Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1922-06-09 · 23 (9.6.1922) · p. Seite 296

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
23 (9.6.1922)
Date
1922-06-09
Page
Seite 296 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9072829-9103027-9145552--05023-9077691
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

29« Dal Jldlsch* Echo Nr. 23 ander aus. stören einander, denn das edle Unglück verlangt „demütig abwartendes Verhalten“, das unedle Unglück „tätiges Eingreifen“. Diese „Unvereinbarkeit des Zusammengehörigen“ (so nennt Brodi das Gesetz) kann nur überwunden werden, wenn die Gnade ordnend hereinleuchten kann. Das Judentum sieht also in seiner Diesseitsbejahung etwas anderes als das Heidentum, ein zunächst in Verzweiflung verlorenes und dann durch die Gnade, durch das Wunder wiedergewonnenes Diesseits. — Diesseitswunder! Und' die große Liebe? Auch sie ist Diesseitswunder, sagt Brod und mit Recht. Dante — der Geist universalster Bildung. Dichter und Künstler, Staatsmann, Philosoph und Theolog zugleich, dessen Schicksal selbst ihm zum Sinn seines Lebens geworden ist. in das gleichsam bestimmend das große Erlebnis seiner Liebe zu Beatrice trat, jene Gestalt, die der große Symbolwert ist für die klare Linie seiner Entwicklung von der dumpfen Enge des Triebhaften zur weiten und festen Bestimmtheit des Wollens, von der Traumwelt zur reinen klaren Anschauung, vom zeitlichen zu einem letzten Ziel, zum Glauben, ins Ewige. Für Dante ist die Liebe die eigentliche vitale Existenzform, sein ganzes Leben ist zum hohen Lied der Liebe geworden — sie vermag das Verhältnis der Seele zum Materiellen zu läutern — aus ihr erwächst seine Kraft zum Dogma einer höchsten Wertung der Dinge. Und so ist sie auch im Paradiso r eiine communio geworden, das letzte Band der Einheit zwischen Natur und Gnade, ein süßer Zusammenklang zum großen Werk der Gemeinschaft. das in Gott besteht. Und diese letzte, einzige Kraft, die ihn aus dem Besonderen ins Allgemeine führt, ist nichts als das Wunder der Liebe. Ihn begnadet nicht der Glaube an Christus, sondern das Erlebnis Beatrice. — Und — Armer Kierkegaard, daß auch gerade deine Abrahamlegende für unser jüdisches Diesseitswunder herhalten mußte!- Meiner Auffassung nach hätte Brod die Unterscheidung zwischen edlem und unedlem Unglück schärfer durchführen müssen, immerhin ist diese neu erkannte Anschauung, mag sie auch noch so sehr den vielleicht berechtigten Zorn Einzelner hervarrufen. die einzig richtige, die zum jüdischen Welterleben hinführt. Von diesem Zentrum des Gedankens ausgehend wird auch die „falsche Grundkonstruktion des Christentums“, in der das heutige Europa mit seinem wirtschaftlichen und politischen Lebeit wurzelt, und seine Amalgambildung mit dem Heidentum bloßgelegt.! Und muß nicht auch Paulus, der alle menschliche Tragik über sich hat ergehen lassen, im Lichte dieses jüdischen Welterlebens anders erscheinen trotz seiner Verirrung, daß seine Gnade, der Glaube an Jesus, sich für die ganze Menschheit verallgemeinern müsse? Die Gestalt des Jesus ist Max Brod so deutlich, daß selbst Drews und Lublinski seinen Glauben an ihre Geschichtlichkeit nicht umstoßen können. Genügten Brod die Beweisgründe nicht, die Artur Drews in seinem Buch: „Das Markusevangelium als Zeugnis gegen die Geschichtlichkeit Jesu“ aufstellt? Jedenfalls: Wenig Schaffende bieten das Schauspiel dauernden Wachstums. Es gehört zu den erlesensten Genüssen. Brod’s Entwicklung zu verfolgen, zu sehem wie er von Werk zu Werk immer reicher wird, von seinem Roman „Schloß Nornepygge“ angefangen bis zu diesem Bekenntnisbuch. Und dieses Werk gibt Entscheidungen: Erkanntes und Gewolltes, Ziel und Zentrum einer Welt, in der Brod! seine Position festgelegt hat. einer Welt des wirklichen Judentums. Von diesem Zentrum aus strahlt eine Liebe, die sich zu höchster berauschender Potenz in seinem rekonstruierten „Lied der Lieder“ verkörpert. Und noch eins: Die religiöse Sehnsucht der Menschheit in unserer Zeit ist größer denn je. Wie ein Kind in die Arme seiner Mutter, so flüchtet das Christentum zur reinen Religiosität gleichsam bei ihr Schutz vor dem Leben suchend. Dieses Anlehnebedürfnis, diese Neigung zum Geführtwerden ist aber nicht Sache des Judentums. Das Judentum kennt keine Ohnmacht der Lebenskräfte. Das Judentum trägt seine Regeneration der Reinigung und Erlösung in seiner eigenen Seele. Es gilt also nicht, das Leben zu fliehen, sondern ihm nahezukommen, nicht zu ruhen im Schoße der Religion, sondern zu kämpfen. Und Brod hat gekämpft und ist seines Weges inne geworden. Die ihn kennen, werden ihn verstehen. Möge aber auch allen anderen gerade dieses Buch Gelegenheit bieten für eine aufrichtige Beziehung zu ihm, die nicht auf Stimmungen und Ausnahmsgefühlen beruht, sondern auf gemeinsamem Leben und gemeinsamem Glauben. Breslau, im Mai 1922. Artur Adolf Cohn. Gemeindenu. Vereins-Echo Aus der Münchener Gemeinde Regelung des Gebühren wesens. Einen großen Teil der Beratungen in der neuen Gemeindevertretung nahm bisher die Regelung des Besoldungswesens in Anspruch; diese wird auch künftighin infolge der durch die fortschreitende Geldentwertung geschaffenen unsicheren Verhältnisse ein häufig wiederkehrender Beratungsgegenstand bleiben. Die Grundlage der Gehaltsregelung ist die staatliche Besoldung und zwar wurden die Beamten in gehobener Stellung, Rabbiner, Kantoren und Lehrer, in die ihrer Stellung entsprechenden Gruppen des Besoldungsgesetzes eingereiht, die übrigen Beamten und Angestellten wurden angeglichen. Die Gleichstellung mit den staatlichen Beamten bedeutete den Verzicht der Beamten auf die seitherigen Nebeneinkünfte und veranlaßte die Gemeindeverwaltung KREU-UCKO DAS H A U S|%nfiiMb~W%l%^^THEATINERSTR.16 TELEFON 27831—32 BIETET BESONDERE PREISVORTEILE IN: KLEIDERSTOFFEN - SAMT UND SEIDE DAMEN- UND JUNGMÄDCHEN-KONFEKTION TEPPICHEN —GARDINEN — DECKEN

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.