Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 14 (7.4.1922)
- Date
- 1922-04-07
- Page
- Seite 179 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 14_ 7. Äpril 1922 9. Jahrgang Stufen zur jüdischen Einheit i. Max I3rod, der in seinem Bekenntnisbuche Heidentum, Christentum, Judentum“ eine Reihe von Durchschnittsansichten zerstört, wie sie dem „allgemein Gebildeten“ über jüdische Tendenzen in Bezug auf Fragen des Menschentums geläufig geworden sind, behandelt dabei in ausführlicher Vertiefung das Gegensatzpaar Individualität — Gemeinschaftsbildung. Er sucht dabei den Nachweis zu erbringen, daß innerhalb der jüdischen Lehre gewisse Grundstimmungen vorhanden sind, welche mehr als jede andere Lebensansicht das Recht der Einzelseele auf eigene Entfaltung und Auswirkung betonen. Daß solche Theorien durchaus organisch in das Gebäude der jüdischen Lehre einzubeziehen sind, bedarf der Bestätigung durch umfangreiches Belegmaterial, denn diesen individualistischen Anschauungen stehen vielfach in gleicher Bewertung Formeln gegenüber, die durchaus auf Bindung irgendwelcher gesellschaftlicher Art abzielen. Keines Beweises hingegen bedarf es, für die offensichtliche Tatsache, daß in der Wirklichkeit des jüdischen Volkes auf religiösen, politischen und sonstwie gearteten Gebieten charakteristische Erscheinungen hervortreten, die sich letzten Endes auf einen in Wahrheit höchst unglücklichen Hang zur Vereinzelung, zur Absonderung und unnötiger Differenzierung zurückführen lassen. Daß es etwa fast keine noch so kleine jüdische Landgemeinde gibt, in der nicht die untergeordnetste Angelegenheit mindestens zwei Lager sich heftig befehdender Familiengruppen bilden läßt, gehört schon zu den mehr gröberen Endergebnissen des Übels. Aber auch dort, wo es gilt, in jüdischen Gesamtheitsfragem zu einer fest geschlossenen lebendigen Einheit zu gelangen, wirken diese volkszerstörenden Kräfte, die sich ohne großen Aufwand als typische Produkte unseres Galuthschioksals ableiten lassen, in vielfacher Hinsicht fühlbar machten. Als die zionistische Idee auftrat und eine Organisation geschaffen wurde, die beanspruchte, unter dem Palästinagedanken das zerrissene jüdische Volk zu sammeln, waren es in den Jahren vor dem Krieg nur die Weitsichtigsten, die erkannten, daß hier wirklich die fruchtbarsten Fähigkeiten des Judentums zu einer einzigen mächtigen Stoßihne zusammengeleitet werden könnten. Politiker der Minute mußten glauben, daß das Gegenteil eingetreten sei. Nach ihnen war eben wieder eine neue Partei gebildet worden. Uns allen stehen jene stürmischen Kämpfe noch in lebhafter Erinnerung, die an allen Enden der jüdischen Welt um die zionistische Frage ausgetragen wurden, aber es gibt Unterschiede zwischen Zersetzung und Gärung. Es ist kein Zufall, daß das deutsche Judentum sich in dem Augenblick auf seine Gemeinsamkeiten und seine Verpflichtungen gegenüber dem übrigen Judentum besann, als es sich dafür entschied, die Arbeit für den Keren Hajessod als seine wesentliche Sache in Angriff nehmen zu wollen. Zweifellos bildet der Zionismus den treibenden Faktor zu jener Bewegung, die darauf ausgeht, an Stelle der vielen schädlichen Zersplitterungen im jüdischen Lager eine mehr straffere Konzentration herbeizuführen. Diese Zusammenfassung der in ihrer Ungebundenheit richtungslosen Einzelkräfte bildet die erste Bedingung dafür, daß der Wille zu einer aktiven Politik sich auf Erfüllung verheißender Tatsachen stützen kann. Interessant ist es nun zu beobachten, in welcher Weise dieser eine Grundgedanke des Palästinazentrums seine Kreise zieht und das zu halten beginnt, was er versprach: einen durchgreifenden Zusammenschluß des jüdischen Volkes zu Leistungen, das nimmermehr durch vertragliches, paragraphiertes Zusammengehen zustande kommt, sondern die nur dann aus starken Wurzeln wächst, wenn sie der fruchtbare Strom einer tragenden Idee bespült. II. Unter diesem Gesichtspunkt gewinnen verschiedene Vorgänge der letzten Zeit besondere Bedeutung, da sich an ihnen das Fortschreiten der jüdischen Konzentrationsbewegung sehr eindringlich zeigt. In Litauen wurde soeben die zweite Vertretertagung der jüdischen Gemeinden geschlossen, deren Verhandlungen recht interessante Momente aufweisen. Die jüdische Bevölkerung dieses Landes nahm von jeher eine Ausnahmestellung ein. Noch unter russischer Herrschaft genoß sie besondere Vorteile gegenüber anderen Bezirken jüdischer Massensiedlung und — vielleicht wegen dieser ihrer größeren Bewegungsfreiheit — gingen aus ihr eine Anzahl der führenden Persönlichkeiten des jüdischen Ostens hervor, abgesehen davon, daß der Typ des litauischen Juden als besonders hoch entwickelt und selbständig galt. Im Wirrwarr der Geschehnisse hat sich das litauische Judentum trotz verschiedener Bevölkerungsabstriche seine Stellung als Brennpunkt des jüdischen Lebens bewahrt und dort ist die Forderung der jüdischen Autonomie nach langem Kämpfen zur Wirklichkeit geworden. Die zweite Tagung der dortigen Gemeinden stand vor der Aufgabe, jüdischerseits die Grundlagen für diese nationale Selbstverwaltung, die verfassungsmäßig garantiert ist, zu legen und für die Zukunft sicherzustellen. Das Entscheidende an der Tagung war doch ihre Zusammensetzung; an ihr nahmen Angehörige sämtlicher jüdischen Richtungen teil: Sozialisten, Demokraten, Orthodoxe, Zionisten, kurz alle diejenigen, die sich, jeder seiner Anschauung gemäß, der jüdischen Sache gegenüber verantwortlich fühlten. Wohl gab es in wesentlichen Punkten tiefgehende Meinungsverschiedenheiten, z. B. führte die Frage der Unterrichtssprache zu lebhaften Auseinandersetzungen zwk sehen Jiddischisten und Hebraisten, aber diese Diskussionen fanden in einer zur Gesetzgebung berechtigten Körperschaft statt, die aus den vorgebrachten Ansichten die Konsequenzen ziehen konnte; dadurch, daß hier die Strömungen in ihrer Intensität am ungetrübtesten zur Geltung kamen, entsprachen die Beschlüsse den Notwendigkeiten des jüdischen Lebens. Die Tagung nahm auch die Gelegenheit wahr, sich in gründlicher Kritik mit der Tätigkeit der Sejmfraktion und der des litauischen Ministers für jüdische Angelegenheiten, Dr. Soloweitschik, zu befassen, und auch hier klare Richtlinien aufzustellen. Es wurde auf diese Weise der Kontakt zwischen äußerer und innerer Politik geschlossen und das Gleichgewicht geschaffen, das zwischen Forderungen nach außen und innerer Initiative bestehen muß.