Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 20 (19.5.1922)
- Date
- 1922-05-19
- Page
- Seite 252 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103027-9145546--04976-9077644- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
252 Das Jüdische Echo Nr. 20 Sie wissen das recht gut; freilich liegt Ihnen an der zweckmäßigen Verwendung des Geldes nichts. Sie wollen gar nicht den, Aufbau Palästinas, weil Sie in ihm ein Hindernis für die Verbreitung jener Spielart des jüdischen Liberalismus sehen, die Sie vertreten, und die von der Mehrzahl der Liberalen heute schon abgelehnt wird. Sie fürchten die Verwurzelung jüdischer Menschen auf eigenem Boden und in jüdischer Gemeinschaft, ihre Selbstbefreiung durch Arbeit, das Erwachen des jüdischen Geistes, das Freiwerden seiner schöpferischen Kraft. Sie wissen, daß jener Heroismus, der das Palästinawerk und seine Träger beseelt, auf jeden aufrechten Juden belebend und aneifernd wirken muß. Hier entsteht Neues, der Judenheit und der Menschheit Wertvolles aus jüdischer Kraft. Das Judentum sieht aLso nicht nur rückwärts, will nicht nur mühsam erhalten, ist nicht nur Gegenstand der Diskussion — es ist Leben, es ist lebendigste Wirklichkeit; es will seine Zukunft und glaubt an sie! Wen sollte das nicht ergreifen? Für wen sollte es dadurch nicht einen neuen Glanz, neben anderen Werten einen neuen Wert erhalten? Nur Sie wollen das nicht. Sie wollen eine blutlose, jedes positiven jüdischen Inhalts entkleidete Morallehre. Deshalb verdächtigen Sie die Arbeit in Palästina als „jüdisch-national“ und verlassen sich auf die Zweideutigkeit des Begriffs. Die Kinder, sie hören es gerne. Der Einsichtige erkennt, daß Juden in Palästina nur Juden sein können, weder Engländer, noch Araber, und er will es nicht anders. Er freut sich der Fortschritte der hebräischen Sprache, der kulturellen Bestrebungen. Er weiß, daß „nationale Arbeit“ in Palästina naturgemäß wirtschaftliche, soziale und kulturelle Wirksamkeit für das jüdische Gemeinwesen bedeutet. Landkauf, Sanierung, Straßenbau, Aufforstung, Schul- und Hochschulwesen, Ausbildung von Menschen für Palästinaberufe, das und ähnliches ist nationale Tätigkeit in Erez Israel. Nun, Sie wissen selbst, wie wenig stichhaltig! Ihre Einwendungen sind. Sie fürchten, daß auch nur etwas Unterrichtete dahinter kommen könnten,. Deshalb versuchen Sie die Bedeutung des Werkes — dessen Gelingen Sie fürchten! — zu verkleinern. Sie zitieren zionistische Führer, nach denen, vorläufig! „nur“ 25 000 bis 35 000 oder gar „nur“ 12 000 Personen jährlich in Paläsina angesiedelt werden können und meinen, das lohne sich gar nicht erst. Aber das sind in 10 Jahren 120 000 oder gar 300 000 arbeitende jüdische Menschen, Fundament und Gewähr der künftigen größeren Siedlung. Lesen Sie die Geschichte der ersten Geülah — die fing mit lumpigen 40 000 an — aber ohne sie gäbe es heute kein Judentum .... Ae uh aus e rs/r. /5, gegenüber der alten Mademie Sie erzählen noch mancherlei, wer Zeit hat, mag sich daran ergötzen. Es ist unwesentlich, kaum wert der Widerlegung; oder wen sollten die — überdies falsch dargestellten — verjährten Geschichten vom Technikum in Haifa interessieren? — Wieviel wirksamer wäre es doch gewesen, wenn Sie statt dessen jene beliebte Märe aufgetischt hätten, daß die Beträge, dite der Welt-Keren Hajessod — nicht der deutsche, dessen Geld nur in Deutschland für Palästina Verwendung finden darf — dem jüdischen Nationalfonds überweist, in die zionistische Parteikasse fließen. Vielleicht aber erschien selbst Ihnen diese geflissentlich verbreitete Unwahrheit als zu plump und zu leicht widerlegbar: Der Nationalfonds und seine Bestrebungen sind heute schon zu bekannt, als daß man damit politische Geschäfte machen könnte. Allzuviele wissen bereits, daß er lediglich die Aufgabe hat, in Palästina Grund und Boden als Gemeinr besitz der jüdischen Gesamtheit zu erwerben, daß er das Instrument für den Landkauf in Erez Israel ist. Wir halten seihe Tätigkeit für eine hervorragend nationale: es gibt vielleicht kein Beispiel, das klarer zeigt, was nationale Arbeit in Palästina ist und wie wenig sie mit innerjüdischer Parteipolitik zu tun hat. — Immerhin, Sie sagen nichts gegen den Nationalfonds und gegen seine Subventionierung durch den Keren Hajessod. So hätten Sie auch darauf verzichten sollen, die Sage von der Benachteiligung deutschjüdischer Institutionen durch die Sammlung für Palästina zu verbreiten. Wenn Kulturinstitute der jüdischen Allgemeinheit, wenn Waisenhäuser, Altersversogungsanstalten, Seminare, wenn Lehrer und Rabbiner Not leiden, so ist das eine Schande und, noch dazu eine unnötige! Die deutsche Judenheit kann für Keren Hajessod und kann trotzdem ausreichend für alle ihre Einrichtungen geben. Sie muß aber wollen, muß aber jüdisch genug dafür sein. Wenn sie es nicht ist, wer hat Schuld daran, als Sie und Ihresgleichen, die dafür sorgten, daß jüdisches Empfinden schwach, das Gefühl der Verpflichtung bei allzu Vielen ertötet wurde? Der Keren Hajessod ist nicht nur eine Geldsammelmaschine. Er wirkt wie jede große jüdische Forderung verjudend. Er verlangt wirkliche Opfer für ein großes Ziel — und gewinnt dadurch Zahlreiche, die für weniger Wichtiges, weniger Großartiges nichts übrig gehabt hätten. Er vermehrt die Zahl derer, die für jüdische Dinge geben. Ich glaube, Herr Hirschfeld, wir haben einander wenig mehr zu sagen. Seien Sie überzeugt, daß ich die Tragik auch Ihres Kampfes nicht verkenne. Der Liberalismus, für den Sie sich ein Leben lang eingesetzt haben, ist tot. Ein neuer, lebendigerer und jugendlicherer trat ins Leben, einer, der vielleicht der nationaljüdischen Bewegung ein härterer, aber auch ein ebenbürtigerer Gegner sein wird, als der Ihre. Sie haben weder mit ihm noch mit uns, noch selbst mit den Leuten um Dr. Naumann etwas zu tun — für die sind Sie nichts als eben auch nur „Zwischenschichtler“. Sie sind allein auf weiter Flur. Sie werden, ein wenig belächelt, nur noch Kämpfe austragen können, die denen des edlen Ritters von der Mancha gleichen. Das wahre, schaffende, gewaltige Leben braust fern an Ihnen vorüber. Sie werden sich damit abfinden müssen. Aber bemühen Sie sich, so gerade, so aufrecht und aufrichtig zu sein, wie es Ihr edler Vetter, der große Don Quichote war, und wie es Ihr Aufsatz leider nicht ist. Dann würde in vollkommener Hochachtung und ohne Zorn und Groll den Degen vor Ihnen senken Ihr ergebener Karl Glaser.