Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 12 (24.3.1922)
- Date
- 1922-03-24
- Page
- Seite 157 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Das Jüdische Echo 157 Mittel dieser Zusammenarbeit, ohne damit irgendwie Klassengegensätze zu schaffen. Das ist ein sehr großes nationales Verdienst, das man nicht hoch genug einschätzen kann. Auf der anderen Seite darf man freilich nicht die ungeheuren Schwierigkeiten eines solchen Zusammenarbeiten übersehen. Auf die wirtschaftliche Seite dieser Frage hier einzugehen ist nicht unsere Aufgabe, da uns hier ja lediglich die menschlichkulturellen Beziehungen beschäftigen sollen. Es würde hier zu weit führen, auf alle Probleme menschlichen Zusammenlebens, wie „sie sich uns ln dem palästinensischen Ausschnitt zeigen, erschöpfend einzugehen. Deshalb sei nur deutlich auf das hingewiesen, was sich vor aller Augen klar und festgeformt bereits in Palästina herauskristalisiert hat. Will man sich eines Schlagwortes bedienen, so könnte man sagen, daß die Kwuzah auf kommunistischer Grundlage aufgebaut ist. Man mißverstehe aber nicht, was das bedeutet. Es handelt sich hieT um eine Sache, die wirklich ist, die nicht das Ergebnis einer Theorie und der Aufbau nach der Zerstörung ist wie in Europa; es ist kein Wiederaufbau, sondern ein Neubau, der nur aus der Seele des jüdischen Palästinafahrers heraus zu verstehen und zu erfassen ist. Diese jungen jüdischen Menschen, die nach Palästina gingen, waren voll Sehnsucht nach einem neuen Leben der Wahrhaftigkeit und der reinen nationalen Erfüllung. Sie wollten ihr innerliches Ghetto überwinden und gelangten so zu einem neuen freien Typ des Juden. Ich denke an den jüngst verstorbenen A. D. Gordon, der ursprünglich Beamter war und i'n Palästina Landarbeiter wurde, ich denke an E. Joffe u. a. Sie sahen deutlich, daß ein Volk, das, nach Pinskers Forderung, aus der Herde zur Nation reifen soll, vor allen Dingen an sich selbst arbeiten, das Mißtrauen zwischen seinen Einzelnen beseitigen, neue verbindende Beziehungen zwischen ihnen schaffen muß, und so kamen sie — gewiß1 daneben auch aus wirtschaftlichen Erwägungen — zum genossenschaftlichen Zusammenleben. Sie leben gemeinsam, führen gemeinsame Wirtschaft, haben gemeinsame Kasse, gemeinsame Küche usw. usw. Aber dies enge Zusammenleben brachte doch eine Reihe komplizierter Probleme und Fragen mit sich, die noch heut ihrer Lösung harren. Da ist zunächst einmal die Frage der persönlichen, menschlichen Entwicklung. Es zeigte sich nämlich sehr schnell, daß man nicht so ohne weiteres Zusammenleben kann, daß hier noch Imponderabilien vor allem des Taktes und der Distanz geschaffen werden müssen, die für eine harmonische Gemeinsamkeit unerläßlich sind. Man darf doch nicht vergessen, daß diese Kwuzoth sich oft zu hundert Prozent aus Ostjuden zusammensetzen, die sich sehr schnell begeistern und dann in ihrer Begeisterung und Anhänglichkeit sehr bald die natürlich gebotenen Grenzen der Distanz zu überschreiten beginnen. Das führt dann zu Unerträglichkeiten, zu Störungen, die leicht vorstellbar sind. — Daneben erfahren natürlich auch die Fragen der Ehe und des F a - m i 1 i e n 1 e b e n, s eine weitgehende Komplizierung. Abgesehen davon, daß die Eheschließung in einer Kwuzah aus materiellen Gründen oft auf sehr große Schwierigkeiten stößt, ergeben sich durch das Gemeinschaftsleben bedingte Hindernisse, die man nicht unterschätzen soll. Man stelle \lch einmal vor: gemeinsame Küche, gemeinsame Wirtschaft, sämtliche Mitglieder, alle „Chawerim“ und „Chawerotih“ bilden eine große Familie. Jetzt soll innerhalb dieser Familie eine Einzelfamilie gegründet werden.. Gemeinsames Leben mit den Genossen und liebevolles Miteinanderleben des jungen Paares sind Dinge, die sich schwer kombinieren lassen. — Noch verwickelter gestaltet sich alles, wenn Kinder hinzukommen. Es treten Fragen der Erziehung im Rahmen einer Genossenschaft usw. hinzu. Durch all dies erfährt das Familienleben natürlich eine tiefgehende Umgestaltung. Demgegenüber stehen aus nationalen und wirtschaftlichen Gründen die Vorteile, infolgedessen die Notwendigkeit genossenschaftlichen Lebens. Eine Lösung dieses Fragenkomplexes ist bis dato noch nicht gefunden. Von zwei Seiten geht man an dieselbe heran. In Daganiah hat sich eine Form der Kwuzah entwickelt, die zu beobachten äußerst interessant ist, und von der ich das Glück hatte, eingehende Schilderungen von seiten Mitbeteiligter zu hören. Ich will hier lediglich ganz kurz aufzählen, wie man dort vorgegangen ist. Die Kinder werden von einer Kindergärtnerin und einer Mutter während des Tages beaufsichtigt und geleitet. Die Kindergärtnerin ist Mitglied der Kwuzah und ausschließlich für diese Zwecke eingestellt worden. Jeden Tag hat eine andere Mutter „Dienst“. Ein Teil der Frauen und Mädchen versieht abwechselnd den Küchendienst, ein anderer wiederum beschäftigt sich abwechselnd mit der Krankenpflege; der Rest wiederum arbeitet draußen in der Landwirtschaft. Die Kwuzah hat ferner ihre eigenen Lehrer usw. usw. Der zweite Lösungsversuch kommt zur Aufhebung der Kwuzah, der Arbeitergenossenschaft und zur Bildung des Moschaw Owdim, der Arbeitersiedlung. Hier wird das Familienleben in unserem gewohnten Sinne gewahrt. Es erfolgt gemeinsame Bewirtschaftung der Ländereien auf kooperativer Grundlage. Dabei hat jede Familie ihr Gemüsebeet für den eigenen Bedarf, wie dies auch teilweise in Daganiah geschieht. Für die an/3u mn-J/cden u./afzftejf/a/yjc/t/ieidetei^ d75erufiarfrarse ■TV, i