Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 15 (14.4.1922)
- Date
- 1922-04-14
- Page
- Seite 196 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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196 Das Jüdische Echo Nr. 15 „Vater,“ fragte Jossl nämlich, „hast du schon einmal Indian gegessen?“ „Wie kommst du nur auf diese Idee?“ antwortete Schmul mit einer Frage. „Ich habs noch nie gegessen,“ sagte Jossl. „Aber gesehen habe ich schon das Fleisch einige Male. Erst vorgestern auf dem Tische bei Rosenstocks. Ich sage dir, Vater, das Fleisch ist so weiß wie Marmor und die Haut ist so bräunlich, so mürbe — es muß doch wunderbar schmekken....!“ „Natürlich schmeckt Indian sehr gut,“ sagte der Vater gewichtig und selbstbewußt, wie ein erfahrener Mann. „Ich habe in meinem Leben nicht einmal davon gegessen. Namentlich an Feiertagen — — „Vaterl, ^vie hat’s geschmeckt?“ unterbrach ihn stürmisch der Kleine. „W i e es geschmeckt hat, kann ich dir freilich nicht mehr sagen, da es schon ziemlich lange her ist? aber allenfalls war es sehr gut.“ > „Ist es wahr, Vater,“ fragte der ältere Sohn in gesetzterem Tone, „daß diese Vögel aus Indien stammen?“ „Gewiß. Daher auch der Name. Vor vielen hundert Jahren brachte man wahrscheinlich Indianeier aus jener Gegend zu uns und hier wurden sie ausgebrütet.“ „Und wer hat sie ausgebrütet, Vaterl?“ fragte der alleweil neugierige Jossl, während der Ältere sich mit der Antwort zufrieden gab. „No, eine Indianin.“ „Hat man doch dann die Vögel auch mitbringen müssen?“ forschte der Kleine weiter. „Selbstverständlich,“ sagte Schmul mit Bedeutung. „Wozu haben dann die Eier getaugt, wenn man die Vögel selbst mitbrachte?“ fragte Jossl unermüdlich weiter. Schmul stutzte einen Moment und sagte: „Das verstehst du nicht.“ „Vaterl, kaut uns einen Indian auf Peßach!“ bat Jossl mit hocherhobenen Händen. „Ja, mein Kind, das geht nicht, nur ein reicher Mann kann sich einen Indian anschaffen. Wir sind aber keine reichen Leute.“ „Glaube mir, Schmul,“ sagte Frau Sarah, die bis jetzt stillschweigend dagesessen, dem Gespräche jedoch mit großer Aufmerksamkeit gefolgt war, „glaube mir, daß die reichen Leute dabei viel billiger herauskommen, als wir. So ein Indian kostet zwar einige Gulden, dafür aber genügt er für einige Mahlzeiten und das Fett kannst du dann wochenlang benützen. Und da hast du etwas Gutes für dein Geld.“ „Du magst ja recht haben,“ meinte der Vater. „Du, Schmul,“ sagte Frau Sarah nach einer kurzen Pause, indem sie ihren Gemahl leicht anstieß, „wie wäre es, wenn wir uns wirklich einen Indian für Peßach anschaffen? Erstens zu Ehren der Feiertage und zweitens würden die Kinder eine große Freude haben. Und dann sollen die Leute sehen, daß wir auch etwas Gutes haben dürfen. Wir können uns einen mageren, leichten Indian kaufen, der nicht viel kostet wir würden ihn durch die vier Wochen mästen und bis Peßach ist er zu einem Riesen angewachsen ....“ „Ja, ja, Vater, kauf uns einen Indian!“ schrien die beiden Söhne. „Vier Wochen einen Indian zu mästen, ist aber keine Kleinigkeit,“ wendete Schmul ein, „und wo wirst du ihn halten?“ „No, das macht mir doch keine Sorge!“ rief Frau Sarah besänftigend aus. „Bei den paar i Sechserln, die wir täglich für uns brauchen, wird es doch nichts ausmachen, wenn wir drei bis vier Kreuzer für den Indian ausgeben. Wo vier essen, kann noch immer ein Fünfter satt werden. Und warum sollte er sich da bei uns im Zimmer nicht aufhalten können?“ „Nu, und hast du welche Ersparnisse?“ forschte der Gatte halblaut. „Zwei Gulden habe ich wohl, aber damit kann man noch keinen Indian kaufen.“ „Mutter,“ sagte der ältere Sohn, „ich habe mir einen Gulden erspart und den gebe ich her, wenn du uns einen Indian kaufst.“ „Und ich steuere dir auch was bei,“ rief sie Jossl an. Sprach’s und holte aus der Tiefe eines Rumpelkastens, der sich in einer Ecke der Stube befand, ein altes Z’daakel (Arba-Kanfoth), das er seiner Mangelhaftigkeit wegen nicht mehr trug, löste den hinemgemachten Knoten, der mit einem Schaufaden umschlungen war und befreite so fünfundzwanzig Heller aus ihrem Gefängnis. Mit einer stolzen aufgeregten Gebärde legte er das Kupfer nicht ohne Geklirr auf den Tisch. Alle hielten sich die Seiten vor Lachen. „Woher hast du das Geld?“ fragte der Vater. „Das sammle ich schon seit einem Jahre. Ich habe es bei meinen Geschäften im Cheder verdient.“ . „Nu, Sarah, ich gebe dir auch einen Gulden, jetzt hast du des Geldes übergenug. Kauf einen Indian!“ Eine helle Freude brach bei den beiden Söhnen aus. Jossl flog vom Vater zur Mutter, umarmte und küßte sie und schlug auf den Fußboden einen mächtigen Purzelbaum, was er doch1 nie in Gegenwart seines Vaters zu tun pflegte. Auch der Alte hatten eine ungewöhnliche Freude, der er freilich nach seiner Art keinen Ausdruck verlieh. Sarah aber strich das auf dem Tische zusammengelegte Geld ein und war nicht wenig stolz darauf, daß sie auf den Markt gehen werde, um einen Indian zu kaufen. Da es inzwischen spät wurde, beschleunigten sie die Gebete und begaben sich zur Ruhe. Und sie hatten alle ihre Träume, von Schmul bis Jossl. Und im Mittelpunkte ihrer Träume stand ein großer, mächtiger, radschlagender Indian.... * Am nächsten Markttage in Gottes Frühe befand sich Sarah bereits auf dem Markte. Sie feilschte und handelte bei einer Unzahl von Bäuerinnen, bis sie sich endlich entschloß und um drei Gulden einen Indian käuflich erwarb. Obwohl die Last ziemlich schwer war, trug sie sie doch mit Wonne. Sie sah sich nach allen Seiten um, ob sie wenigstens gesehen werde. Leider begegnete ihr keine einzige Person in dieser frühen Morgenstunde. Als Sarah in die Stube trat, saß Schmul an der Maschine und nähte. Er wußte wohl, wer jetzt eintrat doch hob er nicht den Kopf und sah sich nicht um, um so gewissermaßen die Freude der Erwartung nicht abzukürzen. Erst als Sarah hart an der Maschine stand, erhob er sich vom Sessel. Sie übergab ihm mit einem stolzen Lächeln den Indian. Schmul hob und. senkte ihn bedächtig um das Gewicht zu erraten. Dann blies er ihm in die Federn, um sich vom Zustande seines Fleisches zu überzeugen, griff ihm Ln den Kropf und sprach: „Ein prächtiger Kerl!“ Hierauf wurde der Indian, nachdem er seiner Fesseln entledigt worden, auf die Diele gestellt. Er reckte sich, schüttelte den Straßenstaub von