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Das jüdische Echo · 1922-06-09 · 23 (9.6.1922) · p. Seite 293

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
23 (9.6.1922)
Date
1922-06-09
Page
Seite 293 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 23 Das Jüdische Echo 293 eine Religiosität die wiederum Bekenner und Märtyrer hervorbringt. — Hier sei des allzufrüh verstorbenen Brenner gedacht und seines Lebens und Wollens, das bezeichnend ist für das Leben und Wollen vieler Menschen, die ihr Dasein mit Erez Israel verknüpft haben. Brenner war Ostjude; er entstammte der Generation. deren Zionismus Rache für Kischinew bedeutete. Etwa 6—8 Jahre vor Kriegsausbruch gründete er in Palästina eine Zeitschrift in der er in einem der ersten Aufsätze das Christentum auf seinen religiösen Gehalt und seinen Wert untersuchte. Er kam zu dem Schluß, daß die christliche Lehre viel religiös Wertvolles und menschlich Sympathisches enthalte. In Westeuropa wäre ein derartiger Aufsatz wirkungslos geblieben; im Osten erregte er allgemeine Entrüstung. Achad Haam griff Brenner aufs heftigste an und empfahl seine Werke dem Boykott. Die Rabbiner setzten seine Artikel auf die schwarze. Liste und verboten ihre Lektüre. — Was in aller Welt hatte Brenner getan? Er hatte aus dem Formalismus des traditionellen Judentums den Weg ins Freie gesucht, war auf das Christentum gestoßen und hatte es wohlwollend beurteilt! Es liegt im Wesen wahrer Religiosität — und die Religionsgeschichte zeigt es deutlich, daß sie bestrebt ist, Religion und Lebensform eng miteinander zu verknüpfen. Brenner war Schriftsteller der Berufung nach, der Gesinnung nach Sozialist. Sein Sozialismus war kein äußerlicher, er war ein Religionsverwandter, ja im Grunde recht eigentlich religiöser. Dieses Sozialismus willen wurde Brenner Maurer, Arbeiter. Proletarier. Er wollte „produktive Arbeit“ leisten, arbeitete am „Kwisch“, am Chausseebau, und unterrichtete abends seine Kameraden in dem Bestreben, ihnen das Siegel neuen Lebens, verinnerlichten, wahren Lebens aufzudrücken. — Um seinen Tod Tanken sich Legenden. Er weilte, wie man erzählt, zur Zeit der letzten Unruhen; in Jaffa im Hause eines Freundes. Eine Rotte Araber stürmte herein, Brenner flüchtete nicht, verteidigte sich nicht und starb von Mörderhand, von Arabern getötet, zu denen es ihn hingezogen hatte, und mit denen sich seiner Meinung nach das jüdische Volk verbrüdern müßte. In der Gestalt Brenners wird die Tragik des neuen Geschlechts deutlich, jener Generation, die oft Opfer ihrer seelischen Zerrissenheit wurde. Ihr Bestreben, „neue Formen“ zu finden, stößt auf den größten Widerspruch der eigenen Volksgenossen. Achad Haam wurde erwähnt. Das Leben schafft andere, banalere und letzten Endes doch irgendwie tragische Fälle. Manche trotzige Übertretung des Religionsgesetzes, manches Vergehen gegen die Formen des überlieferten Judentums entstammen nicht dem Wunsch, zu zerstören, sondern dem. vielleicht hier und da mißleiteten Willen, aufzubauen. Nur ein Beispiel: In der Nähe von Tiberias arbeiteten jüdische Arbeiter an einer Regierungschaussee. Es war anstrengende Tätigkeit, die Menschen waren übermüdet; dennoch trieb sie die Sehnsucht nach geistiger Anregung dazu, allabendlich mit ihrem Wanderlehrer zu lernen, wie das z. B. auch Brenner in seiner Kwuzah eingeführt hatte. Sie kamen daher meist nicht zu den prir mitivsten Dingen, so auch nicht zum Rasieren. Am Schabbes, dem einzigen freien Tag, gingen siie also nach Tiberias zum jüdischen Barbier. Der durfte jedoch am Schabbes keine Arbeit verrichten und lehnte das Verlangen der Arbeiter ab. Nun zogen sie zur arabischen Konkurrenz und verletzten so das Religionsgesetz und zugleich auch das von ihnen gestützte nationale Bestreben, Arbeit für Juden nur von Juden verrichten zu lassen. Tatsächlich erregte der Fall in der palästinensischen Presse Aufsehen und Entrüstung, und man sprach von anationalem Verhalten. Hier wird jeneT Zwiespalt sichtbar, der zwischen der Weiterentwicklung des Lebens, eines barten, arbeitsreichen und doch nicht sehnsuchtsarmen Lebens in Palästina und der restlosen Beibehaltung der überlieferten Formen besteht. Denn da durch die Tradition alles festgesetzt ist. scheint es schwierig, ja fast unmöglich zu sein, neuzugestalten. Und dennoch zeigt sich schon heut viel Neues. Die Feste, Purim, Pessach, Lag b’onier werden in Erez Israel anders begangen als im Galuth. Erez Israel ist der ihnen adaquate Boden, aus ihm wurden die meisten von ihnen geboren: So erhalten sie hier ein anderes, natürlicheres Gesicht, sie scheinen geradezu selbstgegeben. — Freilich dürfen wir nicht vergessen, daß nicht nur Neubelebung, sondern vor allen Dingen auch neuer Ausdruck des Religiösen die Losung in Palästina ist. Noch ist alles Anfang, alles noch Entwicklung. Wohin sie geht, wissen wir nicht, können wir nicht einmal ahnen. Wie die Brücke zur Tradition gefunden werden soll, ist bisher schwer zu übersehen. Aber diese Brücke muß gefunden werden und wird gefunden werden, denn bei allem Streben sind die Menschen, die Träger der Entwicklung, doch immer noch verwurzelt dem tiefen nährkräftiigen Boden des alten Judentums. Zum Schluß noch ein Ausblick. Es wäre möglich, daß auch die anderen Religionen, die in Palästina bestehen, irgendwie auch einen gewissen Einfluß auf die Entwicklung des jüdischen religiösen Lebens gewinnen werden, wie es auch umgekehrt der Fall sein dürfte. Wo hier die Probleme liegen, kann in diesem Rahmen nicht gezeigt werden:

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