Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 18 (5.5.1922)
- Date
- 1922-05-05
- Page
- Seite 228 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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t 822 Das Jüdische Echo Nr. 18 Die Zionistische Kommission traf im April 1918 in Palästina ein. Ihre Tätigkeit von jenem Zeitpunkte ab entfällt naturgemäß auf zwei ungleiche Perioden: die eine vor der Ernennung Sir Herbert Samuels, die andere nach dessen Ernennung. Wir wollen nun jede Periode besonders behandeln. Bei ihrer Ankunft im April 1918 traf die Zionistische Kommission noch Kriegsverhältnisse in Palästina vor. Samaria, Galiläe und Transjordanien befanden sich noch in türkischem Besitz. Die ganze Situation wurde naturgemäß von den militärischen Erfordernissen beherrscht. Diese wurden denn auch der Kommission am Tage ihres Eintreffens in Palästina auseinandergesetzt. Es wurde ihr erklärt, daß die Wahrung militärischer Operationen in erster Reihe bedinge, daß alles, was geeignet wäre, auch nur die geringfügigsten Reibereien innerhalb des besetzten Gebietes hervorzurufen, inhibiert werden müsse, und daß somit irgendwelche offensichtliche Ausdehnung jüdischer Tätigkeit auf wirtschaftlichem Gebiete im Moment unerwünscht sei. Demgemäß dürfe es weder Bodenübertragungen noch größere Kaufabschlüsse von Besitztümern gleich welcher Art geben, oder sonst etwas unternommen werden, was den Status quo verändern würde; kurzum, es sei auschließlich die Ausübung der reinen Hilfstätigkeit gestattet. Dieser Anordnung mußte sich die Zionistische Kommission fügen. So entschloß sie sich, vorläufig abzuwarten und sich nur der Hilfsarbeit zu widmen, im übrigen alles zu vermeiden, was den Anschein konstruktiver Ausgaben erwecken könnte, bis es die Verhältnisse gestatten würden, diese auf wirklich systematischer Grundlage vorzunehmen; inzwischen — so glaubte sie — würden sich Gelder ansammeln, sodaß wir bei Anbruch der neuen Aera gut fundiert und wohl vorbereitet sein würden. Theoretisch war dieser Plan ja sehr gut; in der Praxis erwies er sich aber als undurchführbar. Das Leben selbst griff in diesem Moment ein, um uns eine Lehre zu erteilen, indem es uns auf die wesentliche und fundamentale Wahrheit, auf der unsere Stellung in Palästina beruht, verwies. Diese Wahrheit besteht darin, daß. wenn wir unsere schwer erkämpften politischen Errungenschaften in Palästina aufrecht erhalten wollen, wir ununterbrochen bestrebt sein müssen, sie durch konstruktive Arbeit zu sichern, ein Bestreben, welches Tag um Tag und unter allen Umständen verfolgt werden muß. Kaum hatte die Zionistische Kommission den lobenswerten Entschluß des „Abwartens“ gefaßt, als sich diese Wahrheit in höchst verhängnisvoller Weise bemerkbar machte. Sofort begannen alle gegenüber der alten Jkodemie unsere Gegner, der Regierung ins Ohr zu flüstern — und zwar den Militärwie den Zivilbehörden —, daß die Untätigkeit der Zionistischen Kommission den besten Beweis für die organische^ Impotenz der zionistischen Bewegung liefere! Sie erklärten: „Sie wollen abwarten, weil sie nichts anderes tun können, weil sie keine Unterstützung haben, weil selbst die jüdischen Klassen und Massen nichts mit dem Zionismus gemein haben wollen, weil die ganze Sache nur ein „Bluff“ ist; und um dieses Bluffs willen habt Ihr die Balfour-Deklaration, habt Ihr die Katholiken verfeindet, und den Moslems Furcht eingejagt.“ Die Zionistische Kommission begriff die Lehre; sie erkannte, daß die stärkste Waffe ohne Unterlaß geschwungen werden muß, ungeachtet der Aussichten auf Erfolg, selbst gegen eiserne Mauern, die durch konstruktive Leistungen niedergerissen werden mußten. Ein solches Niederreißen ist aber mit Geldausgaben verknüpft. Unter den Berichten, welche dem XII. Kongreß unterbreitet wurden, befindet sich noch ein anderer, den ich den Kritikern empfehlen möchte. Es ist dies der politische Bericht, insbesondere Seiten 43—57, „die politische Situation in Palästina“ behandelnd. Eine Reihe von Begebenheiten werden in diesem Bericht geschildert, welche einen Begriff davon geben, mit welchen Schwierigkeiten die Ausführung konstruktiver Arbeiten unter der Militärverwaltung verbunden war. Bodentransaktionen waren natürlich völlig ausgeschlossen; aber auch der Ankauf einer Fabrik, eines Hotels, die Anschaffung von Röhren zu Irrigations- ■ wecken, das Mieten von Kraftwagen für den Transport von Maschinerien, die Benutzung der militarisierten Eisenbahnstrecken zu Transportzwecken — alles wurde aus wirklichem oder vorgeschobenem militärischen Zwange erschwert. Nicht einmal der Waffenstillstand brachte eine Änderung dieser Situation. Die Militärbehörden betrachteten den Waffenstillstand als eine Form des Krieges, nicht des Friedens, und sahen ihre Hauptaufgabe darin, alles zu inhibieren, was den Neid erwecken, zu Reibereien führen oder auch nur unfreundliche Bemerkungen von Seiten der Eingeborenen hervorrufen könne. Auf diese Weise waren die Zionisten genötigt, „den Aufbau zu versuchen“, unter Bedingungen allerdings, die vom wirtschaftlichen Standpunkte aus von vornherein die Möglichkeit konstruktiver Aufbauarbeit ausschlossen. Im Juli 1920 wurde die Militärverwaltung durch ein Zivilregime ersetzt und Sir Herbert Samuel traf als erster Oberkommissar Palästinas ein. Die ersten zehn Monate seiner Verwaltung unterschieden sich ganz wesentlich von der oben geschilderten Periode. Die Verwaltung verhielt sich allen konstruktiven Unternehmungen gegenüber höchst entgegenkommend. Eine neue Legislatur wurde sofort erlassen, wonach die Einwanderung, Bodentransaktionen und neue Bankgründungen zulässig wurden. Während dieser zehn Monate stand es uns i;n jeder Beziehung frei, unsere wirtschaftliche Tätigkeit nacfi Belieben zu entwickeln. Die Ironie des Schicksals wollte es aber, daß unsere materiellen. Mittel gerade zu dieser Zeit versagten. Fast in demselben Moment, als Sir Herbert Samuel in Palästina landete, wurden wir von zwei finanziellen Katastrophen heimgesucht. Die erste dieser Katastrophen war das Versagen zionistischer finanzieller Tätigkeit in Amerika. Es liegt mir fern, irgendwelche Beschuldigung zu erheben; lediglich auf Tatsachen will ich zurückgreifen. In dem Zeitraum zwischen der Londoner Konferenz im Juli 1920 und April 1921, als das Keren Hajessod-Büro in New York