Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 20 (19.5.1922)
- Date
- 1922-05-19
- Page
- Seite 254 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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254 Das Jüdische Echo Nr. 20 leisten, sich und anderen Erwerb und Erwerbsin ö.iil ich keilten zu schaffen, aus Palästina ein Kulturland zu machen, in dem Gerechtigkeit herrscht und keine Unterdrückung und in dem Juden ein jüdisches Leben leben können. Das sind die Ziele des Keren Hajessod. Es sind allgemein jüdische, keine zionistischen. Auch im Zionismus sind natürlich jüdische Ewigkeitswerte enthalten. Was der Zionismus darüber hinaus erstrebt, hat mit dem Keren Hajessod nichts zu tun. Können und dürfen wir also rnitarbeiten? Es herrscht im Deutschland ein allgemeiner Notstand. Viele jüdische Institutionen sind bedroht. Es ist unsere Pflicht, Abhilfe zu leisten. Wir wollen nicht Gelder haben für den Keren Hajessod von Leuten, die etwa das jüdische Krankenhaus in Berlin eingehen lassen; wollen, weil angeblich kein Geld dafür aufzutreiben ist. Wir wollen, daß für das jüdische Krankenhaus Geld aufgetrieben wird — und es ist beschafft worden — und daß auch für den Keren Hajessod gesteuert wird. — Man hat weiter darauf angespielt, daß der Keren Hajessod dem Antisemitismus Waffen geben könnte. Ja, wer bei allem, was er tut und unterläßt, vorher überlegen will, was die Antisemiten dazu sagen werden, der darf sich in Watte einpacken und an einem geschützten Ort aufbewahren lassen. Wir müssen uns von unserem Gewissen und von unserem Herzen leiten lassen. Aus dem Herzen kommen alle großen Gedanken, alle Menschheitsgedanken. Tun wir denn Unrecht, für Palästina, das außerhalb Deutschlands liegt, zu sammeln? Im katholischen Deutschland wird fortgesetzt für den Peterspfennig gesammelt und gegeben; man hat nie jemanden, der dafür wirbt, für einen schlechten Deutschen gehalten. Man hat immer verstanden, daß der Katholik sich nicht nur um die Nöte ringsum kümmert, sondern auch ein katholisches Gemeingefühl hat, dem er Ausdruck gibt, indem er für die katholische Allgemeinheit beiträgt. Meine Damen und Herren! Auch wir dürfen keine Scheu haben, für jüdische Dinge einzutreten. — Eine andere Frage ist freilich, ob wir es verantworten können, heut Geld auszugeben, das außer Landes gehen soll und nicht für heimische Produkte bezahlt wird. Ich denke in solchen Dingen ziemlich streng und finde, daß man in Deutschland in jüdischen und nichtjüdi'sohen Kreisen viel zu viel Geld ausgibt für Dinge, für dlie man es nicht ausgeben sollte, für Tabak, der aus dem Ausland kommt und für anderes Unnötige. Was wir hier ausgeben, ist nicht unnötig, es ist auch nfcht schädlich für unser Vaterland und für seine Wirtschaft. Das Deutsche Reich ist in sehr schlechten Verhältnissen. Es sucht zu sparen, wo es möglich ist, z. B. bei den Entschädigungen, die das Reich an seine durch Vermögenswegnahmen mid sonstwie geschädigten Bürger zu zahlen hat. Nur wenn der Deutsche im Ausland wieder ein Unternehmen eröffnen will, hat das Reich eine offenere Hand; da gibt es gern, weil es einsieht, daß es für die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands keine bessere Propaganda gibt, als im Ausland Interessen zu schaffen. Darum ist jeder Mann, den wir in Deutschland ausgebiildet haben, und jeder, der aus Polen und Rußland von dort verdrängt, zu uns kommt, der hier deutsche Bildung und deutsches Denken aufnimmt, den wir ausriisten und hinausschicken, ein Emmissär des Deutschtums, ein Agent für deutschen Geist und deutsche Wissenschaft. Jede Maschine, jeder Gegenstand, den wir nach Palästina schicken, soll und muß Propaganda für Deutschland machen. Das ist keine Schädigung, das ist vielmehr eine Förderung der deutschen Wirtschaft. Es wird uns zum Vorwurf gemacht, daß der Keren Hajessod nur eine zionistische Atrappe sei, daß die Zionisten die Sache für sich ausbauen und heute nur andere vorschieben. Es kommt darauf an, wieviel nichtzionistische Anhänger und Mitarbeiter die Keren Hajessod-Bewegung gewinnt. Sind die Zionisten in der Mehrzahl, so haben sie das Recht, die Verwaltung nach ihren Wünschen einzurichten. Sind wir Nichtzionisten in gleicher oder größerer Zahl vertreten, so werden wir uns unseren Einfluß auf die Verwaltung schon zu sichern wissen. Auch hier habe ich also keine Bedenken. Nun, nachdem keine Bedenken da sind, fragt es sich, ob wir in Deutschland die Sache mitmachen wollen. Der Aufbau Palästinas vollzieht sich, auch wenn wir nicht einen Pfennig geben. Wir müssen mitwirken an dieser allgemein jüdischen Bewegung um des deutschen Judentums willen, das immer maßgebend und hervorragend beteiligt war an allen jüdischen Bestrebungen. Heute stehen wir vor der Gefahr, ausgeschaltet zu werden. In Amerika hat sich ein Judentum gebildet, das wirtschaftlich und wissenschaftlich das deutsche erreicht hat. Im Osten kommt eine Bewegung in Fluß; die Massen erwachen, es gibt Kämpfe. Niemand kann sagen, wie sich die Dinge dort entwickeln werden. Aber daß auch dort durch den Kampf Kräfte ausgelöst werden, dessen können wir sicher sein. Auch hier wird das deutsche Judentum, wenn es seine Bedeutung behalten will, sich nicht ausschließen dürfen von allgemein jüdischen Aufgaben. Und noch etwas. Wenn wir ganz die wirtschaftlichen Dinge beiseite lassen, so dürften wir doch als schönsten Erfolg des Aufbauwerkes buchen, daß in Palästina ein geistiges Zentrum des Judentums erstehen wird. Wenn die Not ums tägliche Brot nicht alle Kräfte dort absorbiert, wenn nicht nur ausgemergelte, verlebte und geknechtete Menschen hinkommen, sondern junge Leute mit Kenntnissen und Herz, so wird Palästina sicherlich nicht nur ein Handelsstaat werden, sicherlich auch nicht nur ein Agrarland, nein es werden auch geistige Werte erstehen. Daran wollen und müssen wir rnitarbeiten, wir deutschen Juden, unsere Lehrer, unsere Rabbiner, unsere Forscher. Wenn in Palästina eine jüdische Wissenschaft ihre Renaissance erlebt, wenn dort jüdische Religion gelehrt und vertieft wird, dann müssen ihren Anteil daran auch die deutschen Juden haben. Denn in Palästina soll ein Gemeinwesen werden, in dem Wohlstand, Bildung und Gesittung herrschen, das dem Judentum Ehre machen wird, soll eine geistige Bewegung erstehen, die der jüdischen Gemeinschaft und der Welt neue Werte schenkt nach dem alten Propheten wort; Denn von Zion geht Belehrung aus Und Gottes Wort von Jerusalem. — (Lebhafter, immer wiederkehrender Beifall.) Nachdem Herr Rabbiner Dr. Eckstein-Bamberg mit warmen, begeisterten Worten für den Keren J. A. HENCKELS ZWILLINGSWERK MÜNCHEN / THEATINERSTRASSE 8 n r