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Das jüdische Echo · 1922-03-10 · 10 (10.3.1922) · p. Seite 134

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
10 (10.3.1922)
Date
1922-03-10
Page
Seite 134 (sequence 10)
Language
German
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134 Das Jüdische Echo Nr. 10 hat das Geld in seine Tasche schlüpfen lassen und der Welt die Zunge herausgestreckt. Verstehen Sie?“ „Gar nicht dumm... Sonst nichts?“ „Was wollen Sie noch mehr? Soll er Menschen totschlagen, Verbrechen begehen? Man erzählt sich sogar von ihm keine schönen Sachen, aber das ... ist eine Lüge.“ „Zum Beispiel, was denn?“ „Eine Sache mit einem Gutsbesitzer, aber es ist nichts dahinter.“ „Was für eine Sache ist denn das mit dem Gutsbesitzer?“ „Irgendein Gutsbesitzer ... Wechsel ... weiß ich, was man in Kolomea alles ausdenken kann... Es ist alles Lüge ... Ich bin überzeugt, daß es Lüge ist.“ „Wenn Sie überzeugt sind, daß alles gelogen ist, so kann es ihm doch nicht schaden.“ „Er soll mit einem Gutsbesitzer Geschäfte gemacht haben, bei dem er sehr angesehen war, sehr angesehen. Eines Tages starb der Gutsbesitzer; da setzte er einige Wechsel von ihm in Umlauf. Nun erhob sich in der Stadt eine allgemeine Empörung, wieso er zu den Wechseln gekommen wäre, denn man wußte, daß der Gutsbesitzer während seines ganzen Lebens kein Papier unterschrieben hatte ... Kolomea, müssen Sie wissen, ist eine Stadt, die aufpaßt.“ „Nun?“ „Nun. Da hatte er sein Päckel zu tragen.“ „Das ist alles? Ein Päckel hat jeder Jude zu tragen. Haben Sie schon einmal einen Juden gesehen, der kein Päckel zu tragen hätte?“ „Dieser hatte aber, wie man sich erzählte, drei Päckel auf seinen Schultern.“ „Drei Päckel? Was soll er denn noch verbrochen haben?“ „Er soll mit einer Mühle zu tun gehabt haben ... dort soll etwas vorgekommen sein... Aber das ist ganz sicher eine Lüge.“ „Die Mühle ist wohl abgebrannt, und da sagen die Leute, er hätte geholfen, das Feuer schüren? Die Mühle war alt, da hat er sie gut versichert, um eine neue bauen zu können?“ „Wieso wissen Sie, daß die Geschichte sich so abgespielt hat?“ „Ich weiß es nicht, ich denke mir nur, daß es so gewesen sein muß.“ „So erzählt man es sich bei uns in Kolomea, aber ... das ist eine Lüge, ich kann es beschwören, daß es eine Lüge ist.“ „Und wenn es wahr wäre, würde es mich auch nicht stören. Was hat er sich noch zuschulden kommen lassen, — sagen Sie?“ „Ich sage? In der Stadt wird es erzählt. Das ist aber nur, um ihn etwas nachzusagen, eine Verleumdung ist es, reine Verleumdung!“ „Eine Verleumdung? Falschmünzer etwa?“ „Noch schlimmer.“ „Was kann noch schlimmer sein?“ „Es ist eine Schande zu erzählen, was die Leute sich in Kolomea alles ausdenken! Die Hohlköpfe,., die Müßiggänger! Womöglich war es eine angezettelte Sache, um Geld herauszupressen! Sie wissen doch, ein kleines Städtchen — da hat der reiche Mann Feinde!“ * „Er hat wohl mit dem Dienstmädchen etwas vorgehabt?“ „Wieso wissen Sie? Hat man es Ihnen schon erzählt?“ „Erzählt hat man es mir nicht, aber ich kann es mir denken. Diese Verleumdung hat ihn wahrscheinlich ein schönes Stück Geld gekostet?