Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 14 (7.4.1922)
- Date
- 1922-04-07
- Page
- Seite 180 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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180 Das Jüdische Echo Nr. 14 Es wäre falsch, diese Verhältnisse ohne weiteres auf Länder mit anders gearteter Struktur übertragen zu wollen, aber gewisse Grundsätze, wie wir sie hervorgehoben haben, könnten überall sinngemäß zur Durchführung gelangen. Ziemlich zu gleicher Zeit trat in Palästina die Assefath lianiwrachim (Delegiertenversammlung) zu ihrer zweiten Session zusammen. Etwa vor Jahresfrist fanden die Wahlen zu diesem ersten jüdischen Parlament auf jüdischem Boden statt. Der Wahlkampf wurde mit leidenschaftlicher Schärfe geführt und obendrein erreichte die Parteienbildung ein beinahe unerträgliches Maß: da gab es Achduth Haawoda, Hapoel Hazair, Bauernpartei, Bürgerpartei, Fortschrittspartei, Parteilose, Sefardim, Misrachi usw.; die Zahl der Gruppen und Grüppchen muß mit zwei Ziffern angeschrieben werden. Diese unmögliche Zerspaltung des palästinensischen Judentums bewies, daß es damals über politische Erfordernisse noch nicht die rechte Klarheit gewonnen hatte, umso vorteilhafter war es für eine innere Gesundung, daß eine solche Gesamtvertretung des Jischuw mit der Assefath Haniwrachim zustande kam. Die später einsetzenden Unruhen schmiedeten das Band des palästinensischen Judentums hart: in der Abwehr der arabischen Überfälle brachte der Jischuw in treuer Geschlossenheit Opfer an Gut und Blut. Der gemeinsame Schmerz, das gemeinsam haftende Erlebnis, die gemeinsam vollbrachte Tat wurden zu Klammern, zwischen denen sich die jüdische Wehr zusammenschloß. Die zweite Session der Assefath Haniwrachim wies natürlich die alten Parteigebilde auf, aber in Aktion traten nur größere Gesichtspunkte der' Gliederung, die ja stets vorhanden sein muß. Es gab dort eine sozialistische Linke, eine demokratisch bürgerliche Mitte (der sich auch die Kolonisten anschlossen) und eine orthodoxe Rechte. Die letztere absentierte allerdings und zwar diesmal in ihrer Gesamtheit, während bei der ersten Session der Misrachi und ihm näherstehende Gruppen teilgenommen hatten. Als Grund dieses Selbstausschllusses figurierte vor allem das für die Assefath Haniwrachim geltende Wahlrecht, das auch auf die Frauen ausgedehnt worden war. Der Misrachi berief sich darauf, daß die heutige Zusammensetzung des Assefath Haniwrachim nicht die wahre Meinung der palästinensischen Bevölkerung widerspiegele; denn infolge der Antizipierung des Frauenwahlrechts, worüber erst in der Session hätte gesetzmäßig beschlossen werden sollen, enthielten sich weite Schichten des /Ve uhaus ersfr. 75, gegenüber der alten Jlkcdemie 'eine Jischuw der Ausübung ihres Wahlrechts. Die Angelegenheit, die in der Presse und auch innerhalb der Tagung zu erregten Kämpfen führte, wurde schließlich dem Waad Leumi zur Beratung übergeben; auf beiden Seiten herrscht der entschiedene Wille, zu einem Ausgleich zu kommen. Dieser hätte jedoch schon vorher gefunden werden müssen. Durch die Erörterung über diese Frage wurde der Schwerpunkt des Interesses an eine falsche Stelle gerückt. Was aber noch viel bedenklicher erscheinen muß, ist die Tatsache, daß von arabischer Seite diese Uneinigkeit der Orthodoxen und Zionisten politisch ausgebeutet wird. (Dies geht aus einer Reutermeldung hervor, nachzulesen „Israelit“ Nr. 12, der damit wieder einmal in das gleiche Horn stößt, wie jene Leute.) Abgesehen von dieser Episode bedeutet die Tagung einen wesentlichen Fortschritt in Bezug auf die Organisationsbestrebungen des palästinensischen Judentums. Es wurde ein Gemeindestatut aufgestellt, das Verhältnis zur zionistischen Organisation und zum Waad Leumi geklärt und sehr gründlich über die Frage gemeinsamer Steuern beraten. Hier lagen zwei Entwürfe vor, der erste von Dr. Ruppin und der andere von Dr. Berlin. Der Unterschied zwischen den beiden Plänen läuft auf die Frage hinaus, ob dem Nationalrat eine den Gemeinden übergeordnete Steuerhoheit zukommen soll. Während Dr. Ruppins Plan dahin geht, die Gesamtsteuern durch den Nationalrat (ungefähr im Sinne der Erzbergerschen Steuerreform in Deutschland) einziehen zu lassen und durch dieselbe Behörde den einzelnen Kommunen ihren Bedürfnissen entsprechende Zuschüsse zuzuteilen, hält Dr. Berlin dies nicht den Bedingungen des Landes entsprechend. Nach seinem Vorschlag soll den einzelnen Gemeinden selbständiges Steuerrecht zustehen und dem Nationalrat nur das Recht eingeräumt werden, prozentuale Zuschläge für seine Zwecke anzufordern. Wer die genauen Berichte durchliest, wird entdecken, daß auf diesem Gebiet bis ins einzelnste gearbeitet wurde. Die Assefath Haniwrachim gehört sicher zu den wichtigsten Instrumenten, die zu einer Erstarkung des Jischuw hir.führen können und gerade dessen Entwicklung gehört naturgemäß zu den beachtenswertesten Stufen auf dem Anstieg zur jüdischen Einheit. 111. Je mehr der Instinkt der jüdischen Massen die Notwendigkeit der jüdischen Einheit erkannte, desto mehr verlor die Ideologie der Trennungsorthodoxie an Boden. Dieser Vorgang beschleunigt sich noch dadurch, daß Vertreter der Agudas Isroel in so unverantwortlicher Weise gegen die ureigensten Interessen des jüdischen Volkes gearbeitet haben. Die jüdische Öffentlichkeit mußte gerade in letzter Zeit sich mit besonderer Schärfe gegen die Denunziationen eines De Haan, Getz und anderer Vertreter dieser Organisation wenden und tatsächlich scheint das Ansehen der Agudas Isroel wegen dieser Vorgänge einen schweren Stoß auch in ihren eigenen Reihen erlitten zu haben. Bereits haben namhafte Führer der Agudas Isroel vor der Öffentlichkeit ihre schärfste Mißbilligung dieser an Verrat grenzenden Politik bezeugt; z. B. vertrat der Gemeinderabbiner in Breslau Dr. Moses Hofmann in einer zionistischen Versammlung den Standpunkt, daß nach seiner Auffassung Agudas Isroel sich nur mit religiösen Fragen aktiv befassen solle- In Palästina müsse den Zionisten die politische Führung überlassen werden; mit ihnen zu verhandeln sei sicher mit gleichem