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Das jüdische Echo · 1922-06-09 · 23 (9.6.1922) · p. Seite 292

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
23 (9.6.1922)
Date
1922-06-09
Page
Seite 292 (sequence 4)
Language
German
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292 Das ittdische Echo Nr. 23 Jüdische Kulturprobleme In Palästina III Die Auferstehung der Religiosität Vorbemerkung der Schriftleitung: Wir brachten in früheren Nummern des „Echo“ unter dem Obertitel „Jüdische Kulturprobleme in Palästina“ eine Reihe von Aufsätzen des Herrn Marcel Lew-Nürnberg, die das besondere Interesse unserer Leser gefunden haben. Wir glaubten ihnen daher < auch diesen Schluß artikel nicht vor enthalten zu sollen, auch wenn manches des darin Dargelegten uns eine gewisse Gefahr zu bedeuten scheint. — Auch der Verfasser nimmt keine Stellung, er referiert lediglich. — Festzustehen scheint jedenfalls, daß in Palästina der religiöse Drang stark ist und heute vielfach in einer unsicheren Sehnsucht zum Ausdruck kommt, die wohl einst in Innerlichkeit Klarheit und Erfüllung finden wird. „Ich bin gekommen, ein Feuer anzuziinden auf Erden; ich wollte, es brennte schon.“ Vielleicht ist es untunlich, in unserem Zeitalter des Fortschritts und der wissenschaftlichen Erkenntnis von religiösen Problemen zu sprechen. Wenige scheinen von ihnen bewegt zu sein. Bolschewismus, Dissidententum und Atheismus, Gleichgültigkeit letzten Dingen gegenüber und lebhaftes Interesse für Naheliegendes, für Politik, Wirtschaft, Verdienen — all dies scheint anzuzeigen, daß Religion im tieferen Sinne etwas Überlebtes ist, daß religiöse Bedürfnisse für die Mehrzahl der Menschen höchstens noch eine Atrappe, eine Emotion oder eine Entspannung bedeuten. — Dennoch mehren sich in den letzten Jahren die Symptome, die darauf hindeuten, daß dem nicht so ist und tatsächlich dürfen wir nicht außer Acht lassen, daß Negation, in Worten ausgesprochene Verneinung noch nicht — um mit Hegel zu sprechen — realpräsente, wirkliche Negierung zu bedeuten brauchen. Sie bedeute es tatsächlich auch heute nicht. Einige Tatsachen. Die Moderne hat uns den Expressionsmus gebracht, der, nach Simmel, „unmittelbar ausgedrücktes Gefühl tiefer Innerlichkeit“ ist. Hier wurde „Das Äußere“ möglichst ganz ausgeschaltet, war jede Form verpönt, die das Seelische hätte beeinträchtigen können. Wir wissen, daß Religion und Kunst sich immer sehr nahe gestanden haben, daß ihre Grenzgebiete oft ineinander übergegangen sind, daß häufig die eine nicht von der andern zu trennen ist. Wir denken gegenüber der alten J!ködern’? an Ägypten und seine Plastik, an Indien mit seinen Pagoden und Buddhastatuen, an das alte, fromme Griechenland, dessen Götter in Poesie, Architektur und Bildhauerei lebten, an das Mittelalter und seine gewaltigen „kirchlichen“ Schöpfungen. Wir verweisen auch auf das heutige Rußland1, das trotz seines materialistischen Kommunismus immer noch das Land der Gottsucher, der Zweifler und Bekenner ist, in dem auch heute noch jene „Aljoschanaturen“ leben, die durch die Werke der großen russischen Dichter schreiten. Im Lande der Sowjets, des (wenigstens prinzipiell) konsequenten Kommunismus silnd kommunistisch-nationalistische Form und Expressionismus eng miteinander verbunden. Man hat auch in Deutschland bolschewistische Propagandazeichnungen. Photographien von der Bemalung der sogenannten Propagandazüge veröffentlicht. Man weiß ferner, daß die Kirchen in Rußland besser besucht sind als je und daß die bolschewistische Staatsmacht trotz gelegentlicher Anfeindungen nie fit wagt, sie ernstlich anzutasten. Ist die Sehnsucht, die dort lebendig ist in Westeuropa, in Deutschland erloschen? Noch gebärt sie oft das Zerrbild des Glaubens, den Aberglauben; aber überall in den vielen spiritistischen Veranstaltungen, im Aufblühen okkultistischer Sekten, in der Verbreitung fneosophischer Gemeinden, in der Propaganda des „Rosenkranzes“ und den Erfolgen von tausend Sekten erkennen wir jenen Drang nach Innerlichkeit, jenes Bedürfnis nach gefühlsmäßiger Bindung, dem die Wissenschaft nicht ausreicht, dem Erkenntnisse nicht genügen, um wahrhafte Beziehungen zu schaffen. Man kann sagen, daß die Religiosität in den heutigen Menschen wieder stark zu werden beginnt. Freilich fand sie bis jetzt keine ihr entsprechende Form; aber sie sucht danach, die Menschen suchen, auch die es sich bisher nicht einzugestehen wagen. Unter den Juden des Ostens wird das besonders deutlich. Gewiß stehen sie heut noch unter dCn Nachwirkungen der tlaskalah, über die hier einiges gesagt werden mag. Haskalah war die Reaktion auf eine Epoche unerbittlichen Rabbinismus, der den Jungen, den „Bochers“ sogar die Bibellektüre zu untersagen versuchte, weil er fürchtete, daß sich die „Aufgeklärten“, die „Maskiliim“, von dem alten formalistischen System, das für sie in der Bibelreihe Mischnah—Gemarah verkörpert war, lossagen und sich der reinen, zwecklosen — „gläubigen“ Bibellektüre hingeben könnten. Solche inquisitorischen Methoden hatten eine Zeit Jang Erfolg; und es ist bezeichnend, daß ein Freund, ein Ostjude und anerkannter Hebraist, der als eine Autorität jüdischen Wissens gilt, die wahre Schönheit der Psalmen, ihre „zwecklose“, ganz selbstverständliche Größe eigentlich erst erkannte, als er sie wieder einmal gelegentlich mit mir las: „Wie schön, wie schön!“ rief er immer von neuem aus. — Ist es verwunderlich, -daß eine derart mißhandelte Generation, die noch dazu oft in bolschewistischer Umgebung lebt, sich vom Doktrinären abwendet, häufig dem Alten ganz abschwört, sich bedenkenlos allem Neuem hingibt, ohne sich klar darüber zu sein, auf welche Werte sie verzichtet? Die Enttäuschung kam und kommt früh genug und mit ihr das Gefühl innerer Leere. Da schien Vielen der Zionismus letzte Rettung zu seih; Erez Israel, Zion, soll die Erlösung bringen. Alles war ja neu in Palästina, das Land, die Menschen, das Leben. Hier vermeinte man Erfüllung nie befriedig* ter Sehnsucht zu finden — und fand sie nicht. Niemand verzweifelte, keiner verlor die Hoffnung. Man kämpfte. Man suchte nicht gewaltsam zu schaffen, was nicht da war; man überließ den Bau dien unbewußt wirkenden Kräften. Es entstand eine neue Religiosität, die sich vielfältig auswirkt:

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