Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 22 (2.6.1922)
- Date
- 1922-06-02
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103027-9145548--05005-9077673- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Jüdische Echo Nummer 22 2. Juni 1922 9. Jahrgang Das Geschenk der hebräischen Sprache Es gibt Worte, die auszusprechen schon Tat ist: sie sind dler entscheidende Anlaß zu zielstrebiger Bewegung. Die Forderung Achad Haams, daß Palästina das „Kulturzentrum“ der Judenheit werde, gehört dazu. Sie ist in die Ideologie der verschiedenen jüdischen Gruppen übergegangen; sie ist Argument für den Zionismus und Mittel zu seiner Bekämpfung; sie wird zur Begründung agudistischer Palästinaarbeit und zur Rechtfertigung liberaler Beteiligung am Keren Hajessod angeführt. Tatsache bleibt, daß Juden aller Richtungen vom Aufbau Palästinas eine Neubelebung jüdischer Kulturwerte, eine Wiedergeburt des kulturschaffenden Willens der Judenheit erhoffen. Im Gegensatz zu anderen Möglichkeiten in Palästina, deren Erfüllung man von der Zukunft erwartet, beginnen sich diese Hoffnungen auf den kulturellen Einfluß des neuerstehenden Erez Israel bereits zu verwirklichen. Die hebräische Sprache war bis zum Beginn der bewußt jüdischen Erziehungsarbeit in Palästina überall tot; sie führte höchstens ein Schemendasein als loschen kaudesch; aber alle Bemühungen, ihr zu profanem Leben zu verhelfen, waren zum Scheitern verurteilt. Heute besteht ein großzügiges Erziehungswerk in Erez Israel, ein meist von der Zionistischen Organisation, kontrolliertes Netz von Schulen breitet sich über das Land — und diese Schulen sind — vom Kindergarten bis zum Gymnasium — hebräisch. Zwei Hochschulen, das Technikum in Haiffa und die Universität in Jerusalem werden geschaffen: sie werden hebräisch sein. In den 53 Kindergärten, 63 Volksschulen, 3 Mittelschulen, 3 Lehrerseminaren, 6 Spezialschiften, 7 Handwerkerschulen, in diesen 135 Lehranstalten lernen an 13 000 Schüler hebräisch als Sprache ihres Lebens. Noch vor einigen 20 Jahren pflegten Lehrer zu bezweifeln, daß man profane Fächer hebräisch unterrichten könne: heut gibt es mahematische, physikalische, technische, landwirtschaftliche Lehrbücher modernsten Inhalts in hebräischer Sprache; die großen Dichter Europas werden ins Hebräische übersetzt, schon macht man sich an Philosophen, Juristen, Historiker, eine rasch anwachsende hebräische Literatur ersteht und schafft in schnell verfeinertem Sprachgefühl den Bedürfnissen eines neuen Lebens neue Worte, die von der weit verbreiteten hebräischen Presse aufgegriffen und popularisiert werden. Heute spricht der größte Teil der palästinensischen Bevölkerung hebräisch und wacht mit leidenschaftlichem Eifer über diese Errungenschaft. Die Fälle, die man uns als Gegenbeweis berichtet und die sicher stimmen: Klagen über Chaluzim, die zu Haus die Sprache ihres Herkunftslandes, draußen gar die arabische bevorzugen u. a. m. — zeigen am deutlichsten, wie scharf die dem Einzelnen sicher unangenehme, für die Entwicklung aber nötige Kontrolle ist, wie genau man jeden Verstoß gegen diese nationale Forderung vermerkt und wie sehr man ihn verübelt. Dies neue Leben der hebräischen Sprache in Palästina verdanken wir zweifellos der hebräischen Schule. Wieder bestätigt sich die alte Wahrheit, daß die Schule ein sprachenförderndes Instrument ersten Ranges ist. Die Schule hat den Luthersehen Katechismus, die Luther sehe Bibelübersetzung und damit eine entwicklungsfähige deutsche Sprache in Deutschland verbreitet, als die deutsche Sprache verloren zu sein schien. Die Schule hat aus vielhundertjährigem Schlaf das Neugriechische, das Ungarische, das Tschechische, das Irische geweckt — wie sie das Hebräische zu neuem Leben weckte. Aber während bei Griechen, Tschechen, Ungarn, Iren und anderen Völkern in gleicher Lage der territoriale Zusammenhang die Sprachverbreitung erleichterte, lagen bei den Juden die Dinge anders. Hier war Palästina, hier sprach man hebräisch — und doch war die um so viel größere Diaspora m" all ihrer territorialen, kulturellen und sprachlichen Zerrissenheit. Derartige Hindernisse für die Ausbreitung der wiedererweckte" Sprache waren nur zu überwinden, wenn wirklich die jüdische Gesamtheit bewußt oder unbewußt palästinozeotrisch empfand, wenn trotz aller Verschiedenheiten ein gemeinsames Band die Judenheiten des Gallith untereinander und mit Palästina verknüpfte. Die Entwicklung zeigt, daß dem so ist: Es gibt eine mächtige hebräische Bewegung in Polen, Litauen, Amerika und nicht zuletzt in Deutschland. (Die Heftigkeit, mit der die „nationaJdeutsche Gruppe“ Naumanns dagegen Stellung nehmen zu müssen glaubt, ist ein Beweis für ihre Stärke.) Das ist um so bemerkenswerter, als in vielen Ländern des Galuth die hebräische Schule ihre historische Mission dort nicht ausüben kann, wo in Ermanglung nationaler Minderheitsrechte ihrer Einrichtung von Staats wegen Schwierigkeiten gemacht werden, oder wo die tatsächlichen Verhältnisse. die zahlenmäßige Schwäche, die ungünstige Verteilung der Juden über das Land, nicht zuletzt der Mangel an geeigneten Lehrkräften unüberwindliche Hindernisse sind. In diesen Ländern trat an Stelle der Schule eine freie hebräische Sprachbewegimg. Sie hatte, wenigstens in Deutschland, auf keine Unterstützung durch Gemeinden und andere offizielle Körperschaften zurechnen, sie konnte den ungenügenden und unmodernen Unterricht in der Religionsstunde kaum als Aktionen buchen. Sie besaß keine und besitzt heut wenige geeignete Lehrkräfte — dessen Mangel sogar in Palästina noch immer empfindlich fühlbar wird — und behalf sich zu Anfang meist mit pädagogisch unvorgebildeten Hebraisten aus dem Osten oder mit Abiturienten des Jaffaer Gymnasiums, die in Europa studierten. Es gab keine Lehrbücher und es gibt für den Anfangsunterricht auch heut nur den — wie ich als Lernender immer wieder empfinde — ganz unzureichenden und unmethodischen Rath. Dennoch gingen aus den pädagogisch dilettantisch geleiteten Kursen Menschen hervor, die hebräisch gelernt hatten — gelernt hatten, weil ihnen der Gedanke an Palästina, der Wunsch an der Entwicklung dort wenigstens geistig teilzunehmen, den Weg gebahnt hatte. Sie waren Vorbilder und wirkten als solche. Heut hat die hebräische