Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 20 (19.5.1922)
- Date
- 1922-05-19
- Page
- Seite 255 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Das Jüdische Echo 255 Hajessod eingetreten war, nahm das Wort der zweite Vorsitzende der Nürnberger jüdischen Gemeinde, Herr Ludwig Rosenzweig: Ich habe wenig zu sagen. Dennoch gfaube ich, einiges beitragen zu können, daß für Menschen, die in ähnlicher Lage sind;, wie ich, ein gewisses Interesse haben wird. Man hat sich in meinen Kreisen vielfach gewundert, daß man meine Unterschrift unter den Aufrufen des Keren Hajessod gefunden hat. Es liegt mir ganz fern, mich zu verteidigen. Dazu bedürfte es einer Verfehlung. Und einer solchen habe ich mich nicht schuldig gemacht. Doch möchte ich erklären, wie ich zur Beteiligung am Keren Hajessod gekommen bin. Ich war von jeher ein Gegner des nationalistischen Zionismus. Nicht ein Gegner der Anschauung, daß es gewisse Dinge gibt, die das Judentum der ganzen Welt verbinden. — Das Anstreben eines jüdischen Volksstaates freilich halte ich für untunlich, die Durchführung dieser Idee für unmöglich. Ich will mich nicht dazu äußern, ob sie wünschenswert wäre. Was hat es auch für einen Sinn, einem Phantom nachzujagen! Wir stehen im praktischen,^ nüchternen, politischen Leben. Sollen wir <%_ Grundlagen, die das Judentum sich kauim geschallen hat, sollen wir mit solchen Gedanken unsere Existenz untergraben? Ich bin mir bewußt, daß mein Beitritt zum Keren Hajessod-Komitee nur teilweisen Beifall gefunden hat. Ich bin nicht leichtfertig an die Sache herangegangen. Ich dachte erst, der Keren Hajessod sei eine zionistische Sache. Heute weiß ich, daß er keine zionistische Einrichtung ist, sondern eine Vereinigung von Zionisten und Nichtzionisten, die ein großes soziales und wirtschaftliches, aber auch ein ideales Ziel erstreben. Es würde vom ganzen Judentum freudig begrüßt werden, wenn in Palästina, im Lande unserer Väter, eine neue Warte des Judentums errichtet würde, von der geistige Strömungen über die ganze Welt ausgehen könnten. Nun wurde gesagt, es werde für den Aufbau nichts geleistet. Ich gebe mich gewiß keinen übermäßigen Erwartungen hin. Aber wenn im Jahr zehntausend Menschen, die sonst in erbarmungswürdigem Zustand leben, in Palästina ein lebenswertes Dasein geboten wird, so ist das ein unbezweifelbarer Erfolg. Auch wenn es an sich erforderlich wäre. Hunderttausende unterzubringen. Nun zur dritten Frage, zum Eindruck auf die Umwelt. Soweit es sich um die christliche Umwelt handelt, bedarf es nach den Ausführungen des Herrn Direktor Wassermann keiner weiteren Erörterung. Aber auch die jüdische Umwelt spricht mit. Mancher mag die Empfindung haben, als ob man sich in seiner persönlichen Wertschätzung herabsetze, wenn man sich in den Verdacht des Zionismus bringt. Ich denke anders und halte mich für verpflichtet, an einem Werk von sozialem und kulturellem Wert mitzuarbeiten. Wir haben in Nürnberg Kulturdenkmäler von besonderer Bedeutung, z. B. die Sebaldus- und die Lorenzkirche. Beide mußten ausgebessert werden. Das nötige Geld ist nicht nur aus protestantischen, sondern auch aus katholischen und jüdischen Kreisen geflossen. Die Protestanten gaben aus religiösen Gründen; die anderen zur Förderung von Kulturbestrebungen. Ich würde mich vor mir selbst schämen, wenn ich an einem Werk, das ich für gut halte, nicht mitarbeiten würde, weil irgendwer meine Handlungsweise mißbilligen könnte. Ich bitte die Damen und Herren, die sich