber ohne Selbsterlösung. Wer sich an die Aufgabe wendet, der Menschheit zu dienen und sich dabei selbst vernachlässigt, wer gar glaubt, Neigungen, die sich seiner heiligen Pflicht entgegensträuben, einfach köpfen zu können, — der zerreißt das Gewebe der Natur und niemand kann sagen, in welcher Unnatur elendigen wird.“ Beidle Reiche können also ohne einander nicht bestehen, eins ist zur Ergänzung des anderen notwendig und doch schließen sie ein- J. A. HENCKELS ZWILLINGSWERK MÜNCHEN / THEATINERSTRASSE 8