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Das jüdische Echo · 1922-05-19 · 20 (19.5.1922) · p. Seite 253

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
20 (19.5.1922)
Date
1922-05-19
Page
Seite 253 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 20 Das Jüdische Echo 253 Die Keren Hajessod«Konferenz in Nürnberg Wir versprachen, über den Verlauf der Keren Hajessod-Konferenz in Nürnberg, deren Einfluß auf die Stimmung der bayerischen Judenheit zu Gunsten des Keren Hajessod immer deutlicher wird, noch ausführlicher zu berichten. Wir bringen daher heut die Reden des nichtzionistischen Vorsitzenden des Keren Hajessod-Präsidiums, Herrn Direktor Oskar Wassermann, und eines führenden Nürnberger Nichtzionisten, des Herrn Ludwig Rosenzweig, aus dem Protokoll zum Abdruck. Direktor Wassermann-Berlin : Meine Damen und Herren! Mit dem Ausdruck Keren Hajessod haben wir einen Namen übernommen, den die Zionisten unserer Bewegung gegeben haben, weil Vorarbeiten sehr wesentlicher Art von der zionistischen Partei geleistet waren und weil wir nicht einem Vorurteil zuliebe solche Leistungen verkennen und mit Undank lohnen wollten. Wenn wir die zionistische Benennung auch für das jüdische Palästinawerk in Deutschland, den deutschen Keren Hajessod, beibehalten haben, so bedeutet das durchaus kein zionistisches Glaubensbekenntnis. Der Keren Hajessod soll nicht zionistisch sein, er soll aber auch nicht antizionistisch sein; er steht über den Parteien. Der Zionismus ist eine Kampforganisation und muß es sein. Er hat sich in bewußten Gegensatz gestellt zu anderen Bestrebungen der Judenheit in allen Ländern. Der Keren Hajessod1 ist keine Kampforganisation. Nach seinem Programm will er die ideellen und geistigen Kräfte des Judentums für den Palästiinaaufbau einigen und sammeln. Einigung und Zusammenfassung heißt Verständigung; Verständigung ist das Gegenteil von Kampf, ist das Gegenteil von Leidenschaft Der Keren Hajessod will keinen Kampf führen, will auch auf Angriffe nicht durch Kampf antworten. Angriffe kommen selbstverständlich von allen Seiten, nicht weil unsere Sache schlecht ist sondern weil man unsere Sache nicht kennt Wir wollen alle Juden, auch die Gegner, gewinnen; ich glaube, das wird uns auch gelingen. Ich meine, in dieser Beziehung — obwohl ich sonst ziemlich nüchtern bin — etwas optimistisch sein zu dürfen. Herr Rabbiner Dr. Freudenthal sagte in seiner Begrüßungsansprache, wir würden wohl nicht alle bekommen, aber wir würden viele bekommen. Gewiß werden und wollen wir nicht bekommen diejenigen, denen ihr Judentum nur eine Zufälligkeit ist, di)e sich nicht als Juden fühlen, die ihr Judentum als eine Last tragen. Die mögen beiseite bleiben. Die anderen aber wollen wir alle um uns sammeln. — Was gilt es? Wiir wollen keinen jüdischen Staat in Palästina aufbauen. Die Zionisten mögen dieses Ideal haben; der Keren Hajessod hat es nicht. Die Zionisten, die einen, Sieg errungen haben, den sie freilich, wie sie selbst einsehen, allein nicht ausnutzen können, haben die Initiative ergriffen, den Keren Hajessod zu entzionisieren. Sie selbst haben sich bemüht, ihn herauszunehmen aus der zionistischen Organisation und ihn so dem Kampf zu entrücken. Sie taten es, weil nur so die Möglichkeit entstand, aus dem Keren Hajessod eine alljüdische Bewegung, eine alljüdische Tat zu machen, weil er nur so stark genug werden konnte, um Palästina aufzubauen; nicht als jüdischen Staat, das dürfte in absehbarer Zeit, auch wenn wir und alle Juden hundertmal mehr geben würden, als wir geben können, nicht möglich sein. — In Palästina wohnen heute 100 000 Juden, daneben aber 700 000 Araber; von einem jüdischen Staate könnte man erst sprechen, wenn eine jüdische Majorität da wäre, die den anderen ihren Willen aufzwingt. Dazu werden wir noch recht lange brauchen. — Wenn Sie sich überlegen, welch enorme Schwierigkeiten es macht, 100 000 Menschen zu verpflanzen, erstens weil sie sich nicht verpflanzen lassen wollen, zweitens weil ihre geistige Spannkraft zur Verpflanzung nicht ausreicht, drittens weil die bereitgestellten Mittel das möglich Maß übersteigen, dann werden Sie sehen, daß dies nicht unsere Aufgabe sein kann. Wir wollen nur das beginnen, über dessen Erfüllbarkeit ein Zweifel nicht bestehen kann: Wir wollen die Grundlage schaffen für eine allmähliche Besiedlung Palästinas mit Juden, die von ihrer Sehnsucht nach dem Lande ihrer Väter, von religiösen oder meinethalben völkischen Motiven gedrängt, dorthin gehen, oder auch für diejenigen, die in der übrigen Welt sich seelisch oder körperlich mißhandelt fühlen, die nichts leisten können, weil sie sich eingeengt fühlen und weil sic unterdrückt sind. Diese Leute sollen Palästina besiedeln, soweit sie leistungsfähig sind. Wir wollen freilich keine Wohltätigkeitsanstalt aus Palästina machen; wir wollen ein Gemeinwesen schaffen in kleinem Stil und kleinem Umfang, das aber aus eigener Kraft leben kann. Der heutige Zustand in Palästina soll nicht perpetuiert werden. Wir werden nicht, wie man es früher tat, Almosen nach Palästina geben, von denen die Menschen leben müssen, weil sie keine Erwerbsmöglichkeiten haben. Das wäre eine Schmach für die Empfänger, eine Schande für das Land und eine Schande für uns. Palästina ist kein Armenhaus. Wir wollen die Grundlagen für neues Leben legen. Wir werden Verkehrswege errichten, das Land sanieren, Kulturinstitute gründen, wir werden Leute ausbilden, die imstande sind, etwas zu

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