Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 22 (2.6.1922)
- Date
- 1922-06-02
- Page
- Seite 280 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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280 Das Jüdische Echo Nr. 22 Sprachbewegung Macht nicht nur über die nationaljüdische Jugend, sie wirkt auch auf den „neutralen Verband“, ja sogar auf bewußt antinationale junge Menschen. Jetzt ist es Zeit, sie energischer zu fördern. Die hebräische Sprachschule in Berlin war ein guter Anfang. Sie hat eine Anzahl brauchbarer Lehrer erzogen. Wären es nur mehr, gelänge nur ihre Verteilung über das Land, ihre Verwendung überall, wo man sie braucht! Hebräische Lehrer, Kursleiter für Erwachsene und Kinder, müßte ein Beruf werden, der die Existenz eines Menschen ermöglicht. Zum mindesten die Großgemeinden hätten ausreichend vorgebildete Kräfte hauptamtlich anzustellen. Aufgabe der Gemeindevertretungen, und wo diese in ihrer Gesamtheit nicht dafür zu haben sind, der bewußt jüdischen Gruppen darin ist es. darauf zu dringen, daß wenigstens der Wille dazu bkundet wird: nur die Eröffnung derartiger Möglichkeiten gibt Aussicht auf Gewinnung und Heranziehung geeigneter Menschen. Neben der Heranbildung zu modernem Unterricht befähigter Lehrer — denen neben vertragsmäßig festgesetzten Kursen die Möglichkeit privaten Unterrichts zu sichern ist — muß an die Schaffung eines brauchbaren Lehrbuches gedacht werden. Heut muß sich jeder Lehrer, der seine Aufgabe ernst nimmt, sein eigenes Lehrbuch schaffen. Er ist gezwungen, mehr Zeit als nötig auf das Diktat grammatischer Regeln usw. zu verwenden. — Gibt es keine private oder öffentliche Stelle, die bereit ist, einen erheblichen Preis für Schaffung eines guten hebräischen Unterrichtsbuohes auszusetzen? Gibt es —■ wenn ein solches erscheinen sollte — keine Mittel, um die Anschaffungskosten auf erschwinglicher Höhe zu halten? Auch hier erstehen den Gemeinden, erstehen den Parteien in den Gemeindevertretungen ernste Pflichten. Die hebräische Sprachbewegung, die wieder erweckte hebräische Sprache ist ein Geschenk des neuen Palästina an die Diaspora. Ist eine neue Diaspora, eine junge, zukunftsfreudige, judentumsfreudige im Entstehen begriffen, so wird sie Palästina das Geschenk verschönt zurückgeben. Dann wird sie Menschen erziehen und Möglichkeiten schaffen für die Bewahrung, Stärkung und Vorwärtsentwicklung der ältesten und einer der heiligsten Kulturschöpfungen unseres Volkes. G —. Die Judenstatistik des preußischen Kriegsministeriums im Lichte der Wissenschaft Ober dieses Thema führte kürzlich Prof. Dr. Franz Oppenheimer, der bekannte Nationalökonom in Frankfurt a. M., folgendes aus: m/fum Mg u her us ers/r. 15t gegenüber der alten Jtkademie \eine I Jferren/cbneiderei if dirsfkl Stoffe' „Man kann statistisch die „Masse“ der Juden Deutschlands mit der der reichsdeutschen Gesamtbevölkerung nicht -vergleichen: Lebensumstände, Beruf, Nahrung und Siedlungsverhältnisse sind fundamental verschieden. Bekanntlich liefert die gesündere Landbevölkerung einen größeren Prozentsatz Wehrfähiger als die Städter, ebenso die besser genährten Stände und Berufe als die von den Wirtschaftsverhältnissen zu Elend und Armut verurteilten Volksschichten. Wie darf man nun die Juden, eine ausgesprochene Gruppe der Stadtbevölkerung, vergleichen mit der normal gegliederten Gesamtbevölkerung Deutschlands, von der fast die Hälfte in gesunden bäuerlichen Berufen beschäftigt ist? Erwägen wir ferner, daß ein großer Teil der Juden dem Mittelstand angehört und sich hauptsächlich kaufmännischen und akademischen Berufen widmete und widmen mußte, so werden uns viele Ziffern der „Judenstatistik“ erklärlich sein. Vor allem die Zahl der Ärzte! Es gab im deutschen Heere 2428 jüdische Ärzte, davon an der Front allein 948. Ein Drittel der „an der Front fehlenden Juden“ ist damit nachgewiesen; wenn der Herr General v. Wrisberg dagegen meint, nur ganz wenige jüdische Ärzte mit der Waffe an der Front angetroffen zu haben, so beweist diese Äußerung die Oberflächlichkeit der „wissenschaftlichen“ Antisemiten: als ob jemals ein Arzt gemäß der Haager Konvention eine Waffe getragen hätte! Vielleicht hat der Herr v. Wrisburg aus Versehen Seziermesser für Waffen angesehen. Was nun die 7000 „reklamierten“ Juden, anbelangt, so ergibt sich diese Zahl aus der Notwendigkeit, für die bestorganisierte Aufbringung und Beschaffung des Kriegsmaterials und für eine ebensogut organisierte Stimmungsmache die hierzu Geeignetsten in Dienst zu halten. Die sicherlich nicht judenfreundlichen Ersatzbehörden hätten sonst keinesfalls den Reklamationen stattgegeben. Im übrigen: hätte man mehr Juden Offiziere,. Oberlehrer, Beamte werden lassen, dann müßte es weniger „reklamierte Pressejuden“ geben und die Statistik würde eine andere Gliederung aufweisen! Auch hinter der Tatsache der jüdischen K. V. (Kriegsverwendungsfähigen) in Etappe und Hinterland verbergen sich die gleichen Ursachen: Juden konnten (im Anfang wenigstens) nicht Offiziere werden, blieben beim Feldwebel stecken und wurden daher ewige Unteroffiziere, also Einkäufer, Magazinsverwalter usw. Und die jüdischen Dolmetscher? Hätte man für den Vermitt- Iungsdienst in den riesenhaften besetzten Gebieten sprachenkundige Bauern und Handwerker nehmen sollen? Es kamen nur diejenigen in Betracht, die von berufswegen fremde Sprachen beherrschen, als Kaufleute und also — Juden! Unter der jüdischen Bevölkerung des Vorkriegsdeutschland gab es aber von vornherein ein Manko an Männern im wehrpflichtigen Alter. Es ist nicht ausgeschlossen, daß es bei den Juden überhaupt weniger männliche Geburten gegeben hat und von diesen haben wieder relativ wenige das wehrpflichtige Alter erreicht. Hat es denn prozentual genau so viel jüdische Männer im wehrfähigen Alter gegeben als bei der Gesamtbevölkerung? Dazu kommen noch die großen Verluste, die die jüdische männliche Bevölkerung durch politische und konfessionelle Auswanderung erlitten hat. Unter den Ausländsdeutschen, die in der famosen Statistik des K. M. natürlich nicht berücksichtigt wurden, gab es eine Überzahl an Kaufleuten und darunter natürlich wieder abnorm viel Juden, besonders in Amerika, die alle bei Kriegsausbruch nicht mehr ein rücken konnten. Und die konfessionelle Auswanderung? Blieben denn Dissidententum und Taufe, wobei stets mehr Juden als Jü-