Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 19 (12.5.1922)
- Date
- 1922-05-12
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 19 12. Mai 1922 9. Jahrgang Das heroische Zeitalter Unsere Zeit ist reich an unerhörtem Geschehen: Ereignisse, die sonst die Welt hätten aufhorchen lassen, gehen fast unbemerkt vorüber. Die Menschen sind müde der Sensationen und Emotionen, der großen Taten und großen Ziele, der Ideale und Ideologien. Sie richten sich auf der verwandelten Erde ein, so gut es geht und nutzen den Tag; denn die Nacht könnte nahe sein. Der Glaube und die Hoffnung haben allen Kredit verloren; Es gibt für die Vielen vorzüglich nur das eine Glaubensbekenntnis: hat — hat. Man schaue sich um: Die Zahl der Raffgierigen und Ruhebedürftigen wächst überall. Man will keine Revolution, keine Putsche, keinen Krieg — und bei allem Geschrei, keinen Pogrom. Man mag nicht mehr Dostojewski oder Tolstoi lesen; deren erhabene Moralität ist zu anstrengend. Man liest Tagore, Bonseis, Curth-Mahler. Man will tanzen — jedes Jahr möglichst neue Tänze, sich im Rausch betäuben oder idyllisch genießen, und nichts von der Allgemeinheit wissen, die einen mit Steuern überdies genug ärgert. Der Begriff und die Forderung der „Gemeinschaft“ haben heut einen schlechten Klang. Man ist drauf und dran das „Individuum“ neu zu entdecken und es zugleich von jeder drückenden Verpflichtung zu entlasten. Viele der Besseren leben schon nur sich selbst, ihrer Entwicklung und seelischen Bereicherung. Die menschlich Kleinen aber verdienen und amüsieren sich in naiver Unverantwortlichkeit. Auch das jüdische Volk gibt der Zeit seinen Tribut. Es gab nach d'er Revolution Momente, in denen der kleinliche Streit um große Dinge beseitigt zu sein schien. Die Menschen waren erschüttert: jetzt oder nie sollte zweitausendjähnges Sehnen Wirklichkeit, Palästina jüdisches Land werden. — Hatte sich der Sinn der Judenheit gewandelt? Die Besten der Jungen gingen in Landwirtschaft und Handwerk, um später Erez Jisroel unterbauen zu können. Diie ältere Generation hatte Sympathien im Überfluß; es wurden ausgezeichnete Reden in überfüllten Versammlungen gehalten und in allen jüdischen und sich jüdisch gebärdenden Zeitungen ab gedruckt. Heut ist vieles anders. Wohl drängt beste Jugend immer noch in selbstverständlicher Hingabe nach Palästina. Aber die ältere Generation hat sich längst wiedergefunden. Und wenn die alten Brüder auch hie und da neue Kappen tragen — man erkennt sie doch am verschmitzten Ausdruck ihrer Gesichter und an ihrer routinierten psychischen und moralischen Beweglichkeit. Sie sind alle wieder da —mochten sie sich einst Antizioni-- stiisches Komitee genannt haben oder jetzt Verband Nationaldeutscher Juden nennen, die das Judentum verraten haben und täglich verraten; sie sind wieder da, die aus Angst vor den Verrätern selbst zu Verrätern — an ihrer Überzeugung und an der jüdischen Sache werden. Und sie auch fehlen nicht, sie vor allem! — die jeder Veränderung jüdischer Zustände abhold und feindlich) sind, wie sie jede Veränderung in ihrer Umgebung verwünschen. Die Ruhebedürftigen, Genußsüchtigen, Gleichgültigen — Zeitgenossen unter den Zeitgenossen. In solcher Welt entsteht das jüdische Palästina. Gegen die Zeit arbeitet der bessere Teil der jüdischen Gemeinschaft an der Befreiung unseres Volkes. In Palästina ist Vieles schlecht: das Land ist vernachlässigt, die Menschen sind unvorbereitet, körperlich oder seelisch unzureichend, und Geld war überhaupt nicht da. So gab und gibt es Fehlschläge, Mißgriffe, Enttäuschungen. Palästinawanderer, die sich im Lande nicht halten konnten, kehren zurück, Siedlungsgruppen arbeiten unrentabel, die Verwaltung ist überall nicht Herr ihrer Aufgabe, privatwirtschaftliche Versuche mißglücken. Schon jubelten alle, die im Strome der Zeit treiben: ein großer Aufwand sei schmählich vertan. Sie wiesen hin auf Krankheit und Not, Arbeitslosigkeit und Fehlschläge und erklärten, man könne diese schlechte Sache, die zudem, die heimische Situation gefährde, keineswegs unterstützen. ja man müsse sie überhaupt hindern. Ihnen ward Antwort: aus diesen Mißerfolgen wird immer deutlicher erkennbar die jüdische Kolonisation. Schon wächst eine Auslese in Arbeit erprobter Kolonisatoren, wahrer Okkupatoren des Landes zusammen. Zehntausend gingen im Vorjahr nach Erez Israel; einige versagten, aber tausende hielten sich: Zehntausende werden folgen. Unter mancherlei Fehlschüssen mehren sich schon die Treffer. Man hat gelernt und weiß heute schon, wie manches gemacht werden muß. — Grund und Boden wird erworben: mehr als in 20 Jahren zuvor; in der Fron des Straßenbaues stählt sich das Immigrantengeschlecht von gestern und heut; das von morgen wird1 keine Notstandsarbeit mehr aufnehmen müssen, sondern Tätigkeit im Dienste des jüdischen Aufbauplanes. Das Andjeprojekt harrt der Verwirklichung, Häuser erstehen, die Arbeiter-, die Hypothekenbank sind im Werden, Privatunternehmungen. sorgfältig vorbereitet, beginnen sich zu mehren und zu rentieren. Und Wunder über Wunder! Das ruhebedürftige, kampfabgewandte Galuthjudentum läßt die Kämpfer in Palästina nicht allein. Das Land braucht Menschen; es braucht auch Geld. Die Menschen, von der zionistischen Bewegung gestellt, kommen in steigender Zahl. Und das Geld wird — von Monat zu Monat mit besserem Erfolge — in treuer, mühsamer und lohnender Arbeit aufgebracht. Es gibt viele, die diese Arbeit gering schätzen. Sie wollen glänzendere Siege, also solche, die sich in Ziffern ausdriieken lassen. Sie wollen um Herzen ringen und nicht uin Beutel. Sie haben genug von „Aktionen“ und wollen „Bewegung“ — soweit sie nicht, wie so viele Zeitgenossen „Ruhe“ meinen, wenn sie „Bewegung“ mgen. Und sie merken nicht, welch gewaltige Wandlung von unseren Augen vor sich geht. Denn an zahllose Juden tritt heut die Forderung des Keren Hajessod heran. Sie sollen geben; mehr geben, als sie je gegben haben. Es wird eine große Steuer erhoben, ohne Macht sie zu erzwingen. Aber mächtig wird in den Herzen der Gedanke des Palästinaaufbaues. Er erzwingt bisher unerhörte Opfer. ln der Zeit der Selbstsucht überwindet diese Aktion die Selbstsucht. Die großen Beträge, die für Palästina hin gegeben werden, verbinden die Geber mit dem Lande und den dort kämpfenden Juden. Zum erstenmal erhält das Wort von der Geineinbürgerschaft Israels einen Klang der Wahrheit. Die Keren Hajessod-Aktion gewinnt dem Palästinagedanken, dem Gedanken der jüdischen Zu-