“ „Ich wünschte, wir beide — und ich bin Ihnen kein Feind —< könnten jede Woche so viel verdienen, wie ihn diese Sache gekostet hat, obgleich er ein unschuldiges Lamm ist. Einem reichen Juden, dem es gut geht, gönnt man in einem kleinen Städtchen einfach nichts Gutes!“ „Möglich! Hat er nette Kinder, gute Kinder? Drei Töchter, scheint mir, haben Sie gesagt?“ „Jawohl. Zwei sind verheiratet, eine ledig. Nette Kinder, sehr gute Kinder!“ „Von der ältesten wird zwar gesagt ... aber ... das ist eine Lüge ...“ „Was wird denn von ihr gesagt?“ „Ich sage Ihnen doch, es ist eine Lüge.“ „Ich weiß, daß es eine Lüge ist. Ich will aber die Lüge kennen.“ „Wenn Sie alle Lügen, die in Kolomea umgehen, anhören wollen, dann reichen drei Tage und drei Nächte nicht aus. Von der ältesten erzählt man sich, daß sie die vorschriftsmäßige Perücke abgelegt hat und ihr eigenes Haar trägt. Ich kann bezeugen, daß es eine Lüge ist, denn sie ist nicht so gebildet, daß sie ihr eigenes Haar tragen sollte. Von der zweiten Tochter geht das Gerücht, daß sie noch als Mädchen ... Aber was Kolomea sich nicht alles ausdenken kann... Das ist eine Lüge.“ „Es lohnt sich wirklich anzuhören, was bei Euch in Kolomea alles ausgedacht wird!“ „Ich sage Ihnen doch, daß Kolomea eine Stadt voller Lügen ist, eine Stadt voller Verleumder und langer Zungen. Sie wissen doch, wenn ein Mädchen in einer kleinen Stadt am Abend in dunklen Straßen allein spazieren geht, dann wird daraus eine große Sache gemacht: Was hat ein junges Mädchen in Kolomea am Abend allein mit dem Provisor spazieren zu gehen? ...“ „Das ist alles?“ „Was wollen Sie noch mehr? SoEte sie am Versöhnungstag mit dem Provisor nach Tschernowitz durchgehen, wie man sich von der jüngeren erzählt? Solch! einen Streich sollte sie machen?“ „Was für einen Streich hat denn die jüngere gemacht?“ „Es lohnt sich wirklich nicht, alle Albernheiten, die bei uns in Kolomea umgehen, wiederzuerzählen. Ich rede nicht gern alle Lügengeschichten nach.“ „Sie haben schon sehr viele Lügen erzählt erzählen Sie noch die eine.“ „Ich erzähle nicht meine Lügen, mein Herr, sondern die Lügen anderer. Ich verstehe überhaupt nicht, wieso Sie mich nach jedem einzeln ausfragen, als wären Sie ein Staatsanwalt. Sie gehören, wie mir scheint, zu den Leuten, die von den anderen alles herausziehen, sie bis aufs Blut austfragen und selbst Angst haben, auch nur ein Wort zu sagen... Nehmen Sie mir nicht übel, daß ich Ihnen die Wahrheit sage, Sie sind wohl ein russischer Jude? Die russischen Juden haben eine sehr schlechte Gewohnheit: sie kriechen mit ihren schmutzigen Stiefeln dem anderen bis ins Herz hinein... Die russischen Juden sind, wie mir scheint, Klatschmäuler... Übrigens sind wir sehr bald in Kolomea... Es ist Zeit, die Sachen zusammenzupacken ... Verzeihen Sie!“ Artur Adolf Cohn / Arnold Zweig (Eine kritische Betrachtung unter dem Eindruck der kürzlich in München gehaltenen Vorträge über literarische Fragen.) Arnold Zweig.... Traum, Sehnsucht, Hoffnung, weit gespannte, scharfe Blicke in die Nacht der Nebel, leises halbersticktes Klingen, aufseufzende Töne der Schwermut, dann plötzlich schreiende Klagen tiefer Trauer und Trostlosigkeit, und schließlich Musik, süße, einschmeichelnde Musik, dampfendes, vibrierendes, Schwingen harmonischer Saiten. Immer höher und höher steigende Wellen

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