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Das jüdische Echo · 1922-04-14 · 15 (14.4.1922) · p. Seite 197

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
15 (14.4.1922)
Date
1922-04-14
Page
Seite 197 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 15 Das Jüdische Echo 197 seinen Flügeln, streckte den Hals und schlug ein Rad. Schmul hielt sich die Seiten vor Lachen. Frau Sarah sah beglückt auf den neuen Gast. ln diesem Augenblicke trat der ältere Sohn ein. Als er des Indians ansichtig wurde, rief er mit lauter Stimme: „Boruch habo!“ Jossl aber saß im Cheder und lernte den Wochenabschnitt. Es ging ihm schon lange nicht so schlecht wie heute. Er war ganz einfach nicht bei der Sache, konnte, so oft es der „Behelfer“ von ihm verlangte, den Satz nicht wiederholen und mußte daher in einemfort mit Rippenstößen oder Kopfstücken vorliebnehmen. Er saß da mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen und es war nur ein einziger Gedanke, der ihn beschäftigte: Ist er schon zu Hause oder ist er noch nicht zu Hause? Als es endlich elf Uhr wurde, mußte er sich sagen: Ja, jetzt ist er zu Hause. Er erhob sich von seinem Sitz und bat um die Erlaubnis, hinauszugehen. Kaum war die Türe hinter ihm ins Schloß gefallen, als er die Arme einzog, sie in die Seiten stemmte und wie ein Reh davonstürmte. Er lief über Stock und Stein, wie ein gehetztes Wild. Als er um eine Ecke bog, schlug er mit einem Burschen zusammen und beide purzelten der Länge nach hin. Ein jäher Schmerz ergriff ihm das Bein, doch Jossl achtete nicht darauf, sondern lief weiter, bis er sein Ziel erreichte. Er riß mit aller Gewalt die Türe auf. Zunächst sah er nichts, denn die Augen versagten vor Aufregung. Dann erblickte er etwas sich Bewegendes, Befiedertes und als er gut hinsah, da war es ein richtiger, leibhaftiger, wirklicher Indian .... Nun schien die Familie erst den richtigen Inhalt ihres Lebens erhalten zu haben. In ihrer Mitte stand jetzt ein neues Lebewesen und diesem war alle ihre Sorgfalt gewidmet. Alles drehte sich um den Indian. Jeder erblickte in ihm etwas Neues, Merkwürdiges, noch nie Gesehenes. Und was die Hauptsache war, man konnte sich von den Leuten beneiden lassen. Dem Indian aber ging es famos. Kaum blickte die Morgenröte durch die niedrigen Scheiben, da stand Jossl schon bei seinem Liebling und fütterte ihn mit Kukuruz; außerdem gab er ihm die Hälfte seines Frühstücks. Frau Sarah erfand für ihn täglich neue Leckerbissen. Schmul aber sorgte für seine Kurzweile, indem er ihm unbrauchbare Fäden und Stoffabfälle zuwarf, mit denen sich der Indian die Zeit vertrieb. Mit den Hausleuten lebte er in größter Zufriedenheit. Er war der Fünfte beim Mittagtisch, räsonnierte nie über das schlechte Essen, pickte die Speisen aus der Hand und war mit einem jeden gut. Er war im allgemeinen ein stiller Beobachter, der seine Meinung über alles zu haben schien, ohne, als ein echter Philosoph, die Notwendigkeit einzusehen, sie einem anderen mitteilen zu müssen. Seinem Freunde Jossl war er besonders anhänglich. Von diesem lernte er so manches Kunststück, das er mit großer Eleganz ausführte. Und so kam es, daß Schmul eines Tages alle Chederkollegen Jossls in seiner Stube versammelt fand. Jossl hatte ihnen nämlich schon lange von einem Indian fabuliert, der so groß wäre wie ein Kalb und die schönsten Kunststückchen auszuführen verstände. Er würde sich sehr gerne mit diesem Indian, den sein Vater auf fabelhaftem Wege erworben, produzieren, wenn die Freunde ein kleines Eintrittsgeld zusammenbrächten. Und als das Sümmchen zusammen war, ließ Jossl seine schaulustigen Freunde dieses großen Genusses teilhaftig werden. Inzwischen näherten sich die Feiertage immer mehr. Man begann zuerst selten und schüchtern, später jedoch immer häufiger und dreister vom Tode des Indians zu sprechen. Jossl, der gehört hatte, daß der „Kropf“ vom Indian die größte Delikatesse sei, bedang sich denselben bei der Mutter aus. Da aber auch der ältere Sohn von diesem Teile haben wollte und der eine sich durch den anderen bedroht sah, kam es zwischen beiden zu Tätlichkeiten, denen in der Regel durch das Dazwilschentreten des Vaters ein Ende bereitet wurde. Auch Frau Sarah hatte bereits ihren fertigen Plan. Es stand schon bei ihr unerschütterlich fest, wie der Indian zubereitet werden sollte, um für alle acht Tage ausgenützt werden zu können. In ihrem Geiste zerlegte sie ihn schon unzähligemale in seine einzelnen anatomischen Teile. Jeder Knochen hatte für sie eine Bedeutung. Nichts sollte verloren gehen, und sie ergötzte sich in Gedanken an dem königlichen Male.... Und als es endlich Erew Peßach wurde, nahmen sie alle wehmütigen Herzens Abschied von ihrem Liebling. Man wollte ihn niemandem anvertrauen, Frau Sarah selbst unter der schützenden Begleitung Jossls sollte den Indian ins Schlachthaus tragen. Im letzten Momente aber sagte Jossl ab, da er von seinen Freunden ein geladen wurde, der Verbrennung des in der Straße gesammelten Chamez vorzustehen. Sein älterer Bruder mußte ihn vertreten. Und es trugen Mutter und Sohn abwechselnd den Indian, dessen Gewicht sich beträchtlich vergrößert hatte, seinem Ende entgegen. Sie taten es beide nicht leichten Herzens. Und nachmittags lag er bereits entseelt auf seinem Lager in der Zimmerecke, mit ausgestreckten Füßen. Jossl trat einen Schritt zurück, als er ihn erblickte, es tat ihm im Herzen weh, seinen Freund so regungslos liegen zu sehen. Es war der erste Tote, den er in seinem Leben sah. Er trat deshalb leise auf die Sohlen, ohne eigentlich zu wissen, warum. Und als Schmul nach Hause kam, begann die Zerlegung. Er sagte es nämlich ausdrücklich, daß er dabei sein wolle. Sarah öffnete kunstgerecht den großen Leib, nahm das Eingeweide heraus, und beide staunten über die schönen und fetten Organe. Da ergriff plötzlich Schmul mit einer raschen Bewegung den Arm seiner Frau und zeigte mit der anderen Hand auf ein winziges Weizenkörnchen, daß sich auf einem Darm befand. Beide erblaßten. „Laufe zum ,I)ajen‘ (Rechtsgelehrten)“, sagte er mit lautloser Stimme. Und sie lief. Atemlos, keuchend, mit geröteten Wangen und zerzausten Haaren. Es schwindelte ihr, als sie die Gassen und Gäßchen durchkreuzte, fast versagten ihr die Füße, aber sie achtete auf nichts und lief. Endlich, endlich stand sie vor dem greisen Dajen. „Rabbi“, sagte sie mit vor Erregung kaum verständlicher Stimme, „sehet nur, ich habe in meinem Indian ein Weizenkörnchen gefunden.“ Der Dajem nahm den Indian, betrachtete genau die Stelle, auf der das Weizenkörnchen lag und schüttelte stumm das Haupt. „Wer seid Ihr?“

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