in ähnlicher Lage befinden wie ich, das Gleiche zu tun. (Lebhafter Beifall.) Wir glauben, daß diese Äußerungen geeignet sind, Einwände, die immer wieder gemacht und bisher immer wieder vergeblich widerlegt wurden, endgültig zu beseitigen. Es gibt eine Garantie für die Nichtzionisten, die einen Mißbrauch des Keren Hajessod durch die Zionisten befürchten. Das ist die freudige Mitarbeit dieser Männer an der jüdischen Palästinasache. Wir wissen nicht, weshalb man ihnen in dieser Angelegenheit das Vertrauen versagen sollte, das man ihnen sonst zu schenken geneigt ist. Die Yertreterversamxnhmg des Hrbeiter-Fiirsorgeamtes Am 11. April fand in Berlin die Vertreterversammlung des „Arbeiterfürsorgeamtes der j ü d i s c h. Organisationen Deutschlands“ statt. Die Tagung des Arbeiterfürsorgeamtes, das bekanntlich die Spitzenorganisation aller großen jüdischen Verbände in Deutschland ist, nahm einen sehr interessanten Verlauf. Vertreten waren u. a. der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, die Zionistische Vereinigung für Deutschland, der Hilfsverein der deutschen Juden, die Groß-Loge für Deutschland, die Zentralstelle für Wanderfürsorge, Vorstand und Repräsentanz der jüdischen Gemeinde zu Berlin, der Verband russischer Juden in Berlin, die Vorstände der jüdischen Arbeiterparteien in Deutschland u. a. m. Nach Eröffnung der Tagung durch den Vorsitzenden, Herrn Dr. Siegfried Moses, erstattete der Generalsekretär, Herr Alfred Berger, den Bericht über die Arbeit des vergangenen Jahres, sowie über die Lage der Ostjuden in Deutschland. Aus dem umfangreichen Bericht, der starkes Interesse fand, seien hier nur die Zahlen erwähnt, die von dem Umfang des Hilfswerkes des Arbeiterfürsorgeamtes eine gewisse Vorstellung geben. Im Flüchtlingsheim in der Wiesenstraße zu Berlin wurden im Jahre 1921 104 000 Betten ausgegeben. Im Berlin allein wurden 175 000 Eßportionen verteilt. Die Zahl der durch das Arbeiterfürsorgeamt behandelten Paß-Angelegenheiten usw. im Jahre 1921 beträgt 17 200. Der Umfang des Geschäftsverkehrs wird durch die Zahl der aus- und eingegangenen Briefe in Höhe von 22 392 gekennzeichnet. Insgesamt wurden durch das Arbeiterfürsorgeamt im vergangenen Jahre ca. 16,5 Millionen Mark für Fürsorgezwecke vereinnahmt und verausgabt. Diese außerordentlich hohen Summen sind zu einem großen Teil der Hilfe unserer ausländischen Freunde zu verdanken. Insbesondere der Joint, dessen Direktor Dr. Bernh. Kahn dem Arbeiterfürsorgeamt immer besondere Aufmerksamkeit und Fürsorge widmete, hat sich mit außerordentlichen Summen beteiligt. Aber auch andere Institutionen, wiie z. B. die I c a, haben sich mit größeren einmaligen Spenden am Hilfswerk in Deutschland beteiligt. Doch auch die deutsche Judenheit hat zu diesem Hilfswerk erhebliche Summen beigetragen. Nur durch die opferwillige Zusammenarbeit aller Kreise war es möglich, das Erreichte zu leisten. Besonderes Interesse weckten die Ausführungen über die politische Seite der Arbeit und über die Abwehraktion. In der Debatte, an der sich die Erschienenen zahlreich beteiligten, wurde den Leistungen des Arbeiterfürsorgeamtes uneingeschränktes Lob gezollt und einmütig ausgesprochen, daß die deutsche Judenheit auf dieses von ihr geschaffene Hilfswerk besonders stolz sein dürfe. Verschiedene Herren aus der Provinz, die die Tätigkeit der vom Arbeiterfürsorgeamt errichteten Provinzstellen kannten, schilderten die Bedeutung dieser Arbeit für das jüdische Leben in den deutschen Provinzstädten.