Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 19 (12.5.1922)
- Date
- 1922-05-12
- Page
- Seite 240 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103027-9145538--04963-9077631- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Jüdische Echo Nr. 19 2to ku-nit Menschen, wenn sie ihren großen Rahmen auszufüllen weiß. Erhebliche Summeni geben nur Überzeugte. Wer für Keren Hajessod entsprechend geben soll, muß überzeugt werden. — Das Band, der Keren Hajessod-Aktion umschlingt das ganze Volk. Die Idee der Erlösung des jüdischen Landes und des jüdischen Menschen durch produktive Arbeit ergreift das ganze Volk. Tausend Sendboten gingen an die Arbeit — sie fordern Geld und gewinnen Menschen. Im einzelnen ist die Werbung oft mühsam, unerfreulich. schwunglos. Aber hinter den Anstrengungen des Tages steht das Ziel, dem wir dienen. Wir fühlen, daß es vorwärts geht, trotz den Gegnern, trotz der Ungunst der Zeit, den Schwierigkeiten im Lande, den Hindernissen im Galuth. — Alles Große ist Anachronismus; zu früh oder zu spät wird die Verwirklichung versucht. Aber an dem Wall der Widerstände stählt sich die Kraft. Es ist heroisch, große Dinge gegen die Zeit und ihre Menschen durchzusetzen. Das Zeitalter des Pioniertums in Palästina, des Keren Hajessod im Galuth wird der Geschichtsschreiber das „heroische“ des modernen Judentums nennen. G—. Umschau Umschau halten ist heute, wie überall, so auch im Judentum keine beliebte Tätigkeit. Man sieht nicht viel Erfreuliches dabei und zieht es dabei vor. Auge und Ohr vor dem Elend der Welt und des eigenen Volkes zu verschließen. „Dile Welt ward mir zuwider, da nahm ich meinen Stab zur Hand und wandert’ nach dem Vogelland mit meinem Hausgesinde“, das ist ungefähr die Denkungsart der Vogelstrauß-Politiker, ihr Ziel, behaglich und unbeteiligt vom warmen Kamin aus, dem schlimmen Treiben da draußen zuzusehen. Jakob Wassermanns speziell auf das deutsche Volk gemünzte „Kaspar Hauser“ führt den Untertitel: „Von der Trägheit des Herzens“. Wenn wirklich die Herzensträgheit eine deutsche Eigenschaft ist, dann hat sich das deutsche Judentum gut assimiliert. Weder haben die furchtbaren Metzeleien in der Ukraine, die Hund'erttausende von Juden das Leben gekostet, ungezählte Künder zu Waisen gemacht haben, einen Aufschrei des Schmerzes erweckt, noch hat das Hungersterben der südrussischen Juden, darunter auch der wertvollen Bevölkerung der landwirtschaftlichen! Kolonien, die Herzen des deutschen Judentums in tiefer Trauer erzittern lassen. Wir haben unser „Scherflein“ gegeben, aber unsere Herzen sind kalt und träge geblieben bis auf einzelne, die man zählen kann, unter Zionisten wie unter den Nichtzionisten. Einst rief die Madame Legros das Volk zum Sturm wüDsm Me uh er us ers/r. 15, gegenüber der alten Akademie ±)ie feine "Jferrenjcbneiderei frstkl Sfoffe auf, weil ein Unschuldiger in der Bastille schmachtete. Wird auch unserem Volke der Er Wecker kommen, der hinausschreit in die Welt, daß Hunderttausend e unserer Brüder vor unseren Augen elend zugrunde gehen? Wird sein Schrei in alle Ohren und durch die Ohren ins Herz dringen? Daß nicht nur im europäischen Osten, sondern auch in Palästina es um die jüdische Sache sehr schlecht steht, ist hier schon oft gesagt worden. Glücklicherweise aber beginnt das jüdische Volk sich auf seine Pflichten gegenüber der Palästinasache zu besinnen und zu erfassen, was dort für das Judentum auf dem Spiel steht. Die Erfolge des Keren Hajessod — wenn auch noch durchaus ungenügend —berechtigen immerhin zu der Hoffnung auf Überwindung der in erster Linie durch finanzielle Schwierigkeiten hervorgerufenen Krise. Gelingt es in kurzer Zeit, die jüdische Wirtschaftsposition in Palästina erheblich zu verstärken und damit die Möglichkeit einer beschleunigteren Einwanderung zu schaffen, so wird man auch der Araberfrage Herr werden können, die nur dann unlösbar bleibt, wenn die Juden dauernd eine kleine Minorität bilden. Voraussetzung für eine Beruhigung der Araber ist aber die endliche Bestätigung des Mandats Vertrages durch den Völkerbund, die dem jetzigen Provisorium und der Hoffnung der Araber auf Beseitigung der Balfour-Deklaration ein Ende macht. Und vor allem ist eine wirksame Bekämpfung der gegen die jüdische Einwanderung gerichteten Politik der Araber nicht möglich, wenn unsere eigenen Volksgenossen unseren Gegnern die Waffen liefern, wie das der orthodoxe Professor de Haan getan hat. Die elementare Entrüstung der palästinensischen Judenheit, die überwiegende Mehrheit der Orthodoxie eingeschlossen, hat hoffentlich wenigstens derart offenkundigen Verrat am jüdischen Volke ein für allemal ein Ende gemacht. Daß allerdings die extreme Orthodoxie ihren Trennungsstandpunkt aufgibt und sich dem allgemeinen Palästinawerk einordnet, wie das der gefeierte Klausenburger R a w, der vor kurzem in Deutschland weilte, von ihr fordert, ist leider einstweilen noch nicht zu erhoffen. Man braucht übrigens nicht nach Palästina zu gehen, um Juden zu finden, die ihre eigenen Volksgenossen preisgeben, auch in Deutschland haben wir ein trauriges Beispiel dafür. Herr Dr. Naumann wagt es in einem Artikel in der Kölnischen Zeitung: „Liegt Berlin noch in Deutschland?“, in dem er den Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde wegen des feierlichen Empfangs von Professor Weizmann beschimpft, den Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation mit einem Werber der französischen Fremdenlegion zu vergleichen, er beschuldigt die deutschen Zionisten einer Schädigung der deutschen Interessen. Man könnte aut das ähnliche Verhalten der südfranzösischen Juden verweisen, die seinerzeit die elsäßischen Juden als Schädlinge hinstellte, um ihren eigenen Patriotismus desto heller erstrahlen zu lassen. Aber da ja Herr Dr. Naumann bekanntlich als vollkarätigei Nationaldeutscher nichts mit jüdischem Wesen zu tun hat, wäre es verkehrt, ein Beispiel aus der jüdischen Geschichte auf ihn anzuwenden. Um den nationaldeutschen Propheten zu verstehen, muß man sich in seiner rheinischen Heimat Umsehen, wo Herr Dorten seine bekannte Politik treibt. Vielleicht hat Herr Naumann von ihm die Methoden gelernt, die es ihm gestatten, die Zionisten und als gefällige Zugabe gleich die ganze „Zwischenschicht“, den Zentralverein und alle ihm Gesinnungsverwandte der antisemitischen Hetze preiszugeben. Die Wirkung seiner Bemühungen scheint freilich bei den Nichtjuden nicht sehr groß