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Das jüdische Echo · 1922-05-19 · 20 (19.5.1922) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
20 (19.5.1922)
Date
1922-05-19
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 20 19. Mai 1922 9 Jahrgang Die Wahrheit über den Keren Hajessod Offener Brief an Herrn Robert Hirschfeld. Sehr geehrter Herr, ob Sie sich meiner noch erinnern, weiß ich nicht. Ich war Ihr Schüler im Religionsunterricht am Dorotheenstädtischen Realgymnasium zu Berlin. Wir waren stets 10 bis 15 Teilnehmer, und es ging lustig in Ihrer Stunde zu; wir brauchten dafür nichts zu arbeiten und waren doch sicher, eine befriedigende Zensur zu erhalten. — Offen gestanden, wir haben nicht viel bei Ihnen gelernt. Sie sind wohl kaum je auch nur teilweise mit Ihrem Pensum fertig geworden. Sie hatten nämlich keine Zeit für die alten Propheten und Talmudisten; der Zionismus saß Ihnen im Kopf und Sie fühlten sich verpflichtet, immer nur von ihm, oder vielmehr gegen ihn zu sprechen. Das gab Anlaß zu vielen ergötzlichen Zwiegesprächen. Ihnen war die Sache heiliger Ernst und uns eine Gaudi; Sie dachten uns gegen den Zionismus einzunehmen und tatsächlich sind, durch Sie aufmerksam, gemacht, nicht wenige von uns Zionisten geworden. Sie werden danach begreifen, daß ich Grund habe, dankbar Ihrer zu gedenken, auch wenn ich im Interesse des Judentums einen zielbewußteren Unterricht, im Interesse der Schulautorität etwas weniger Politik in der Religionsstunde gewünscht hätte. Ich las also mit besonderer Aufmerksamkeit Ihren Aufsatz über den Keren Hajessod in der J üdisch-liberalen Zeitung. „Die Stellung der liberalen Juden zu den Sammlungen für den Aufbau Palästinas. Diie Wahrheit über den Keren Hajessod“, das klingt nach Enthüllungen und tatsächlich wollen Sie eine große Täuschung, einen gewaltigen Betrug auf decken. Gottlob, daß Sie rechtzeitig dahinter kamen. Wie schreiben Sie doch? Die Zionisten, unfähig aus eigener Kraft Palästina aufzubauen, haben eine Orgamisaiton gegründet, „die auch Nichtzionisten veranlassen sollte, Geld für die „gute Sache“ herzugeben. Man nannte diese Organisation Keren Hajessod, d. h. Grundfonds, gab ihm durch dieses auch den meisten Juden unverständliche Wort (! D. Sehr.) ein unklares Gepräge und ging auf den Gimpelfang.“ Zum Beweise für diese etwas gehässige Anklage berufen Sie sich auf Äußerungen führender Zionisten. Dr. Berthold Feiwel, Mitglied der Zionistischen Exekutive, habe in der Jüdischen Rundschau u. a. geschrieben: „Das zionistisch politische Problem“ (des Keren Hajessod, d. Sehr.) „liegt darin, daß die Ideen und Arbeitsmethoden des Zionismus dabei, rein und intakt erhalten, andererseits aber die allgemeine Judenheit herangezogen und befähigt werden soll, mit diesem Zionismus zusammenzuwirken.“ Was wollen Sie damit beweisen? Haben wir je bestritten, daß Keren Hajessod jüdische Einheitsfront für Palästina, Zusammenarbeit aller Juden, von Zionisten und Ni'chtzionisten, bedeutet? Haben wir je Zweifel daran gelassen, daß wir Zionisten um des Keren Hajessod willen nichts von unseren Anschauungen aufgeben, solche Unehrlichkeit aber auch nicht von anderen verlangen wollten? Unser Bündnis mit den Nichtzionisten erschien uns deshalb möglich, weil wir den Aufbau Palästinas von jedem Standpunkt aus für wünschenswert hielten und der Nürnberger Rabbiner Dr. Freudenthal hat ja in einem vielgelesenen Aufsatz in der Zeitschrift „Liberales Judentum“ überzeugend dargelegt, weshalb gerade vom liberalen Standpunkt aus eine Beteiligung am Keren Hajessod notwendig sei. Wir haben nie kompromisselt; wir haben mit den Nichtzionisten, die sich am Keren Hajessod beteiligen wollen, einen Vertrag geschlossen, den wir halten wollen und müssen. Wollen: Denn wir sind ehrliche Männer und werden unsere Sache rein erhalten, Herr Hirschfeld — und müssen: Denn ein einziger nachgewiesener Fall von Untreue würde uns das Vertrauen der Vertragsgegner nehmen und die Palästinasache in Zukunft schwer schädigen. Deshalb waren wir stets bereit, den Einfluß der Nichtzionisten auf die Verwendung und Kontrolle der gesammelten Gelder sicherzustellen. Sic selbst führen ja die Keren Hajessod-Resolutlon des Karlsbader Kongresses an, die bestimmt, diaß „das Direktorium des Keren Hajessod aus 6—10 Mitgliedern bestehen soll, von denen die eine Hälfte auf Grund der Proportionalwahl vom Council (Vertretung der Zeichner), die andere von der Exekutive der Zionistischen Organisation zu bestimmen ist.“ Welche Möglichkeit der Täuschung kann es unter diesen Umständlen noch geben? — Aber was geht Sie der Welt-Keren Hajessod an. Sie, der stets die Solidarität der Judenheit leugneten? Der deutsche Keren Hajessod — der unmißverständlich sich „Jüdisches Palästinawerk“ nennt, folgt eigenen Gesetzen. An seiner Spitze stehen Nichtzionisten, sie besitzen jeden Einfluß und jede Möglichkeit — führende Männer im Wirtschaftsleben, führende Persönlichkeiten im Judentum. Sollten sich Männer wie Direktor Oskar Wassermann, der Vorsitzende des Keren Hajessod-Direktoriums, Rabbiner Dr. Baeck, Geheimrat Timendorfer, sollten sich die bayerischen Vertreter des Keren Hajessod, etwa Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer, Geheimrat Dr. Held, Rabbiner Dr. Freudenthal, Justizrat Hommel, Geheimrat Werner, Justizrat Dr. Haas u. a. so plump täuschen lassen? Sind sie blöde Gimpel, die der Zionismus listig fing? Ach, Herr Hirschfeld, Sie selbst gehen, scheints, auf die Gimpeljagd. Möglich, daß Sie einige Dumme finden. Ihnen ist jedenfalls dazu jedes Mittel recht. Sic führen das Budget des Keren Hajessod auf, aus dem hervorgeht, daß der Zionistischen Exekutive in Palästina vom 1. September 1920 bis 1. Januar 1922 zur Verfügung gestellt wurden 252 253 Pfund und folgern daraus, daß die Gelder des Keren Hajessod nur zum kleinen Teil zu rein wirtschaftlichen Zwecken gebraucht werden, „zum größten Teil aber in die allgemeine zionistische Parteikasse fließen.“ Es müßte Ihnen als jüdischem Politiker doch gewärtig sein, daß in der Hand der Palästinaexekutive sich die wirtschaftliche Aufbauarbeit bisher konzentrierte, und daß sie übergehen, die Neuschaffung eines ungeheuren Apparates und damit die Verschleuderung der aufgebrachten Mittel für organisatorische Zwecke bedeuten würde.

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