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Das jüdische Echo · 1922-03-17 · 11 (17.3.1922) · p. Seite 144

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
11 (17.3.1922)
Date
1922-03-17
Page
Seite 144 (sequence 4)
Language
German
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144 Das Jüdische Echo Nr. 1! der einheimischen Bevölkerung, selbst ihr politisches Schicksal wenigstens mitbestimmen zu dürfen, werden blutig unterdrückt Der Hererokrieg sei als Beispiel heran gezogen. 3. In kultureller Beziehung, a) Bildung und Unterricht. Es werden deutsche Schulen eingerichtet, die zunächst Herrenmotiven ihren Ursprung verdanken. Man muß sich doch wenigstens eine Basis der Verständigungsmögliohkeitt mit den „Eingeborenen“ schaffen. Es soll ferner in ihnen der deutsche Gedanke, die Verbundenheit mit der „Heimat“ gepflegt werden. — Typisch hierfür ist das entsprechende französische Kolonisationswesen. In den französischen Kolonialschulen wissen die „farbigen“ Kinder ganz genau, wieviel Departements Frankreich hat und welches ihre Namen sind. Von der Einteilung ihres eigenen Landes haben sie freilich herzlich wenig Ahnung. Hierüber wird1 noch an anderer Stelle zu sprechen sein. — b) Religion. Hand in Hand damit geht ein weit ausgreifendes Missionswesen. Wie naiv man dabei vorgeht, zeigte sehr schön einmal Fritz Mauthner. Man missioniert also folgendermaßen: Zunächst wird eine „Station“ eingerichtet. Dann wird die Bibel in unserem Fall ins Togoische übersetzt und nun kann das Werk beginnen. Man übersieht freilich, daß es im Grunde genommen enorm gleichgültig ist, ob diese „Niggerboys“ die Bibel auf togoisch, honolulisch oder deutsch lesen. Daß der Stoff, die Denkart, die Vorstellung, das Fühlen der Heiligen Schrift ihnen immer fremd bleibt und bleiben muß, und daß das Leben Jesu, ob es in einem Niggerdialekt oder deutsch erzählt wird, auf die Missionskandidaten daher keine erzieherische Wirkung ausüben wird. —■ c) Stil: Auch hier wird oktroyiert — im Stil des Lebens und in dem der Architektur. Man steckt den Askari einfach in europäische Hosen, gibt ihm einen deutschen Rock und eine deutsche Mütze, unbekümmert darum, ob ihm das wirklich entspricht und irgendwie entwicklungsgeschichtlich richtig ist. Genau so verhält es sich im Hausbau und überall sonst. Diese paar Beispiele werden den Unterschied zwischen üblich europäischer und jüdischer Kolonisation klar gemacht haben. Zunächst eines: Das jüdische Konzentrationszentrum soll Palästina werden. Die Ab- resp. Einwanderung nach Erez Israel erfolgt also in der Absicht, Palästina zum Mittelpunkt jüdischen Lebens zu machen, nicht in der, es in den Kreis jüdischen Auswirkens nur hineinzubeziehen. Der Jude will Palästina als sein Land aufbauen, neuschaffen. Das erklärt die Bemühungen um eine großartige Berufsumschichtung etwa nach der Landwirtschaft hin; denn Landwirtschaft bildet die Grundlage eines neu aufzubauenden Landes. Hier nun stoßen wir auf das erste eigentlich jüdische Kulturproblem der jüdischen Siedlung. Gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts gingen eine Anzahl russischer und rumänischer Studenten und Studentinnen, die sich nach einem Bibelspruch Bilu (Beth Jaakow lechu wenelcha) nannten, nach Palästina und gründeten dort die ersten Kolonien: Rischon le Zion und andere. Diese Leute, die zum größten Teile von Landwirtschaft nichts verstanden, erwählten sich einen ihnen in jeder Hinsicht neuen Beruf, den sie unter den schwersten und härtesten Bedingungen ausüben mußten. Es fehlte ihnen an allem und besonders an Geld. Sie konnten sich keine Pflüge, Spaten oder Hacken kaufen und gruben infolgedessen den Boden vielfach mit ihren eigenen Händen um. So war die erste Kolonistengeneration. Das Natürliche und für unsere Begriffe Selbstverständliche wäre gewesen, daß ihre Kinder und Nachkommen, die im Lande geboren, in der Landwirtschaft aufgewachsen waren und die die erste eigentlich einheimische Kolonistengeneration bildeten, sich nun auch der Landwirtschaft zuwendeten. Was geschah aber? In den meisten Fällen trat das Gegenteil ein: die Kinder besuchten das Jaffaer Gymnasium (das dadurch eine schwere nationale Gefahr wurde), oder bildeten sich privat zur Universitätsreife heran und gingen ins Ausland, nach Paris, Berlin oder auf Schweizer Universitäten. Wie erklärt sich ein so trauriges Ergebnis? Jene Biluim waren „Idealiskes“, wie man sie in Palästina nennt. Sie hatten ihre Berufsumschichtung aus rein idealen Motiven vorgenommen, ihren eigentlichen Beruf (von berufen sein) der Idee geopfert. Wir sehen, zu welchen Folgen ein so plötzlicher Übergang führt. Sie hatten vergessen» daß man, um wirklich Aufbauarbeit leisten zu können, seelische Beziehungen zum ausgeübten Beruf schaffen muß, daß Idealiismus-Opfer zum Fiasko führen muß, wenn nur eine ideelle, nicht aber auch eine reelle Verbundenheit besteht. Man hatte erkannt, daß Landwirtschaft notwendig sei* also widmete man sich ihr. Beziehungen zur Natur, zur Arbeit aber hatte man nicht; daher mußten es die Kinder „besser“ haben. Der Idealismus war verflogen, die Wirklichkeit liebeleer*, beziehungslos zum Sein; man rettete sich — und hierbei spielen auch noch typisch jüdische Individualitätsgründe mit — in einen ,vhöheren“ Beruf. — Will man wirklich Aufbauarbeit leisten, so darf dies kulturelle Problem der Landwirtschaft nicht übersehen werden. Wie die Lösung zu erfolgen hat, hierüber in dem Artikel über Erziehung. Wir führen unsere Untersuchungen fort. Da der Jude sich eine Heimat in Erez Israel schaffen will, wird er es zu einer innerlichen Verknüpfung mit dem Land in seiner realen Gegebenheit bringen müssen. Er wird sich in das Leben hineinzustellen haben und jeder Versuch, von oben her, wie die Deutschen in Togo „ihre“ Nigger, dirigieren zu wollen, wird notwendig zum Ziel abführen müssen. Wollen Juden in Palästina wahrhaft leben, so müssen sie mit der palästinensichen Bevölkerung arbeiten und Zusammenarbeiten. Wir kommen hiermit zum zweiten und dritten Kultur- Problem der jüdischen Siedlung. (Fortsetzung folgt.)

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