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Das jüdische Echo · 1922-06-09 · 23 (9.6.1922) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
23 (9.6.1922)
Date
1922-06-09
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nummer 23 9. Juni 1922 9. Jahrgang Der Ruthenberg-„Skandal“. Sir Herbert Samuel ist augenblicklich in London; es ist verständlich, daß er den Wunsch hatte, über die gegenwärtige Lage in Palästina vor maßgebenden Persönlichkeiten zu sprechen. Dieser Vortrag hat am 23. Mai im Unterhaus stattgefunden. Es waren etwa 50 Mitglieder beider Häuser dies Parlamentes anwesend, Freunde und Gegner des Zionismus, Ministerielle und Oppositionelle. Die Presse war nicht zugelassen; man erfuhr aber, daß Lord Robert Cecil, einer der einflußreichsten Angehörigen der Opposition, die Sitzung leitete und daß an ihr führende Peers, darunter der Herzog von Northumberland und Lord Lamington. teilnahmen. Aus den Darlegungen Herbert Samuels, mit denen sich die englische Öffentlichkeit eingehend beschäftigt, sei mitgeteilt, daß sich der High Commissioner befriedigt über die Leistungen der jüdischen Einwanderer aussprach, und daß er erklärte, Palästina sei auf dem Wege, ein nationales Heim für die Juden zu werden. Daß er feststellte, dies Heim werde weniger den Wünschen der extremen als denen der gemäßigten Zionisten entsprechen, kann hingenommen werden, denn der mehrfach sehr bestimmt ausgesprochene Wunsch: „Die Juden müßten an Zahl zunehmen und schließlich die Majorität im Lande bilden“ zeigt deutlich; daß der verantwortliche Leiter der britischen Politik in Erez Jisroel sehr wohl weiß, worauf es entscheidend! ankommt und daß er die dahin gerichteten Bemühungen billigt. Auch die extremen Zionisten schwärmen nicht für die Beeinträchtigung arabischer Rechte. — Es mag ängstliche Gemüter, die periodisch das traurige Ende der jüdischen Palästiuapolitik prophezeien zu müssen meinen, beruhigen, daß sogar nach dem Bericht der antisemitischen „Morning- Post“ die Ausführungen des High Commissioner einen guten Eindruck machten und daß ihm die Versammlung auf Antrag von Asauith ihren herzlichen Dank für seine Arbeit votierte. Danach billigt also die Mehrheit des englischen Parlamentes zweifellos das Bestehen der zionistischen und der britischen Politik auf Schaffung einer jüdischen Majorität in diesem Lande, das jüdische Arbeit aus tausendjährigem Schlaf zu wecken beginnt. Und es ist erfreulich, daß Herbert Samuel aus seinen Verhandlungen mit den Arabern den Eindruck mituehmen konnte, es werde sich auch in diesem Punkt eine Verständigung der beiden aufeinander angewiesenen Völker erzielen lassen. Hierüber scheint also im allgemeinen Klarheit zu bestehen. Die Anfrage eines Sitzungsteilnehmers in der Aussprache aber führte zu einer besonders für deutsche Juden interessanten Debatte, die auch in der Presse ihren Nachhall gefunden hat. Es wurde nach dem „Ruthenbergprojekt“ gefragt. Es ist bekannt, daß es sich um den Plan des jüdischen Ingenieurs Ruthenberg handelt, durch Aufstauung des Andjeflusses Wasserkräfte für den Betrieb eines Elektrizitätswerkes zu erhaltem das Palästina mit Licht und Kraft zu versehen imstande sein wird. Sir Herbert Samuel bestätigte, daß Ruthenberg ein auf ganz Palästina ausgedehntes Monopol für elektrische Anlagen erhalten habe und begründete das damit, daß ohne eine solche Vorzugsstellung das benötigte Kapital nicht hätte beschafft werden können. Während die britische Öffentlichkeit diese Abmachungen und ihre Notwendigkeit begreift und billigt, stellen einige große Zeitungen entrüstet fest, daß die für den Beginn der Arbeiten benötigten Maschinen größtenteils in Deutschland gekauft worden seien und die zionistische Organisation bestätigt, daß es sich um Käufe in Höhe von 10 000 Pfund, also von immerhin mehr als 12 Millionen Papiermark, handele. Selbstverständlich hat die Tatsache, daß die Preise für deutsches Elektromaterial um die Hälfte billiger sind als fiir englisches, den Entschluß in Deutschland zu kaufen, bestimmt. Ebenso selbstverständlich ist es. daß nicht die Gesamtheit der benötigten Artikel in Deutschland gekauft werden können, sondern daß sich deutsche, englische und wohl auch sonstige Firmen darin teilen werden. Aber das Objekt, um das es sich handelt, ist so groß, daß Viele dabei auf ihre Rechnung kommen können. Es ist immerhin bezeichnend, daß „Daily News“ auf die entrüstete Behauptung, Ruthenberg habe das Gesamtmaterial für seinen Plan in Deutschland bestellt, ironisch erwidern können, „dann werde Deutschland wohl bald seine Reparationen zu zahlen in der Lage sein“. Der von Interessenten entfachte Entrüstungssturm wird vorübergehen, wenn die Entrüsteten ihren Anteil an dem Profit in der Tasche haben werden. Deutlich aber wird durch den englischen „Ruthenbergskandal“ zweierlei: schon heut ist das jüdische Palästina ein Faktor im Wirtschaftsleben, der nicht unbeachtlich ist. Starke Wirtschaftsgruppen haben ein Interesse an ihrer Beteiligung am Aufbau. — Die zionistische Organisation und. die am Aufbau verantwortlich beteiligten jüdischen Faktoren aber treiben in Palästina wedier britische noch sonst irgendwie beeinflußte Wirtschaftspolitik, sondern nur jüdische. Jüdischen Interessen dienen sie — von diesem Standpunkt absoluter Neutralität ans betätigen sie die durch die Notwendigkeiten des Aufbaus bedingten Geschäfte. Wer darf demgegenüber von einem Unrecht sprechen, das deutsche Juden begehen, wenn sie sich für die Wiedererschließung des britischen Mandatsiandes Palästina und die Errichtung der jüdischen Heimstätte in diesem Lande einsetzen? Deutschland ist bisher, wie man sieht, nicht he* nachteiligt worden, im Gegenteil, seine guten und billigen Waren haben ihm einen gewissen Vorsprung gesichert. Der Aufbau Palästinas wird der deutschen Industrie erwünschte Gelegenheit zur Beteiligung geben. Ein neuer Markt beginnt sich ihr zu öffnen; ihr Erfolg scheint durch die im Vergleich zum Weltmarktpreis geringen Kosten und die hohe Qualität vieler ihrer Waren auf gewissen Gebieten gesichert zu sein. Die zionistische Organisation und alle jüdischen Institutionen und Privaten aber werden gewiß nichts tun. um diese deutschen Möglichkeiten zu schmälern — es sei denn, daß deutsche Juden sich bemühen, dem Reich ein willkommenes Absatzgebiet d'adurch zu verschließen, daß sie eine zügellose Agitation gegen das jüdische Palästina entfesseln. Wer dann die Inte,ressen Deutschlands geschädigt hat. die Zionisten oder jene seltsamen deutschen Patrioten — das zu entscheiden dürfte weiter keine Schwierigkeiten machen. G —.

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