Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1922-05-26 · 21 (26.5.1922) · p. Seite 269

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
21 (26.5.1922)
Date
1922-05-26
Page
Seite 269 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9072829-9103027-9145547--04994-9077662
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 21 Das Jüdische Echo 269 gefordert haben. Man läuft nicht mit typisch jüdischem Äußern in Lederhosen und Wadistrümpfen, man trägt nicht Brillanten zum Dirndlgewand, und man schreit und lacht nicht am Seeufer, als ob der Tegernsee ein Faschingslokal wäre. Man erniedrigt sich selbst dadurch und gibt nur den Allzuvielen Recht, die da sagen: „Seht euch die Juden in den Sommerfrischen an und ihr werdet sie kennen lernen!“ Gewiß, auch Nichtjuden benehmen sich nicht anders! Aber wenn der schlimmste christliche Schieber die brillantengezierte Hand auf den Tisch haut und noch einen „Schampus“ bestellt, dann hat das aus verständlichen Gründen eine geringere Wirkung, als wenn der sonst harmloseste jüdische Sommerfrischler auffallend und laut eine Flasche Wein verlangt. Dann nimmt man einen für alle und beschuldigt „alle für einen“ der Schlemmerei. Aber es bedarf keiner Entgleisung, gar keiner Auswüchse: man will keine Juden im Miesbacher Bezirk. Hakenkreuze empfangen dich am Steg in Egern, im lieblichen Dorf Kreuth bereichert man Theatervorstellungen mit Vorlesungen aus dem Miesbacher Anzeiger, und im herzoglichen Bad Kreuth ist zwar heute die Tafel verschwunden, derzufolge an „Juden nichts verabreicht“ werde, aber der gastfreundliche Geist dieser Verlautbarung lebt noch heute! Die Bevölkerung, an sich gutmütig und einfach, schöpft heute ihr ganzes politisches Wissen aus dem Miesbacher. Vom Lehrer bis zum jüngsten Dorfbuben sieht man den Juden als minderwertigen Menschen an, dessen Geld man wohl nehmen könne, der aber besser nicht gekommen wäre. In Berchtesgaden, wo eine . starke Ortsgruppe der national-sozialistischen Partei besteht, am ganzen Ghüemsee ist es kein Haar besser. Jüdisches Geld stinkt nicht, aber sein Besitzer wird von der Bevölkerung mit den Unholden indentifiziert. die nach den Weissagungen des „Beobachters“ und des „Miesbachers“ einst Deutschland mit Haar und Haut auffressen wollen. Für den Juden, der Gefühl für Ehre und Würde hat, ist die Folgerung eine ebenso natürliche wie zwingende; er wird seine Sommerfrische anderswo suchen. Finanziell wird er gewiß keinen Schaden davon haben, denn in diesem Jahre wird das bayerische Oberland seine Preise auf der Basis „valutastarker“ Gäste kalkulieren und der Miesbacher Anzeiger wird zwar auch nach wie vor auf die „Hebräer“ sein Misthaferl ausgießen, aber er wird schmunzelnd Zusehen, wenn die „Preißen“ und Juden in einer Weise geschröpft werden, die er sonst nur „jüdisch“ nennen würde. Wer trotz dieser Warnung in der Saison 1922 ins Oberland geht, tut weder sich noch dem Judentum einen Dienst. Wir wollen unser Verhalten gewiß nicht von den Wünschen der Antisemiten, noch weniger von ihren Schmähungen und Verläumdungen abhängig machen, auf die Forderungen unser eigenen Würde aber sollen wir achten! — Möge man daher diese Worte zur rechten Zeit und am rechten Ort hören und beherzigen. Hans Guggenheimer. * * * Gewiß ließe sich über den Antisemitismus und seine Bekämpfung noch manches — und manches anders sagen, als es im vorliegenden Aufsatz, den wir aus Platzmangel nur mit einigen Kürzungen abdrucken konnten, geschehen ist. Wenn wir uns aber auch darüber klar sind, daß unsere Ansicht in manchen Punkten prinzipiell von der des geschätzten Herrn Verfassers ab weicht — seinen Folgerungen und Forderungen können wir uns nur vollinhaltlich anschließen. Anständige Menschen drängen sich nicht auf — am wenigsten einer Bevölkerung, die ihre eigene oft recht unsaubere Geschäftstüchtigkeit nicht davon abhält, andere Schieber und Wucherer zu schimpfen und sich über die angebliche „Zuwanderung aus dem Osten“ zu beschweren, die allein Wohnungsnot und Teuerung verschuldet — Der Student in München, der kein Zimmer bekommt, der Kleinrentner, der Butter und Milch nicht mehr erschwingen kann, der erholungsbedürftige Großstädter, dem seine Sommerfrische zu teuer wird — alle sollten sie ihren ergebensten Dank jenen biederen, treuherzig-bodenständigen Bauern, jenen taufrischen Dirndln abstatten, denen das Elend eigener Volksgenossen gerade recht ist, wenn sie nur am Überfluß reicher Ausländer profitieren können. Was jene echten Schieber und Wucherer von uns denken, könnte uns gleichgültig sein und brauchte ums die Berge nicht zu verekeln. Um unser selbst willen aber wollen wir lieber fort bleiben. G. Aus der jüdischen Weit Palästina Nansen zugunsten der Palästina-Immigration Wie das Wolff’sche Telegraphen-Büro aus Genf mitteilt, hat Frithjoff Nansen in seinem dem Völkerbundsrat überreichten Bericht über die Lage der Flüchtlinge aus Rußland auch der besonderen Lage der jüdischen Flüchtlinge Erwähnung getan und hierbei auf die Notwendigkeit hingewiesen, daß der Völkerbundsrat sich bemüht, die jüdische Emigration nach Palästina und Argentinien zu erleichtern.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.