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Das jüdische Echo · 1922-05-26 · 21 (26.5.1922) · p. Seite 268

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
21 (26.5.1922)
Date
1922-05-26
Page
Seite 268 (sequence 4)
Language
German
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268 Das Jüdische Echo Nr. 21 ist heute Frankreich. Die „Wiener Morgenzeitung“ schreibt u. a. zur gegenwärtigen Lage: „Die französische Orientpolitik ist seit langem bemüht, England im Orient Schwierigkeiten zu bereiten und die Haltung Frankreichs gegen den englischen Günstling Emir Faisul, der mit französischen Bajonetten aus Damaskus vertrieben wurdie, die französische Freundschaft mit der Angoratürkei, die auf eine völlige Revision des Sevresvertrages hinausläuft, und die Förderung der päpstlichen und der arabisch-christlichen Missionspolitik im Orient beweisen, daß für Frankreich der Widerstand gegen die englische Palästinapolitik eines der Mittel ist, um Englands Einfluß im vorderen Orient ein Paroli zu bieten. Die französische Politik hatte es diesmal nicht allzu schwer, sich hinter formalen Vorwänden zu verschanzen. Bisher war es die ablehnende Haltung Amerikas gegenüber dem Völkerbund, welche diie Ratifizierung des Mandats verzögert hat. Amerika hat einerseits seine Mitarbeit am Völkerbund versagt, andererseits aber auf alle Rechte Anspruch erhoben, die es in seiner Eigenschaft als Kriegsteilnehmer fordert. Der zionistischen politischen Arbeit in Washington ist es gelungen, eine einstimmige Resolution des amerikanischen Senats für die Errichtung des jüdischen Nationalheims zu erreichen und die Sympathien der amerikanischen Regierung für die zionistische Sache bilden einen unserer stärksten politischen Aktivposten. Aber es scheint, daß die in der letzten Zeit in der Mandatsfrage zwischen England und Amerika geführten Verhandlungen noch nicht zum vollen formalen Abschlüsse gelangt sind, und Frankreich hat wohl die Gelegenheit wahr genommen, um sich darauf zu berufen, daß die infolge der amerikanischen Haltung geänderte Situation neuerliche Beratungen in Paris erforderlich mache. Daß die endliche Ratifizierung noch etliche Zeit auf sich warten lassen wird, ist in mancher Hinsicht unerfreulich. Aber in materieller Hinsicht enthält die Situation nichts, was geeignet sein könnte, düe tatsächliche Situation auch nur um Haaresbreite zu verschieben. Amerika ist durch die Erklärung seiner leitenden Staatsmänner und den einstimmigen Beschluß seines Senats gebunden, und damit ist eigentlich das Haupthindernis für die Ratifizierung beseitigt. Möglich, daß noch etliche Zeit darüber vergehen wird, bis das jüdische Nationalheim die Sanktion des Völkerbundes erhält; daß an dem wesentlichen Inhalt des Mandats nicht zu rütteln ist, dafür bürgt Balfour, des großen Zionistenfreundes Wort, die Politik Amerikas und der Traktat von San Remo, der die Unterschrift sämtlicher Alliierten trägt. ' n--- ~ / gegenüber der alten Jlkademie Man kann sich dieser Darstellung anschließen. Die Verhandlungen des Völkerbundsrates haben jedenfalls — auch ohne daß sie ein abschließendes Ergebnis zeitigten, zweierlei gezeigt: Die Meldungen von einer Gefährdung der jüdischen Palästinapolitik entbehrten jeder Begründung; der Wunsch war wohl der Vater des Gedankens. Man wird in Zukunft derartige Mitteilungen mit jener Wurstigkeit aufnehmen können', mit denen man der immer wiederkehrenden Mär von der Seeschlange zu lauschen geneigt ist: man lächelt und ist nicht verstimmt. Sodann aber wird man jener Richtung innerhalb des Zionismus, noch mehr innerhalb gewisser nichtzionistischer Kreise entgegenzutreten haben, die meint, die Zeit für eine „Entpolitisierung“ der Palästinaarbeit sei bereits gekommen. Wir gehörten stets zu denen, die der Meinung waren, daß die beste Politik die Stärkung der jüdischen Stellung im Lande und unsere finanzielle Position sei. — Darüber hinaus aber gibt es Aufgaben, denen; nur die verrufene „Diplomatie“ gewachsen ist. Noch sind auf dem Wege zum Ziel politische Hindernisse. Die Diplomatie bewähre sich, dem Worte Weizmanns auf dem Karlsbader Kongreß entsprechend, als getreue „Straßenkehrer“ und räume sie hinweg. Man wird es ihr — ohne ihren Anteil am endlichen Gelingen des Werkes zu überschätzen — danken müssen. Bayerische Sommerfrischen Allmählich, ganz allmählich sickert auch im übrigen Deutschland die Erkenntnis durch, daß Bayern heute Sitz des unentwegtesten und leidenschaftlichsten Judenhasses ist, und daß in keinem anderen deutschen Staat der Jude so vielen Anfein dun gen ausgesetzt ist, wie hier. Ich muß, um sachlich und gerecht zu bleiben, gleich vorweg erklären, daß der geborene Bayer, zumal der echte Münchener, vor dem Krieg antisemitischer Betätigung ganz fern stand. Der unglückliche Ausgang des Krieges, die Revolution und manche ihrer Begleiterscheinungen veränderten diesen Zustand von Grund auf. Münchens Bevölkerung, die sich nicht gerade durch, politischen Sinn auszeichnet, folgt gedankenlos den zahlreich einwandernden Hetzern, den Hitler, Dietrich Eckart, Rüge usw., und Woche für Woche kann der Münchener Jude auf roten Plakaten den schönen Satz lesen, der ihn auf eine Stufe mit Hunden im Kaffeehaus stellt: „Juden ist der Zutritt untersagt!“ Wohl sind unter dem jetzigen Polizeipräsidenten gewisse Geschmacklosigkeiten, die unter seinem Vorgänger Pöhner an der Tagesordnung waren, seltener geworden, wohl hat der bayerische Ministerpräsident in einer Landtagsrede den Mut zu dem Bekenntnis gefunden, daß der Staat .alle Staatsbürger, also auch die jüdischen, zu schützen habe. Macht nichts: Die judenfeindiliche Bewegung wird mit unverminderter Energie fortgesetzt, und nirgends stärker, als im bayerischen Oberland! Man kann heut ohne Übertreibung feststellen, daß das bayerische Oberland zum größten Teil antisemitisch ist. Der Miesbacher Anzeiger hat treffliche Arbeit geleistet, und wenn er bemüht ist, den „daitschen“ Staatsbürger aus seinem nur mit altruistischen Eingeborenen gesegneten Bezirk fernzuhalten, so sollte man ihn darin gerne unterstützen! Das Tegernseer Tal hat seit Jahren an seine anmutigen Seeufer Tausende von Sommerfrischlern gelockt. Mit der Pflicht der Wahrheit bekenne ich, daß manche Juden durch takt- und geschmackloses Betragen feindliche Kritik heraus-

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